Winnenden Bäckerei verärgert über Bon-Pflicht

Leise rieseln die Bons: Brigitte Hoß schüttet die an einem Tag gesammelten Zettel aus. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Winnenden.
Neulich im Supermarkt zwei Päckle Hefe gekauft. Macht 30 Cent. „Haben Sie eine Payback-Karte?“ Nein. „Wollen Sie den Kassenbon behalten?“ Nein. Natürlich nicht. Die Frau an der Kasse zerknüllt den Bon und wirft ihn in einen Eimer. Sie muss das machen. Bäcker sind bisher noch verschont. Eine Brezel für 80 Cent gibt’s noch ohne lästiges Fragen, Knüllen und Wegwerfen. Aber die Schonzeit für Bäcker endet am 31. Dezember. Ab dann haben auch die Bäcker Bon-Pflicht, selbst wenn ich nur zwei Weckle kaufe. Wie wird das dann in der Bäckerei?

80 Prozent der Kunden verweigern den ausgedruckten Kassenbon

Die Biobäckerei Weber hat das am Samstag ausgetestet. Jeden, absolut jeden Kunden fragten sie beim Bezahlen: „Wollen Sie einen Kassen-Bon?“ 80 Prozent der Kunden sagen „Nein“, erzählt Verkäuferin und Gesellschafterin Brigitte Hoß. Sie und ihre Kolleginnen haben jeden abgelehnten Bon unzerknüllt in einen Karton geworfen. Am Montag holte Hoß den Karton mit den Bons nach vorne und schüttete ihn über den Tresen auf den Boden des Verkaufsraums der Bäckerei. Leise rieselten die flockigen Zettelchen und bedeckten den Bodenbelag mit einer strahlend weißen Schicht – es war wie Frau Holle und Winterweihnachten zugleich. Ein kleines Kind kam mit seiner Mama in die Bäckerei, klaubte neugierig ein paar Zettelchen auf, fand es dann aber gar nicht märchenhaft und fing an aufzuräumen.

Direkt auf den Fußboden werden die Kunden den Zettel nicht werfen

Schön sind sie gar nicht, die vielen sinnlosen Kassenbons. Dass es an einem einzigen Tag so viele würden, kann man sich erst richtig vorstellen, wenn man es gesehen hat, wenn man zufällig in die Bäckerei Weber in Winnenden kam, als die Bäckersleute ihre Kassenzettelsammlung ausschütteten. Im nächsten Jahr werden die Kassenbons vielleicht genau dort landen, wo Brigitte Hoß sie am Montag hingeworfen hat: auf dem Fußboden vor der Verkaufstheke. Denn die Vorschrift des Finanzamts ab dem nächsten Jahr lautet: Der Bäcker muss den Bon ausdrucken, auch wenn einer nur zwei Wecken kauft. Und die Verkäuferin muss den Bon an die Kunden weiterreichen, denn die Vorschrift heißt „Kassenbon-Ausgabepflicht“. Wahrscheinlich übertreibt Geschäftsführer Klaus Späth, wenn er meint, seine Kunden würfen die Zettel auf den Boden. Weber ist eine Biobäckerei – die meisten Leute, die dort einkaufen, haben ein ausgeprägtes Umweltverständnis. Sie werden die aufgenötigten Kassenbons zerknüllen, in den Kittelsack stecken und zu Hause in den Papiermüll werfen – wenn der Zettel unterwegs beim Fahrradfahren nicht versehentlich rausfällt und auf der Straße liegen bleibt.

Beim Biobäcker druckt die Kasse auf Normalpapier

Klaus Dernbecher und Klaus Späth, die Geschäftsführer der Bäckerei Weber, machen sich schon Gedanken, wo die Zettel alle hinfliegen, wenn sie zwangsausgeteilt werden. Weber hat ja noch einen kleinen Umweltvorteil bei der Bon-Druckerei: Ihre Kasse spuckt Zettel aus Normalpapier aus, viele andere Kassen arbeiten mit Thermopapier, das noch einiges an zusätzlicher Chemie, zumindest den auf Hitze reagierenden Farbstoff in einer Schicht enthält. Den Bäckern tut es leid, dass sie durch die neue Vorschrift gezwungen sind, kleine Fetzelchen von Papierabfall zu produzieren. Bei Weber werden es pro Jahr etwa 60 000 Zettel sein, die an die Kunden ausgegeben werden müssen. Vielleicht wird das Papier recycelt, vielleicht landet es irgendwo in der Umwelt. Auf jeden Fall wird es produziert, werden Bäume gefällt, um es herzustellen, und wird CO2 verbraucht. Und das alles, obwohl alle Verkäufe in der Bäckerei sowieso in der Kasse registriert werden. „Sie werden auf eine Smartcard gespeichert, die das Finanzamt jederzeit herausnehmen und lesen kann“, sagt Klaus Späth. Wenn die gespeicherten Daten auch noch ausgedruckt werden, gewinnt der Staat keine weitere Erkenntnis hinzu. Es entstehen bloß mehr Papierschnipsel.

Die Bäcker-Innung des Landes versucht, für Bäcker eine Befreiung von der Bon-Pflicht zu erreichen. Allerdings kommt die Anordnung aus Berlin und heißt wörtlich: „Kassensicherungsverordnung“. Auf Landesebene ist da wenig zu erreichen. Die Biobäckerei Weber versucht deshalb auch noch auf dem direkten Weg, eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen: Die beantragt sie beim zuständigen Finanzamt.

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