Winnenden Aufzug am Bahnhof fällt dreieinhalb Monate weg

Die Aufzüge von Gleis 1 (rechts), wo regulär nie ein Zug hält, zu den Gleisen 2 und 3 werden vom 13. Januar bis 24. April ausgetauscht. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Winnenden.
Die Sanierung und Verschönerung der Bahnunterführung zwischen den Gleisen war eine fulminante Verbesserung des Winnender Bahnhofs, ein schönes Geschenk der Deutschen Bahn im Heimattagejahr 2019. Und nun, gleich am Montag, 13. Januar, beginnt die nächste Baustelle: Der schon zigmal verfluchte, weil störungsanfällige Aufzug von und zu den Gleisen 2 und 3 wird komplett ausgetauscht. Dann ist (hoffentlich) Schluss mit Reparatur hier, Wartung da und trotzdem blockierenden Türen.

Doch statt Lobgesängen hören die Verantwortlichen viel Schimpferei. Denn eine Kehrseite hat die Aufzug-Erneuerung für die Bahnreisenden: Voraussichtlich dreieinhalb Monate lang gibt es die Lifte überhaupt nicht. 15 Wochen brauchen die Monteure, für Unvorhergesehenes ist der Zeitpuffer schon eingerechnet. Nach dem Plan der DB Station und Services sollte der runderneuerte Aufzug wieder am 24. April laufen, gut eine Woche, bevor das nächste große Event in Winnenden stattfindet, der „Wonnetag“ mit verkaufsoffenem Sonntag in den Geschäften und der Vorstellung des neu gewählten Winnender Mädle am 3. Mai.

Was bietet die Bahn in dieser langen Zeit Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, die Kinderwagen, Fahrrad oder gar schwere Koffer dabei haben, alternativ an?

Reisende mit Fahrrad oder Kinderwagen

Sie nutzen die metallenen Schienen auf den Treppen der Bahnunterführung und können gegebenenfalls einen anderen Reisenden bitten, ihnen zu helfen.

Schweres Gepäck, schwere Kinderwagen

Die Bahn schickt Mitarbeiter an den Winnender Bahnhof, die helfen. Der Trageservice ist aber beschränkt auf die Hauptverkehrszeiten, von Montag bis Freitag von 6 bis 10 Uhr und von 16 bis 20 Uhr.

Reisende im Rollstuhl

Die Bahn schickt sie weg. Mit dem Bus 339 zum Schwaikheimer Bahnhof. Dieser ist stufenfrei erreichbar.

Der Bus 339 fährt von Montag bis Freitag zwischen 6 und 20 Uhr stündlich an Steig 6 des Zentralen Omnibusbahnhofs ab, braucht zehn Minuten und bietet Anschluss an eine S-Bahn. Am Wochenende gibt es täglich jedoch nur sechs Fahrten, alle zwei Stunden. Wer aus Stuttgart kommt und in Schwaikheim aussteigt, kann stündlich zwischen 5.40 und 19.40 Uhr den Bus 339 nach Winnenden nehmen.

Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth hakte bei den Bahnvertretern nach, ob Rollstuhlfahrer abends das Taxi erstattet bekommen, was Stefan Egger zunächst verneinte. Seine Kollegin Kathrin Jost aber wird es ihrem Vorgesetzten vortragen.

Gemeinderäte hätten sich Alternativen vor Ort

Als die beiden Vertreter der DB-Bauabteilung das Projekt im Gemeinderat der Stadt Winnenden vorstellten, reagierten einige Bürgervertreter sauer. „Das ist völlig inakzeptabel, dass nach 20 Uhr keine Träger mehr da sind“, sagte Susanne Kiefer (ALI), die viel mit dem Fahrrad verreist. „Das trägt zusätzlich zum bisherigen Unmut über die Bahn bei“, meint sie. Kathrin Jost versprach: „Ist mehr Bedarf da als acht Stunden am Tag, vier morgens und vier abends, kann man das nachbessern.“

Stadtrat und Landtagsabgeordneter Siegfried Lorek (CDU) schimpfte ebenfalls mit den Leuten von der Bahn. Er kritisierte erstens die lange Umbauzeit, ihm seien von Bahnmanager Michael Groh zwölf Wochen genannt worden, nicht 15. Kathrin Jost kann sich das nicht erklären. Zweitens stinkt Lorek, dass Rollstuhlfahrer keine Alternative nach 20 Uhr haben, weil kein Bus mehr von Schwaikheim nach Winnenden fährt. „Warum können nicht wenigstens die Züge aus Stuttgart an Gleis 1 halten, dann wären 50 Prozent barrierefrei!?“, hakte Lorek nach. Diese Ausnahme wird ab und an gemacht, zum Beispiel, wenn der Aufzug defekt ist und sich ein Reisender mit Rollstuhl anmeldet. Die Bahn will die Züge aber nicht grundsätzlich auf Gleis 1 umleiten. Kathrin Jost erklärt: „Dann muss der Zug eine Weiche mehr fahren und der Fahrplan ist nicht mehr einzuhalten.“ Stadtrat Richard Fischer (CDU) bat die Bahnleute dennoch, die Einbindung des Gleises 1 „zu prüfen“, sein Fraktionskollege Thomas Traub fragte, ob nicht ein provisorischer Gleisübergang aus Beton für drei Monate geschaffen werden könne. „Bei der Stadtbahn in Stuttgart, die einen viel höheren Takt hat, ist das möglich. Und Ihre Mitarbeiter vom Trageservice könnten die Aufsicht führen“, schlug er vor.

Bochnig: Stabilisierung der alten Weiche versäumt

Die Winnender Bürgerin Angelika Bochnig, die auf einen schweren Elektrorollstuhl angewiesen ist, hörte sich die Pläne der Bahn im Ratssaal an und unterhielt sich anschließend mit unserer Zeitung darüber. Sie kritisiert, dass die Deutsche Bahn nicht schon längst die notwendigen Schritte erledigt hat, damit Gleis 1 wieder ohne Zeitverzögerung ansteuerbar ist. „Auf der alten Weiche ist die Stabilität nicht mehr gegeben, was dazu führt, dass die S-Bahn auf der Brücke fast Schritttempo fahren muss“, sagt Bochnig. Demnach wurde nicht nur der Austausch der Aufzüge um mehrere Jahre verschlafen, sondern auch die Schaffung einer Alternative für ihren Ausfall. „Ich bin nicht glücklich über die lange Bauzeit. In der Zeit habe ich vier wichtige Termine in Stuttgart. Dort einen Parkplatz für ein Behindertenauto zu bekommen, ist unmöglich.“

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