Winnenden Betrug mit großen Kinderaugen?

Promis kreisen um die Herz-Dame, die wohltätige Villa-Sanssouci-Stifterin – im Uhrzeigersinn von links oben aus: Bill Clintons Gesicht prangte auf einer Anzeige, Host Seehofer lächelte für die Fotografen neben ihr, Pianistin Hélène Grimaud spielte, Künstler Jörg Immendorf malte, TV-Star Nina Ruge moderierte für sie. Foto: dpa / Montage: Mogck

Winnenden. Ein filmreifer Stoff, erlesenstes Kino: Ein Heim für kranke Kinder, eine schillernde Wohltäterin aus Winnenden, massenhaft Gastauftritte von spendenwilligen Zelebritäten aus Politik und Kultur – und eine Staatsanwaltschaft, die hinter all dem einen 140 000 Euro schweren Betrug vermutet.

Mon dieu, was für eine Gala im Juli 2010 im Alten Schloss zu Bayreuth! Die legendäre Sopranistin Anna Silja sang, die mit Doppel-Accent gekrönte französische Spitzenpianistin Hélène Grimaud bearbeitete leidenschaftlich Richard Wagners Wahnfried-Flügel, das Publikum war handverlesen. Eintritt: 350 Euro – und „bitte erlauben Sie“, hatte es auf der Einladungskarte geheißen, „dass wir vor dem Hintergrund der Exklusivität an unsere Gäste eine Spendenempfehlung zugunsten des Internationalen Kindercamps Villa Sans Souci aussprechen, die wir bei 650 Euro pro Person sehen (selbstverständlich gegen Spendenbescheinigung). Haben Sie herzlichen Dank!“

Chapeau, was für ein anbetungswürdiges Vorhaben! „Wenn Kinder ihren Lebenswillen verlieren, gibt es auch für uns keine Zukunft“, heißt es ergreifend in einem Werbefilm über das Internationale Kindercamp Villa Sans Souci, unterlegt mit perlender Musik. Hier „wird eine große Idee Realität“, hier werden „60 kranke Kinder aus aller Welt ihr Schicksal vergessen“ und „Gemeinschaft, Fröhlichkeit, Abenteuer und Freiheit“ erleben, „begleitet von bester medizinischer Versorgung“.

Parbleu, was für eine faszinierende Person! 2012 gab sich die Winnenderin Antoinette P. beim Interview mit „Bibel-TV“ die Ehre und erzählte von ihrem Kindercamp-Vorhaben, sie trug ein rosarotes Kleid. „Wenn Sie dieser Frau begegnen“, sagt eine, die sie kennt – „die hat ein Charisma! Eine Ausstrahlung! Sie sind von der sofort hin und weg! Sie glauben dieser Frau.“

Sogar Angela Merkel soll gespendet haben

Oh lala, was für ein Gönnerkreis im Dienst der noblen Sache! Antoinette P. pflegte Kontakte zu den Schönsten und Besten. Meisterkünstler Jörg Immendorf: Vor seinem Ableben überließ er ihr die Rechte an einem Logo namens „Lebensgeist“. Eric Woolfson: Vor seinem Krebstod widmete der Musiker von Alan Parsons Project dem „International Childrens’ Camp Villa Sans Souci“ den Song „Along the road together“. Textprobe, ins Deutsche übersetzt: „Ich glaube daran, dass es da einen besseren Ort gibt, ein kleines Stückchen Himmel.“ Nina Ruge, Sebastian Vettel, Sabine Christiansen, Bill Clinton: Sie alle finden sich auf Anzeigen, mit denen Antoinette P. ihre Unternehmungen bewarb. Hier lud sie zum berauschenden Klassik-Konzert, da zum „Expertendiskurs zum Thema Regie-Theater“. Hier schrieb Horst Köhler ihr ein Grußwort, da stellte sich Horst Seehofer lächelnd neben sie. Angeblich soll gar Angela Merkel für das Kindercamp Villa Sans Souci gespendet haben.

Mon dieu, chapeau, parbleu, oh, là, là! Und dann: Heiliger Bimbam, was für eine Ernüchterung . . . Zwar stellte bereits 2008 eine Bank für das Kindercamp ein Grundstück in Brandenburg zur Verfügung, zum symbolischen Erbpachtpreis von einem Euro – aber gebaut wurde: nichts. Zwar war im Oktober 2010 dann ein „erster Spatenstich“, diesmal in Sparow, Mecklenburgische Seenplatte, wo ein Unternehmer der Stiftung ein Grundstück im Wert von 380 000 Euro geschenkt hatte, zwar nannte der NDR seinerzeit als Schirmherrin Stephanie zu Guttenberg und als Unterstützer José Carreras, zwar schwärmte ein Redner, dies sei ein „Ort auf Erden“, wo Kinder „das Himmelreich erleben“, und Antoinette P. erklärte, sie sei „sehr berührt“ – aber gebaut wurde: wieder nichts.

Anruf bei der dortigen Bürgermeisterin Birgit Kurth: Tut sich in der Sache noch was? „Auf keinen Fall. Gar nichts.“ Die Stiftung habe das Grundstück mittlerweile „wohl zurückgeben“ müssen. Ansonsten, sagt Kurth, wisse sie auch nur, was in den Zeitungen steht.

In den Zeitungen, unter anderem auch in dieser, stand vor ein paar Monaten Folgendes: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt. Wegen Betrugs. Zwischenzeitlich saß die edle Stiftungsgründerin Antoinette P. gar in U-Haft, ihr Anwalt paukte sie aber raus: Er konnte wohl glaubhaft machen, dass keine Fluchtgefahr besteht. 140 000 Euro an Spendengeldern sollen verschwunden sein in einem Dickicht aus Kommunikations- und Werbe-Firmen, alle unter ein und derselben Winnender Adresse, teilweise über Gewinnabführungsverträge miteinander verbunden.

Aktuelle Auskunft der Staatsanwaltschaft Stuttgart: Es sei davon auszugehen, dass es bald zu einer Anklage kommen werde. „Rufen Sie in vier Wochen noch einmal an.“

Pardauz, was für ein schräger Fall. Was ist diese Antoinette P. für ein Mensch? Eine abgebrühte Gaunerin? Eine geniale Hochstaplerin? Oder doch eine Idealistin, die tatsächlich ein Kindercamp bauen wollte und dann bloß den Überblick verlor? Gerne hätten wir ihr Gelegenheit gegeben, sich zu äußern. Unsere E-Mail-Anfrage beantwortete sie umgehend: „Ich freue mich über Ihr Interesse für unser Kindercamp-Projekt und werde Ihnen und Ihren Lesern gerne die großartige Idee und das Ziel, die hinter dieser Einrichtung für mental und physisch kranke junge Menschen stehen, vorstellen. Ich hoffe allerdings auf Ihr Verständnis, dass ich vor dem Hintergrund der in der Öffentlichkeit erhobenen Vorwürfe Ihr freundliches Gesprächsangebot derzeit nicht annehmen kann. Wir werden das aber sicherlich zu einem späteren Zeitpunkt nachholen können.“

Einer von uns

Ein freier Mitarbeiter unserer Redaktion hat vor Jahren einmal eine unvergessliche Erfahrung mit Antoinette P. gemacht. Er arbeitete 2009 für kurze Zeit in Winnenden an ihrem „Internationalen Businessmagazin Drive“ mit.

Als „taff“ habe er Antoinette P. erlebt, geschäftsmäßig, durchaus nicht wie eine Fantastin sei sie ihm vorgekommen. Anfangs machte er sich Hoffnungen: Sie habe ihm signalisiert, dies sei eine große Chance für ihn, vielleicht könne er fest übernommen werden. Mit der Zeit sei ihm aber „ein bisschen unheimlich“ geworden: Dauernd habe er von seinem Schreibtisch aus mitgehört, wie Leute anriefen, Geld wollten und von einer „Drive“-Mitarbeiterin vertröstet wurden. Nach zwei Wochen zog er die Notbremse und schrieb eine Rechnung über 2500 Euro. Danach war von Übernahme nicht mehr die Rede. Wann immer er fortan anrief, wurde er „abgewimmelt von einer Vorzimmerdame“. Er schrieb drängende Mails. Keine Antwort. Gut ein Jahr nach Rechnungsstellung erhielt er sein Geld dann doch noch: nachdem er einen Anwalt eingeschaltet hatte.

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