Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Chronik Teil 1: Eine Stadt stellt sich dem Unfassbaren

März 2009: Kerzenmeer vor der Albertville-Schule zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufs in Winnenden. Foto: Büttner/ZVW

Winnenden. Der 11. März 2009 war der einschneidendste, vernichtendste Tag in der Geschichte des Rems-Murr-Kreises – in den zehn Jahren seit dem Winnender Amoklauf aber hat das Gemeinwesen oft seine Stärke bewiesen. Debatten um Schuld und Verantwortung, um würdige Formen des Gedenkens und um das deutsche Waffenrecht haben diese Jahre geprägt. Eine Chronik.


Teil 1: Eine Stadt stellt sich dem Unfassbaren - Sie sind hier
Teil 2: Wer Waffen hat, trägt Verantwortung
Teil 3: Der lange Weg in die Zukunft

Hier geht es zur gesamten Berichterstattung seit 2009


15 Menschen - Mittwoch, 11. März 2009

9.30 Uhr
Ein 17-Jähriger betritt die Albertville-Schule, an der er ein Jahr zuvor seinen Realschulabschluss gemacht hat, bewaffnet mit einer 9mm-Pistole, Marke Beretta.

9.33 Uhr
Der erste Notruf, per Handy von einem Schüler, geht bei der Polizei ein.

9.35 Uhr
Die Winnender Polizisten Sebastian Wolf, Tobias Obermüller und Thomas Schnepf sind normale Streifenbeamte, keine Kräfte eines Spezialeinsatzkommandos, aber sie haben einen Fortbildungskurs der Polizeidirektion Waiblingen absolviert: Wie kann ich in Extremsituationen unter „hoher Eigengefährdung einen Erstzugriff“ machen? Ohne zu zögern, gehen die drei Beamten in die Schule. Aus dem ersten Stock hören sie Schüsse, eine Gestalt feuert von oben auf sie und flieht. In einem Klassenzimmer findet die Polizei fünf tote Jugendliche, in einem zweiten vier Opfer, zwei sind tot, zwei werden später ihren Verletzungen erliegen. Durch die geschlossene Tür zum Physikraum hat der Massenmörder eine Lehrerin erschossen und auf dem Flur bei seiner Flucht zwei weitere Lehrkräfte umgebracht. Jacqueline Hahn, Stefanie Kleisch, Selina Marx, Viktorija Minasenko, Nicole Nalepa, Chantal Schill, Jana Schober, Kristina Strobel und Ibrahim Halilaj; Michaela Köhler, Nina Mayer und Sabrina Schüle: Zwölf Menschenleben – wären die drei Polizisten nicht so schnell eingeschritten, hätte es noch mehr Opfer gegeben.

9.36 Uhr
Der Täter flieht aus der Schule. Auf seinem Weg durch den Park beim Zentrum für Psychiatrie erschießt er den Bediensteten Franz Josef Just, der den Abfluss am Ententeich reinigt.

9.41 Uhr
Eine Großfahndung der Polizei läuft an, bald sind rund 800 Kräfte im Einsatz. Weil unklar ist, wohin sich der Täter gewandt hat, überwacht die Polizei alle Schulen der Gegend und durchstreift die Stadt. Das Rote Kreuz richtet drei Betreuungszentren ein, unter anderem in der nahen Hermann-Schwab-Halle.

9.45 Uhr bis 12.30 Uhr
Auf einem Parkplatz nimmt der Amokläufer einen in seinem Auto Sitzenden als Geisel und zwingt den 41-Jährigen, ihn zu chauffieren. Die Fahrt endet beim Wendlinger Kreuz: Der Fahrer lenkt sein Auto aufs Grün neben der Straße, springt heraus und rennt zu einem Streifenwagen. Der 17-Jährige flieht zu Fuß ins Wendlinger Industriegebiet, erschießt in einem Autohaus den Verkäufer Denis Puljic und den Kunden Sigurt Wilk, geht ins Freie, wird bei einem Schusswechsel mit Polizisten an den Beinen verletzt, verschanzt sich wieder im Autohaus, schleppt sich erneut hinaus und verwundet eine Polizistin und ihren Kollegen schwer.

12.30 Uhr
Nachdem er im Laufe des Vormittags 112 Schüsse abgegeben, fünfzehn Menschen getötet und dreizehn verletzt hat, erschießt der Amokläufer sich selbst.

Fragen - 11. bis 15. März 2009

Die ersten Tage danach

Viele Fragen gären.

Die Frage nach dem Warum: Gerüchte gehen um. Unter anderem kursiert ein denkbares Tatmotiv, Mobbing, das sich allerdings später als falsch herausstellen wird.

Die Frage nach der elterlichen und psychiatrischen Verantwortung: Der Vater des Täters ist Sportschütze und hatte 15 angemeldete Waffen zu Hause. 14 waren korrekt in einen Tresor eingeschlossen, eine lag im Schlafzimmer. Diese eine trug der Amokläufer bei sich und hatte auch die Munition aus nicht ordentlich verwahrten Beständen des Vaters. Zwischen April und September 2008 war der Junge zu mehreren Beratungsterminen in der Psychiatrie Weinsberg – beim ersten Gespräch berichtete er, er werde vom quälenden Gedanken heimgesucht, Menschen erschießen zu wollen. Die Behandelnden sahen darin offenbar keine Gefahr.

Die Frage nach dem Waffenrecht: Warum ist es erlaubt, als Privatmensch zu Sportzwecken eine derart brutal durchschlagskräftige, großkalibrige Waffe wie jene Beretta zu besitzen?

Die Frage nach der Rolle der Medien: Winnenden gerät unter mediale Belagerung, Teams von der Bild bis zur Süddeutschen, von CNN bis Al Dschasira eilen herbei. Es kommt zu schweren Grenzverletzungen: Journalisten bieten Jugendlichen Geld, wenn sie fotogen weinen. Bei Beisetzungen stellen sich Fotografen auf Autodächer, um über die Friedhofsmauer Bilder zu erhaschen. Redaktionen durchkämmen das Internet nach Fotos von Täter und Opfern. Schüler hängen ein Schild in ein Fenster: „Lasst uns in Ruhe trauern.“

Aber auch die Stärke des Gemeinwesens offenbart sich: Die Menschen stehen einander bei, Ehren- und Hauptamtliche, Polizei, Rotes Kreuz, Feuerwehr, wachsen über sich hinaus. Rund 80 teils von weither angereiste Psychologen kümmern sich um Traumatisierte, vor der Schule entzünden die Menschen Kerzen und legen Briefe nieder.

Ein Traum - 16. bis 25. März 2009

16. März
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitet ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung gegen Jörg K., den Vater des Amokläufers, ein, weil er die Beretta nicht korrekt aufbewahrt hat. Bald zeichnet sich ab, dass die Behörde den Fall mit einem schriftlichen Strafbefehl auf schnellem Wege beilegen will. Eltern von Erschossenen finden: Es bedürfe einer Gerichtsverhandlung.

21. März
In einem offenen Brief richten sich mehrere Opfer-Familien an Bundespräsident Köhler, Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Oettinger: „Wir wollen, dass sich etwas ändert in dieser Gesellschaft, und wir wollen mithelfen, damit es kein zweites Winnenden mehr geben kann.“ Ihre Forderungen: „Wir wollen, dass der Zugang junger Menschen zu Waffen eingeschränkt wird. Wir wollen weniger Gewalt im Fernsehen. Wir wollen, dass Killerspiele verboten werden. Wir wollen mehr Jugendschutz im Internet. Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden. Wir wollen, dass die Tat aufgeklärt und aufgearbeitet wird.“

21. März
In der katholischen Stadtkirche St. Karl Borromäus findet eine Trauerfeier statt, die auch ins Herbert-Winter-Stadion und Kirchen und Hallen im Landkreis übertragen wird. Die Polizei zählt allein in Winnenden 8500 Trauergäste, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier. Bundespräsident Horst Köhler findet Worte, die vielen aus der Seele sprechen: „Ja, wir haben Angst und sind ratlos. Aber solange wir einander halten und helfen können, sind wir nicht hilflos.“ Noch eindringlicher ist der Beitrag von Schülern: Unterm Motto „Ich habe einen Traum“ stellen sie Symbole in der Kirche auf, ein Herz für die Liebe, Hände für Hilfsbereitschaft, Fußabdrücke für den Weg in die Zukunft, ein Zeugnisheft für die Prüfungen, die das Leben stellt, Ringe für Freundschaft, ein Tanzkleid für die Lebensfreude, einen Scherenschnitt für die Familie, Sonnenblumen für das Licht.

25. März
Für die 580 Albertville-Schüler beginnt wieder der Unterricht, zunächst in den Klassenräumen umliegender Schulen.

Waffenstreit - April bis November 2009

22. April
Zwei Gremien, die Lehren aus dem Massenmord ziehen sollen, werden eingesetzt: ein Expertenkreis Amok unter Leitung des Ex-Regierungspräsidenten Udo Andriof, ein Sonderausschuss des Landtags unter Federführung des CDU-Abgeordneten Christoph Palm, Fellbach.

8. Mai
Angehörige Erschossener schließen sich zusammen zum Aktionsbündnis Amoklauf. Auch wenn manche Hoffnungen in bittere Enttäuschungen münden werden – diese Eltern werden vieles erreichen: Ihr Engagement ist ein entscheidender Grund, weshalb die Aufarbeitung der Geschehnisse in Winnenden besser gelingen wird als nach dem Amoklauf von Erfurt 2002.

18. Mai
Die Schüler beziehen die provisorische Albertville-Realschule, gebaut aus Containern.

17. Juli
Das Waffengesetz wird geändert – ein bisschen: Waffenbesitzer sollen künftig öfter kontrolliert werden, ob sie Pistolen und Gewehre ordentlich aufbewahren, das Mindestalter für das Training mit Großkalibern wird auf 18 Jahre angehoben. Das Aktionsbündnis Amoklauf hatte gehofft, dass großkalibrige Kurzwaffen wie die Beretta für Privat- und Sportgebrauch ganz verboten werden, und bilanziert: Letzten Endes seien „die Privilegien der Sportschützen“ weitgehend unangetastet geblieben.

Anfang August
Die Täter-Eltern schreiben an die Opfer-Eltern einen Brief. „Die Pistole, die Tim benutzt hat, kam aus unserem Haus. Diese Last wird uns ein Leben lang bleiben“, heißt es darin. Dass die schlampige Aufbewahrung der Beretta in die abstrakte Formulierung „kam aus unserem Haus“ gepackt wird und dass nur vage von einer „Last“ die Rede ist, nicht konkret von „Verantwortung“, lässt manche an der Ehrlichkeit des Briefes zweifeln – sie vermuten, das Schreiben sei ein Versuch, gut Wetter zu machen. Denn immer noch schwebt die Entscheidung, ob die Geschehnisse mit einem Strafbefehl abgehakt oder in einer Verhandlung aufgearbeitet werden sollen.

30. September
Der Expertenkreis Amok legt einen Abschlussbericht mit 83 Empfehlungen vor, von schulischen Türknaufsystemen, die ein schnelles Verriegeln ermöglichen, bis zu Forschungsprojekten zur Früherkennung von Gefahren. Bei einem Thema wird die Kommission überraschend deutlich: „Die wissenschaftliche Auswertung von Amoktaten zeigt“, dass die leichte Verfügbarkeit von Waffen eine „erhebliche Rolle“ spiele. Die Bedürfnisprüfung für den Waffenbesitz solle deshalb verschärft, die Altersgrenze zum Sportschießen mit Großkalibern auf 21 Jahre angehoben werden. Die Politik greift die Vorschläge zum Waffenrecht nicht auf.

18. November
Gründung der „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“: Die aus dem Aktionsbündnis Amoklauf erwachsene Stiftung wird zu einem international beachteten Impulsgeber für Präventionsprojekte und wissenschaftliche Forschungen werden.

27. November
Die Staatsanwaltschaft erklärt, sie werde nun doch eine mündliche Verhandlung gegen Jörg K. anstreben. Das Verfahren solle einer „vollständigen Aufklärung“ dienen und das öffentliche Bewusstsein dafür schärfen, dass Waffen korrekt aufbewahrt werden müssen – hinter den Kulissen hat der Generalstaatsanwalt die ihm untergeordnete Behörde dazu angewiesen. Der Kampf der Opfer-Eltern um einen Prozess hat sich ausgezahlt.

In der Kirche

Gottesdienste erwiesen sich in den ersten Wochen nach dem Amoklauf für viele – selbst für Menschen, die nicht glauben – als Halt. Aufgehoben zu sein im Ritual, das tat gut. Was auffiel: Die Geistlichen ergingen sich nicht in der Verkündung wohlfeiler Heils- und Trostgewissheiten, sondern drückten auch ihre eigene Ratlosigkeit ehrlich aus. „Wir wissen kaum, was wir beten sollen“, sagte einer. Ein anderer: An der Albertville-Realschule habe er einen Zettel hängen sehen, auf dem stand: „Gott, wo warst du?“ Es gebe dafür, „wenn wir ehrlich sind, keine Erklärung“. Immer wieder trafen Geistliche gerade dadurch den richtigen Ton, dass sie keine vorschnell beruhigenden Antworten verkündeten, sondern Kirche einfach zum Ort machten, an dem im gemeinsamen Gebet und Gesang der Kummer Ausdruck findet.

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