Winnenden Der Waldkindergarten wird günstiger

Die „Waldstrolche“ bekommen einen zweiten Bauwagen ins Schelmenholz. Die Stadt bezahlt ihn. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Winnenden.
Eltern, die nicht nur einen „normalen“ Betreuungsplatz für ihr Kind zwischen drei und sechs Jahren suchen, die ein ganz spezielles pädagogisches Konzept wollen, haben in Winnenden etwas Auswahl. Seit Jahrzehnten bietet die „Kinderstube“ im Hungerberg anthroposophische Waldorfpädagogik, und seit zwölf Jahren gibt es im Schelmenholz die „Waldstrolche“, die Erfahrungen in Wald und Natur mit den erzieherischen Grundsätzen von Maria Montessori, Emmi Pikler und Jesper Juul kombinieren. Diese beiden Angebote werden aber nicht von der Stadt oder einer Kirchengemeinde gemacht, sondern von freien Trägern, von Vereinen. Das heißt für die Eltern, dass sie tiefer in die Tasche greifen müssen.

Für Eltern der „Waldstrolche“-Kinder ändert sich das allerdings ab September. Und das kommt daher, weil die Stadt nun ihrerseits einen zweiten Waldkindergarten eröffnen will. Und zwar nicht, um dem bestehenden Konkurrenz zu machen, sondern um insgesamt mehr Plätze zu schaffen. Ursprünglich hatte ein weiterer freier Träger aus Korb diese Idee und bei der Stadt angefragt. Der Gemeinderat Winnenden hatte sogar im Herbst schon zugestimmt. Dann wäre alles geblieben, wie es war.

Einen baulich günstigeren Kindergarten gibt es nicht

Der Träger sprang aber wieder ab. Für den Leiter des Amts für Familien, Thomas Pfeifer, war das trotzdem kein Grund, den Naturkindergarten ad acta zu legen. Die 20 Betreuungsplätze kann man, ein geeignetes Grundstück vorausgesetzt, baulich kaum günstiger schaffen als mit einem Bauwagen. Ein für diesen Zweck hergestellter und eingerichteter, zwölf Meter langer, kostet 50 000 Euro. Zum Vergleich: Die Baukosten für den jüngst in Betrieb genommenen zweiten Kindergarten in Höfen belaufen sich auf knapp 770 000 Euro.

Zwei Grundstücke an fast derselben Stelle kommen für den Waldkindergarten II in Betracht. Sie befinden sich kurz vor dem Teilort Breuningsweiler. Wer aus der Stadt hochfährt, biegt am Haselstein links ab zu einem Wanderparkplatz. Thomas Pfeifer schlug den Gemeinderäten vor, entweder den hinteren Teil dieses Parkplatzes zu nehmen oder die Wiese zwischen Parkplatz und Straße. „Sie hätte den Vorteil, dass sie hell und von der Verkehrssicherungspflicht her günstiger ist“, verwies er auf die im Herbst und Winter aufkommenden Stürme und die Gefahr von Astbruch. „Ich habe bereits mit der Grundschule in Breuningsweiler gesprochen. Bei ganz schlechtem Wetter hätten die Kinder dort Platz, um unterzukommen.“

Gibt es für die Erzieherinnen eine Matschzulage?

Pfeifer erhielt von den Gemeinderäten einstimmig das Okay, diesen Kindergarten auf der Wiese am Wald so schnell wie möglich aufzumachen. „Viel Glück bei der Erzieherinnensuche“, sagte Stadtrat Christoph Mohr (ALi), sein Kollege Martin Oßwald-Parlow fragte, ob es für sie eine Art Matschzulage gebe. Pfeifer sieht das locker, glaubt durchaus, dass sich für das Konzept zwei Erzieher/-innen und eine Kinderpflegerin, insgesamt 2,8 Kräfte, finden lassen. „Es ist in den vergangenen Jahren immer wieder vorgekommen, dass Erzieherinnen aus unseren Einrichtungen in einen Waldkindergarten wechselten und sich damit einen Traum erfüllten“, sagt er. Die Stellen schreibt er auf jeden Fall auch intern aus.

So weit, so gut. Pfeifer hatte aber noch weitere Bitten an die Gemeinderäte, die Geld des Steuerzahlers kosten. Wenn die Stadt in Breuningsweiler deutlich niedrigere Gebühren verlangt als die Waldstrolche im Schelmenholz, könne das ja langfristig nicht gerecht und ausgewogen sein. „Wir schlagen vor, dass der Verein unsere Gebührenstruktur übernimmt und wir ihm die Differenz zu seinen bisher verlangten Gebühren bezahlen.“ Das macht ungefähr 23 500 Euro im Jahr. Somit sparen sich die Eltern eines „Waldstrolchs“ künftig über 1000 Euro im Jahr. Stadtrat Thomas Traub hatte dazu einen Wunsch: „Das machen wir nur bei einem genau gleichen Angebot wie von der Stadt. Nicht dass andere private Träger das auch wollen!“

Ach ja, da wäre aber noch ein Antrag der Waldstrolche: Sie brauchen einen zweiten Bauwagen. „Es ist zu eng geworden, sie brauchen Platz zum Ausruhen und an Regentagen zum Kleidertrocknen.“ Also gut, auch diese 50 000 Euro sind gewährt, ist ja einmalig. Manche Stadträte dachten nun aber gleich weiter: „Sollten wir unserem städtischen Waldkindergarten nicht auch gleich einen zweiten Bauwagen hinstellen“, fragte Andreas Herfurth (SPD), „das muss man doch beim Standort und der Baugenehmigung auch bedenken. Und vielleicht kommt die neue Einrichtung dann besser in die Gänge.“ Hans Ilg signalisierte, dass die FWV-Fraktion den zweiten Bauwagen mitfinanzieren würde. Thomas Pfeifer will aber abwarten, wie sich alles entwickelt.


Mehr Platz für Kinder und Klamotten

„Wir merken, dass die Nachfrage derzeit steigt“, sagt Fides Podschun, die Leiterin des von einem Verein privat getragenen Kindergartens „Waldstrolche“ im Schelmenholz zwischen Grundschule am Steinhäusle und Spielplatz am Waldrand. Die Anmeldeliste ist bis 2021 so voll, dass sie trotz des zweiten, städtischen Waldkindergartens „gelassen in die Zukunft gucken kann“. Auch dieser hat übrigens, obwohl noch gar nicht eröffnet, bereits schon Anmeldungen, sagt Familienamtsleiter Thomas Pfeifer.

Der neue Stadt-Zuschuss für die private Einrichtung und das ab September geltende städtische Gebührenmodell entlastet die Eltern enorm, sagt Fides Podschun: „Wir konnten für die Geschwisterkinder bisher keine geringere Gebühr anbieten. Das ist dann möglich.“ Und dadurch, glaubt Fides Podschun, werde sich die Einrichtung für eine „breitere Klientel“ öffnen. „Zwar würde das Jugendamt bedürftige Familien unterstützen, die unser Modell in Anspruch nehmen möchten, aber den Antrag zu stellen, scheuen sich viele.“

Kinder benutzen scharfe Messer

Im Waldkindergarten verbringen die Kinder den Großteil ihrer Zeit im Wald und im Freien auf der Wiese vor dem Bauwagen. Aber eben doch nicht die kompletten sechs Stunden. „Deshalb sind wir so froh über den zweiten Bauwagen, der bald kommen wird. Wir können dann einen lauten, aktiven Bereich mit Werkstatt anbieten und einen ruhigen fürs Kochen, Weben, Malen, Lesen, Kuscheln und Schlafen.“ Zwischen den beiden zwölf Meter langen Bauwagen wird von den Eltern eine überdachte Verbindung gebaut, in der die Kinder ihre nassen Klamotten zum Trocknen aufhängen können. Bisher landeten die Jacken und Hosen zusammengeballt auf dem Boden und mussten nass mit nach Hause genommen werden. Schließlich bieten die Bauwagen auch Schutz für die stürmischen Zeiten in Herbst und Winter, wenn Bäume umzustürzen drohen oder morsche Äste abbrechen könnten.

„Nach einem Sturm gehen wir zur Sicherheit einen Tag nicht in den Wald“, so Podschun. Nicht nur die Nähe zur Natur spreche viele Eltern an, sondern auch das pädagogische Konzept: „Unsere Kinder lernen sinnhafte Strukturen. Und sie machen alles selber in ihrem eigenen Tempo. Sie müssen vorher fragen, ob sie die Schere, das Schnitzmesser oder die Säge nehmen dürfen, das ist alles.“ Podschun sagt, dass die Kinder dadurch kompetent werden, auch mit scharfen Gegenständen umzugehen, „sie sind achtsamer und es passieren wenig Unfälle“.

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