Winnenden 180 Flüchtlinge in privaten Wohnungen

Team der Stabsstelle für Integration: Manuela Voith, Christel Degendorfer, Sabine Mamedov, Ann Kristin Fischer und Amer Mazketly. Foto: Gabriel Habermann

Winnenden. Von den 452 Flüchtlingen, die seit 2015 nach Winnenden gekommen sind, sind 180 in privaten Wohnungen untergebracht. Eine überraschend hohe Zahl, findet zum Beispiel SPD-Stadtrat Andreas Herfurth. Im Wohnen funktioniert die Integration ganz gut. Aber es gibt noch sehr viel zu tun, bis ein Großteil der Flüchtlinge in Arbeit ist.

Die Stabsstelle Integration im Rathaus arbeitet daran und hat einen umfassenden Bericht vorgelegt. In dem klafft eine Lücke: Zurzeit weiß niemand, wie viele der 452 Flüchtlinge bereits eine ganz normale Arbeit gefunden haben, also ihr Geld selbst verdienen und täglich mit Arbeitskollegen ins Gespräch kommen. Es sind einige, schließlich haben wir in der Zeitung schon welche von ihnen vorgestellt. Nur sind sie nicht systematisch von einer Statistik erfasst, und deshalb nennt Manuela Voith, die Leiterin der Stabsstelle für Integration, vorerst keine Zahlen. Wer bis Ende letzten Jahres Arbeit gefunden hat, schaffte dies meist über die Vermittlung von Ehrenamtlichen oder über die Stabsstelle oder über eine Gruppe von Winnender Unternehmern, die sehr engagiert für Flüchtlinge Arbeitsplätze bereithielten, die sie mit Einheimischen nicht mehr besetzten konnten. „Es gibt welche, die bei uns nicht erfasst sind, und die sehr schnell nach ihrer Ankunft im Raum Winnenden Arbeit gefunden haben“, sagt Manuela Voith im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir müssten, um genaue Zahlen zu bekommen, systematisch alle 452 Winnender Flüchtlinge fragen.“

 

Weg in die Arbeit: Zurzeit 22 Flüchtlinge in Beratung

Was die Integrationsprofis der Stadt aber haben, das sind Zahlen über jene Flüchtlinge, die zurzeit über die Stabsstelle Arbeit suchen. Sie kommen seit 1. Dezember zu Integrationsmanagerin Sabine Mamedov und ab sofort auch zu Ann Kristin Fischer, die seit wenigen Tagen zum Team der Stadt gehört. Die beiden beraten Einzelpersonen, helfen ihnen weiter, vermitteln sie in Kurse oder in Bewerbungsgespräche. 22 Flüchtlinge hat Sabine Mamedov vom Dezember bis zum Februar beraten und hat mit ihnen Integrationspläne vereinbart. An den 22 Menschen hat sie gemerkt: 36 Prozent sind nach ihrer Einschätzung integrationsnah, sind in der deutschen Sprache und in den beruflichen Voraussetzungen weit genug, um ins Berufsleben einzusteigen. 64 Prozent beurteilt sie als „komplex“. Es sind Menschen, die noch unterschiedliche Hindernisse zu überwinden haben, deren Sprachkenntnisse noch nicht ausreichen, die gesundheitlich nicht auf der Höhe sind, die vielleicht durch Traumata geschädigt sind. Was immer sie brauchen – Sabine Mamedov versucht, es ihnen zu vermitteln, schaut, dass sie in Sprachkurse gelangen und diese auch bezahlt bekommen, knüpft Kontakte zu psychologischen Beratungsstellen oder verhandelt mit Landesbehörden, damit diese ein Berufszeugnis aus Syrien oder dem Irak in Deutschland anerkennen.

Bei Mamedov war ein Mann aus Syrien, der 14 Jahre als Grundschullehrer gearbeitet hat. „Er kann hier als Erzieher arbeiten, muss aber einen Anpassungslehrgang machen“, erzählt die Integrationsmanagerin. Wenn das alles gelingt, ist es ein Erfolg der Integrationsmanager – und meistens auch ein Erfolg vieler Ehrenamtlicher, die den Flüchtlingen Wege zeigen, auch Wege ins Rathaus zur Stabsstelle.

Zeugnisse müssen erst bestätigt werden

Anderer Fall: Ein Flüchtling hat mit Hilfe von Ehrenamtlichen eine Firma gefunden, bei der er arbeiten könnte – wenn er ein anerkanntes Zeugnis hätte. „Ich habe mit dem Regierungspräsidium verhandelt“, sagt Mamedov, nach einer Woche war das Zeugnis aus dem Herkunftsland für deutsche Verhältnisse bestätigt.

Gespräche über den Einstieg ins Arbeitsleben, über Sprachkenntnisse, Zeugnisse, Beruf im Herkunftsland und mehr dauern lange. Am Tag schafft Mamedov zwei bis drei solcher Gespräche. Jedes muss vorbereitet und nachbereitet werden, der Integrationsplan muss einvernehmlich formuliert beschlossen und weitergepflegt werden. Zweitgespräche folgen auf Erstgespräche. Mit 22 Menschen hat Mamedov Pläne gemacht, und mit zwölf von ihnen bereits ein Zweitgespräch geführt. Sie braucht Zeit und braucht Verstärkung, wenn sie von 452 Winnender Flüchtlingen alle in Arbeit vermitteln soll, die arbeitswillig und -fähig sind. „Ist denn Land in Sicht?“, fragte SPD-Stadtrat Hans-Dieter Baumgärtner in einer Gemeinderatssitzung zum Integrationsbericht. „Definitiv ja“, antwortete Integrationsmanagerin Sabine Mamedov, „es dauert halt noch länger.“

Wohnungen: Die Stadt hat alle Pflichten erfüllt

Viel Arbeit haben Ehrenamtliche und die Profis von der Stadt bei der Integration von Flüchtlingen in Wohnungen. Da sind sie allerdings erstaunlich weit gekommen. Die Stadt hat nach Aussage von Manuela Voith und nach Bestätigung von Immobilienverwalter Ralf Köder alle Unterbringungspflichten jetzt erfüllt. Noch im Oktober letzten Jahres sah es eng aus. Aber zu Beginn von 2018 waren sich Stadt und Landkreis einig: Die Stadt mietet vom Landkreis Wohnungen in den beiden Groß-Unterkünften am Eschenweg im Schelmenholz und an der Albertviller Straße zwischen Bildungszentrum II und Zipfelbach. 106 Personen bringt die Stadt am Eschenweg unter, 92 an der Albertviller Straße.

180 Flüchtlinge in privaten Wohnungen

Noch erstaunlicher ist aber, was Ehrenamtliche vom Freundeskreis Asyl und die städtische Immobilienmanagerin Angela Eberl geschafft haben: 180 Flüchtlinge haben sie in private Wohnungen vermittelt. „Diese Zahl hat mich angenehm überrascht“, meinte SPD-Stadtrat Andreas Herfurth, „das könnte ja bedeuten, dass ein Ruck durch Winnenden gegangen ist.“ Im Jahr 2015 hatten Gemeinderäte länger über leerstehende Privatwohnungen diskutiert und überlegt, wie man Wohnungsbesitzer davon überzeugen könnte, dass sie Vermieter für Flüchtlinge werden sollten. Das ist jetzt in vielen Fällen geschehen. Die Stadt hat nach Angaben von Angela Eberl 38 Personen in Privatwohnungen vermittelt. Weil die Stadt selbst als Hauptmieter auftritt und an die Flüchtlinge weitervermittelt, mindern sich die Risiken für Vermieter. Aber es geht auch ohne Stadt: Ehrenamtliche haben für 140 Flüchtlinge Wohnräume gefunden, oft auch Flüchtlinge bei sich im Haus aufgenommen. Damit ist viel Not gemildert.

Noch stehen in Winnenden Wohnungen leer

Aber im Gespräch mit unserer Zeitung sieht Manuela Voith die Lage ganz ernüchtert: „Da ist noch Luft nach oben.“ Immer noch stehen in Winnenden Wohnungen leer, während Flüchtlinge und Einheimische dringend Wohnräume bräuchten. Es könne auch keine Dauerlösung sein, dass Flüchtlinge in Wohnheimen des Kreises bleiben. Weiterhin hofft Voith darauf, dass Privatleute Wohnungen vermieten, und erzählt von einigen wenigen Einzelfällen: „Leute kamen zu uns, die gerade neu bauen, ein Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung, und die gerne Flüchtlinge aufnehmen.“ Mehr solcher Hausbesitzer sind willkommen bei Manuela Voith (Telefon 07195/1 33 27, E-Mail: manuela.voith@winnenden.de).

Deutsche Sprache: Der wichtigste Integrationsfaktor

Um in Privatwohnungen zu gelangen und um in der Arbeitswelt integriert zu werden, brauchen Flüchtlinge vor allem eines: die deutsche Sprache. Die Volkshochschule leistet viel dafür: 59 Module mit je 100 Unterrichtsstunden hat sie angeboten. Es sind Integrationskurse, zu denen auch Alphabetisierungskurse oder Zweitschriftkurse gehören. Ein Sprechcafé für Frauen kommt hinzu und mehr. Wieder leisten Ehrenamtliche sehr viel bei der sprachlichen Integration: Im Büchner-Gymnasium arbeitet eine AG Migranten wöchentlich. In der Alten Kelter laufen an drei Tagen der Woche Deutschtrainings für Migranten. Montags und dienstags geben Ehrenamtliche einen Sprachkurs für Frauen im Heim im Schelmenholz und freitags im Heim in der Albertviller Straße. Es geschieht sehr viel für die sprachliche Integration und bei den regelmäßigen Treffs mit Flüchtlingen treffen Einheimische oft auf Migranten, die Deutsch sprechen. Aber auch hier gilt: Bedarf an Deutschunterricht besteht weiterhin.

Gefordert: Flüchtlinge müssen sich einbringen

Und es wohnen in Winnenden auch Flüchtlinge, die wenig Hilfe bekommen, weil sie keine Aussicht auf Bleiberecht haben. Zu ihnen zählen zum Beispiel die 37 Gambier, die in der Unterkunft des Landkreises leben, und die das Land Baden-Württemberg in ihr Herkunftsland zurückschicken möchte. Wenn einer von ihnen zufällig doch zur Integrationsmanagerin kommt, wird er nicht abgewiesen, versichert Sabine Mamedov – angeworben für Integrationsmaßnahmen werden sie aber nicht. Das ist anders bei den vielen mit Bleibeperspektive. Sie bekommen Hilfe, wenn sie selbst etwas unternehmen, wenn sie einen persönlichen Plan für Integration akzeptieren, unterschreiben und umsetzen. „Wir arbeiten nach dem Prinzip des Förderns und Forderns“, erklärt Manuela Voith.

Der gesamte 94 Seiten starke Bericht zum Stand der Integration von Flüchtlingen kam in einer Gemeinderatssitzung sehr gut an. „Großartige Arbeit“, meinte Martin Oßwald-Parlow (ALi), und Bettina Jenner-Wanek (CDU) sagt: „Sie sind in große Fußstapfen getreten, und Sie füllen sie perfekt aus.“

Die Stabsstelle

  • Um alle Migranten in der Stadt kümmert sich die Stabsstelle für Integration in der Winnender Stadtverwaltung.
  • Chefin ist Manuela Voith, die Nachfolgerin von Franka Zanek.
  • Mit ihr arbeiten Assistentin Christel Degendorfer und die Bundes-Freiwilligen-Dienstler Juliana Eusebi und Amer Matzketly.
  • Seit 1. Dezember ist Sabine Mamedov Integrationsmanagerin in der Stabsstelle. Am 1. März kam Ann Kristin Fischer als zweite Integrationsmanagerin hinzu. Eine Dritte soll folgen.
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