"Wine & Dine" Brechdurchfall nach Gourmet-Dinner in Fellbach

Symbolbild. Foto: pixabay.com / Didgeman

Fellbach/Weinstadt. Erkrankten die Gäste der schicken „Wine & Dine“-Veranstaltung in der Fellbacher Alten Kelter an Brechdurchfall, weil eine Vorspeise verunreinigt war? Oder war’s einfach ein unglückliches Zusammentreffen vieler Viren und vieler Gourmets? Und wird der sogenannte „Hygienepranger“ Gastronomen die „Existenz kosten“? Heikle Fragen aus der Welt des guten Geschmacks.

Die stille Post, das gemurmelte Gemunkel, ist langsam aber effektiv. Jetzt – zugegebenermaßen einige Zeit nach dem Ereignis – kam folgende Botschaft in der Redaktion an: Aus Wine & Dine, der erlesenen Veranstaltung der Remstal-Route mit Wein und Sekt und feinem Essen, die im Februar in der Fellbacher Alten Kelter stattfand, gingen manche Gäste nicht ohne Schaden heraus. Erbrechen und Durchfall bei rund 200 Teilnehmern, heißt es. Eine Vorspeise soll’s gewesen sein, heißt es.

„Sehr, sehr ärgerlich“, sagt Markus Polinski, Chef des Hebsacker Lamms und zweiter Vorstand der Remstal-Route. Denn: Die stille Post hat recht in Bezug auf den Brechdurchfall. Doch die Vorspeise ist’s wahrscheinlich nicht gewesen. Und auch über die Menge der Erkrankten herrscht Uneinigkeit: Beim Landratsamt ist von einer „geringen Personenanzahl“ die Rede. Nämlich gerade mal von zweien.

Laborergebnisse kein offizieller Nachweis

Doch was genau ist denn jetzt passiert? Tja, das wird sich nicht mehr mit 100-prozentiger Sicherheit klären lassen. Werner Bader, Geschäftsführer der Remstal-Route, sagt: Sobald die Meldung einging, dass das feine Essen nicht spurlos an den Gästen vorübergegangen war, wurden Proben von allen Speisen – man hatte sie zurückbehalten – in ein Fellbacher Labor geschickt. In diesem Labor konnte nichts nachgewiesen werden, was zu der Malaise hätte führen können. Die Laborergebnisse allerdings, so sagt Steffen Kienzle, Pressesprecher des Landratsamts, können nicht als offizieller Unbedenklichkeitsnachweis gelten. Denn die Proben wurden ja nicht von offizieller Seite gezogen. Das Lebensmittelamt sei vielmehr zu spät eingeschaltet worden. Dennoch geht man dort davon aus, dass es eine andere Ursache für die Erkrankungen geben muss. Für eine Lebensmittelvergiftung seien zu wenige infiziert gewesen.

Remstal-Routen-Geschäftsführer Werner Bader weiß außerdem von drei Leuten, die wegen der Erkrankung sogar im Krankenhaus gelandet waren. Dort sei aber wohl auch keine Lebensmittelvergiftung festgestellt worden.

Werden Gastronomen im Internet „an den Pranger gestellt“?

Joachim Schönborn, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, war ebenfalls zur „Wine & Dine“-Veranstaltung eingeladen. Er schreibt: „Auch habe ich selbst von der Vorspeise gegessen, welche mir nicht nur sehr gemundet hat, mir ging es auch nach dem Verzehr ausgezeichnet“. Schönborn ist ziemlich empört. Erstens findet er, dass es „etwas spät“ sei, „nach mehr als vier Monaten nach der Veranstaltung“ noch über solch einen Vorfall zu berichten. Und zweitens – und da wird’s ganz brisant – meint er, dass sich die Gastronomen „in Zeiten der medialen Transparenz“ „gleich durch Veröffentlichung im Internet an den Pranger gestellt“ sähen. Schönborn schreibt von „so unsäglichen Plattformen“ wie „Foodwatch“ oder „Fragdenstaat“. Diese beiden Internetplattformen haben sich unter dem Stichwort „Topf Secret“ zusammengetan: Interessierte können mit wenigen Klicks die Ergebnisse von Hygienekontrollen in Restaurants, Bäckereien und anderen Lebensmittelbetrieben abfragen und online stellen. Schönborn schreibt vom „Deckmantel des Verbraucherschutzes“, und dass dies „nach unserer Auffassung rechtswidrig“ sei. Tatsächlich aber wird hier nicht viel anderes veröffentlicht, als was sowieso schon von öffentlicher Hand ins Netz gestellt worden ist. Auf www.verbraucherinfo.ua-bw.de nämlich listet das Landratsamt alle die Betriebe auf, bei denen das kontrollierende Lebensmittelamt einen erheblichen Verstoß feststellt, der ein Bußgeld von mindestens 350 Euro nach sich zieht. Kleinere Verstöße werden nur veröffentlicht, wenn sie wiederholt festgestellt werden. Und außerdem wird angegeben, wenn der Mangel behoben ist. Übrigens: Das Landratsamt hat gar keine Wahl. Die Veröffentlichung ist gesetzlich vorgeschrieben. Von Rechtswidrigkeit kann also keine Rede sein.

Betriebe, die das Fest beliefert hatten, wurden kontrolliert

Von einem „sehr heiklen Thema“ spricht Gastronom Markus Polinski. Die Kontrollen sollten einem Gastronom helfen, alles so zu lagern und zuzubereiten, „dass die Gäste keinen gesundheitlichen Schaden nehmen“. Man sei nicht gegen Kontrollen. Doch gleich als „schwarzes Schaf“ „gebrandmarkt“ zu werden, sei „schwierig“. Markus Polinski ist „prinzipiell gegen eine detaillierte Auflistung von Mängeln“. Aber man trage „Verantwortung“ gegenüber den Gästen. „Das sollte sich jeder Gastronom zu Herzen nehmen.“

Die „Wine & Dine“-Veranstaltung in der Alten Kelter wird nicht auf der im Volksmund als „Hygienepranger“ bezeichneten Internetseite erscheinen. Und die vier Betriebe, die das Fest beliefert hatten, sucht man dort auch vergebens. Sie waren laut Landratsamt zufälligerweise kurz vor Wine & Dine vom Lebensmittelamt kontrolliert worden. Ohne veröffentlichenswerten Befund. Nach und aufgrund der Brechdurchfall-Welle war in denselben Betrieben nochmals das Gesundheitsamt zugange. Zum Hygiene-Check. Auch da war alles in Ordnung.


Gaststätten-Hygiene im Netz

Das Landratsamt Rems-Murr ist als „Untere Lebensmittelüberwachungsbehörde“ dazu verpflichtet, auffällige Betriebe, die in irgendeiner Weise mit Lebensmitteln zu tun haben, zu veröffentlichen. Dazu gehören neben Gaststätten auch Imbisse, Kiosks, Bäckereien oder Supermärkte.

Die letzte Veröffentlichung ist vom 21. Mai: Bei einer Bäckerei hatten die Hygieniker Schaben, Schmutz und Schimmel festgestellt. Mit beim Befund steht aber auch: „Der Schädlingsbekämpfer kam noch am selben Tag. Bei der Nachkontrolle am 16.04.2019 konnte eine deutliche Verbesserung festgestellt werden.“

Neben schleimigen, blutigen, schimmligen oder sonstigen unangenehmen Belägen, unangenehmen Gerüchen, Schimmel, Schmutz, Ungeziefer oder überschrittenem Haltbarkeitsdatum nehmen die Prüfer auch ins Visier, ob die verwendeten Lebensmittel wirklich jenen entsprechen, die in der Karte angepriesen werden. Wenn beispielsweise billiger Käse aus Kuhmilch verwendet wird, in der Karte aber teurer Schafs- oder Ziegenkäse steht, wird das vermerkt.

Auf der Liste finden sich nur die kritisierenswerten Betriebe. Ob Betriebe, die nicht aufgeführt werden, einwandfrei arbeiten, oder ob sie noch keinen Besuch hatten, lässt sich nicht herauslesen.

Das Landratsamt Rems-Murr hat diverse Verstöße zu berichten. Andere Landratsämter füllen ihre Formulare nicht entsprechend häufig aus. Ob sie das nicht tun, weil keine Beanstandungen zu berichten sind, weil weniger kontrolliert wird oder weil ungern veröffentlicht wird, lässt sich nicht erkennen.

Allerdings finden hiesige Betriebe dieses Missverhältnis nicht gerecht.

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