Winnenden Das traurige und unaufhaltsame Ende einer märchenhaften Bäckerei

Der Rotwegbeck hatte noch bis Mittwoch geöffnet, seither ist Schluss. Foto: ZVW/Martin Schmitzer

Winnenden. Es war einmal ein junger, tüchtiger Bäckermeister. Am Winnender Rotweg fand er einen Bäckerladen, den ein anderer gerade verlassen hatte. Dort ließ er sich nieder. Er kaufte eine Teigmaschine, einen gebrauchten Backofen und machte sich ans Werk, wie es die Bäcker zu allen Zeiten gemacht hatten. Abends um zehn fing er an, den Teig zu kneten. Morgens in aller Herrgottsfrühe hatte er die frischesten Brezeln und Dinkelstöcke im Verkaufsregal liegen. Die Bewohner des Viertels am Rotweg beobachteten eine märchenhafte Verwandlung ihres Bäckerladens: Einst waren sie von allen guten Brötchengeistern verlassen und nun erlebten sie, dass Hilmi Soydan an Ort und Stelle, direkt bei ihnen, den Teig machte und die Brötchen backte. Es war echter und direkter als viele Jahre zuvor.

Brezelfreunde und Bäckereiverkäuferin entwickelten eine kleine Solidargemeinschaft. Die Kunden betrieben Mundpropaganda für die nette Kleinbäckerei. Von weiter entfernten Wohngebieten radelten gestandene Winnender an den Rotweg, um die sagenhafte Bäckereiblüte zu befördern. Yonca Soydan, die Schwester des Bäckers und Backwarenverkäuferin, genoss ihre Kundschaft. „Es sind so viele nette Leute gekommen“, erzählt sie. Seit 9. März verkauft sie am Tag, und ihr Bruder backt in der Nacht.

Arbeit in der Nacht ist hart

Die Arbeit am Tag, die Begegnungen mit neuen Kunden – das ist etwas Schönes. Aber die Arbeit in der Nacht ist hart. Und sie war an diesem Ort nicht üblich. Früher hatte Bäcker Tobias Maurer dort eine Verkaufsniederlassung. Er hatte die Erlaubnis, Brötchen zu verkaufen. Aber: Nachts den großen Backofen anzuheizen und die Teigmaschine laufen zu lassen – das fing erst Hilmi Soydan an. Er dachte: Hier sind auch andere Geschäfte. Hier war schon eine Bäckerei. Das müsste gehen.

Ohne Gutachten geht es nicht

Aber so einfach ist es nicht. Hilmi, der Bäcker, hätte eine Nutzungsänderung beantragen müssen. Man sagte ihm bei der Stadt, dass er dafür ein Lärmschutzgutachten braucht, dass man ihm helfen wolle, dass es wahrscheinlich schon möglich sei, aber dass ohne Gutachten gar nichts geht. Timm Hettich und Markus Schlecht vom Rathaus wollten dem Bäcker goldene Brücken bauen, wollten ihm alle Hindernisse aus dem Weg räumen – nur auf das Gutachten dürfen sie nicht verzichten.

Beim Bäcker Soydan gerieten die Gedanken ins Rollen: So ein Gutachten kostet ein paar Tausend Euro. Er hat ohnehin schon viel investiert. Genau in dieser Zeit der rollenden Gedanken brachte seine Frau ihr erstes Kind zu Welt. Was wird aus der jungen Familie, wenn der Papa jede Nacht arbeitet? Lohnt es sich, ein paar Tausend Euro auszugeben, damit man weiter in der Nacht arbeiten und am Tag nicht richtig für sein Kind da sein darf?

Nein, sagte sich der Bäcker, und hängte einen Zettel ins Schaufenster: Er schließt sie wieder, die schöne Kleinbäckerei. Das Ende ist nicht aufzuhalten. Er und seine Schwester Yonca Soydan müssen etwas anderes finden. Froh ist er, dass er ohne große Schulden aus der Geschichte vom Rotwegbeck herauskommt. Gegen niemanden hegt er einen Groll: Die Kunden waren nett und freundlich. Die Leute vom Rathaus wollten ihm wirklich helfen und alles tun, damit er bleibt – das spürt er. Aber es geht halt nicht. Hilmi Soydan bereut seine Geschäftsgründung nicht: „Ich habe viele Erfahrungen gemacht, die ich im Leben brauchen kann.“ Die Leute vom Rotweg werden an ihn und seine Schwester denken, wenn sie am Bäckereigeschäft vorbeigehen. Und manchmal werden sie die Rotwegluft durch die Nase ziehen und fragen, ob es nicht doch nach frischem Teig und Backofen riecht. Und hoffen, dass jemand mit dem Verkauf von selbst gebackenen Brötchen und Brezeln ein Immissionsschutzgutachten finanzieren kann und eine Teigmaschine, einen Bäckerbackofen und, und, und ...

  • Bewertung
    55
Der ZVW Morgen-Newsletter

Gut informiert in den Tag starten. Einfach kostenlos anmelden.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!