Winnenden Der ganz Normahle Wahnsinn

Winnenden. Neue Erkenntnisse rund um die Hausdurchsuchungen bei den Punkrockern von Normahl: Jetzt werden sie schon für Geschmacksverbrechen getadelt, die sie überhaupt nicht begangen haben. Und zwischenzeitlich wurde gegen die Links-Punks gar wegen Verdacht auf Rechtsaußen-Texte ermittelt.

Lars Besa und seine Kollegen von Normahl sind jüngst ins Visier erst der sächsischen Polizei und dann auch der Stuttgarter Staatsanwaltschaft geraten wegen eines rund 30 Jahre alten Liedes – „Haut die Bullen platt wie Stullen“ (wir berichteten am Mittwoch, 06.02.2013). Man darf diesen Text durchaus geschmacklos und bescheuert finden, er ist allerdings wohl nur aus seiner Entstehungszeit heraus zu verstehen: In den 80er Jahren war die Stimmung zwischen Staatsmacht und linker Musikszene extrem aufgeheizt. Aber egal, wie man das Lied im Detail einschätzen mag, ob als gewaltverherrlichend oder als authentisches 80er-Jahre-Zeitgeist-Wutdokument – eins lässt sich mit Sicherheit sagen: Der Song ist tatsächlich von Normahl.

Die Polizei fand bei ihren Hausdurchsuchungen kaum Normahl-CDs mit dem „Bullen“-Lied und damit so gut wie nichts zum Beschlagnahmen – Besa & Co. haben die Kisten mit heißer Ware an einem sicheren Ort verwahrt. Dennoch, sagt Lars Besa: „Wir werden von unserer Seite diese CDs zurzeit nicht weiter vertreiben.“ Man wolle erst abwarten, wie es juristisch weitergeht.

Diese Selbstverständlichkeit muss betont werden. Denn die Berliner Zeitung vermeldete unlängst: Der brandenburgische Innenminister Dietmar Woidke (SPD) habe die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zu „noch mehr Sensibilität“ – sprich: mehr Strenge – aufgerufen. Die Prüfstelle, prangerte Woidke an, habe nämlich „Brenn, Bulle, brenn“ von der Gruppe Normahl nicht auf den Index gesetzt!

Nur, staunt Lars Besa, finde sich im Opus von Normahl dieser Slogan doch überhaupt nicht. Ein Bandkollege hat recherchiert: Die Nummer stamme in Wahrheit offenbar von einer Gruppe mit dem schönen Namen „Dödelhaie“.

Noch eine Seltsamkeit in der Normahl-Affäre: Das Landeskriminalamt Sachsen hat in jüngerer Zeit nicht nur wegen „Haut die Bullen platt wie Stullen“ ermittelt, sondern unter anderem auch wegen des Liedes „1, 2, 3“. Darin heißt es: „In Deutschland sitzt seit Ewigkeiten ein Verbrecherpack an der Macht, das die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht. 1,2,3, wo bleibt die Polizei? Fürs Kapital in Wackersdorf wart ihr immer voll präsent, doch wo seid ihr, wenn in Rostock ein Asylantenheim abbrennt? 1,2,3, so fehlt die Polizei, 1,2,3, so stinkt der braune Brei.“

Auch diese Zeilen sind nur aus dem zeitgeschichtlichen Kontext heraus verstehbar. Anfang der 90er Jahre, als die Zahl der Asylsuchenden in Deutschland einen neuen Höchststand erreichte, gingen viele Politiker mit hysterischen Parolen wie „Das Boot ist voll“ und Warnungen vor „Überfremdung“ auf Stimmenfang. Die Hetz-Atmosphäre entlud sich im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen: Rund tausend rechtsextreme Randalierer belagerten bei den massivsten rassistischen Übergriffen der bundesdeutschen Geschichte tagelang eine Asylbewerberunterkunft und steckten sie schließlich mit Molotow-Cocktails in Brand. Bis zu 3000 Zuschauer applaudierten – und auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zog sich die Polizei zeitweise völlig zurück.

Die zutiefst verständliche Wut über die Pogromszenen im August 1992 spricht aus „1, 2, 3“ – dieser Text aber, fand im August 2011 die sächsische Polizei, sei vom Grundrecht der freien Meinungsäußerung nicht gedeckt. Man staunt beklommen.

Immerhin: „1, 2, 3“ scheint aktuell nicht mehr Gegenstand der Ermittlungen gegen Normahl zu sein.

Weiterer Treppenwitz: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat offenbar zeitweilig gegen Besa auch wegen Aufstachelung zum Rassenhass ermittelt. Nun kann man dem Normahl-Sänger ja allerhand vorwerfen, von pubertärem Verbalrevoluzzertum bis zu prekärem Versmaß – aber es gehört seit Jahrzehnten zum allerehrenwertesten Identitätskern der Band, gegen Ausländerfeindlichkeit einzutreten. Nicht nur „1, 2, 3“ belegt das. Noch 1992, unter dem Eindruck der Rostocker Entsetzlichkeiten, leierte Besa gemeinsam mit dem Radiosender SDR die bundesweit vielbeachtete Großaktion „Kein Hass im Wilden Süden“ an. Und 2011 steuerte Normahl ein Lied für eine Benefiz-CD zugunsten der Winnender „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“ bei – Motto der ausdrücklich für multikulturelle Vielfalt und Toleranz werbenden Scheibe: „Bunt statt braun“.

Das Beispiel zeigt nebenbei, dass die alten Frontverläufe längst zerbröselt sind: Während Normahl einst in Liedern wie „Haut die Bullen“ hingebungsvoll am Feindbild Polizei/Staatsmacht/Establishment pinselte, scheut die Gruppe heute im Dienste des gemeinsamen Toleranz-Anliegens nicht mal die Nähe zu einigen der staatstragendsten Institutionen der Welt – die „Bunt statt braun“-Veranstaltungsreihe, die in der Veröffentlichung eben jener Benefiz-CD mit einem Lied von Normahl gipfelte, wird unter anderem unterstützt von Kreisjugendring und Kreisjugendamt, von der Initiative Sicherer Landkreis und vom Zeitungsverlag Waiblingen, vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – und: von der Polizei Baden-Württemberg. Gerade die Mitarbeit der Polizeidirektion Waiblingen gilt bei allen „Bunt statt braun“-Projektpartnern als vorbildlich engagiert.

Wie aber kam es zu dem abstrusen Rassenhass-Verdacht gegen Normahl? Offenbar eine Verwechslung: Es gibt anscheinend auch von einer Rechtsrock-Band ein Lied namens „Bullenschwein“. Und so musste das Bundeskriminalamt der Staatsanwaltschaft Stuttgart schließlich schriftlich mitteilen: „Leider“ sei der Rassismus-Vorwurf gegen Normahl nicht haltbar.

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