Winnenden „Schizophrenie ist scheiße, Mama“

Janine Berg-Peer und und ihre Tochter Henriette Peer beim Gespräch in Winnenden: Rückkehr zu einem fast normalen Leben. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Winnenden. Janine Berg-Peer traf es damals wie ein Schlag: Ihre 17-jährige Tochter Henriette Peer bekommt die Diagnose Schizophrenie. Rund 22 ereignisreiche Jahre später sitzen Mutter und Tochter nebeneinander im ehemaligen Winnender Bahnhofshotel und haben für ihren Vortrag unter dem Titel „Schizophrenie ist scheiße, Mama“ vor allem eines eingepackt: Optimismus.

Der Mutter kam es damals vor wie eine Reihe seltsamer, aber harmloser Ereignisse: erst Ärger mit der Schule der Tochter wegen vermeintlichen Drogenkonsums, viel Verwirrung um einen so nie geplanten Flug nach England, dann ein ergebnisloser Drogentest. Ein Besuch beim Psychiater soll mehr Klarheit verschaffen. Aber: „Nach zehn Minuten bekamen wir die Diagnose Schizophrenie an den Kopf geknallt“, erinnert sich die inzwischen 75-Jährige.

Danach folgt auf dem Fuß der erste Aufenthalt der Tochter in der geschlossenen Jugendpsychiatrie, starke Medikation – die heulende Mutter wird weggeschickt, um der Tochter Kleider zu holen, zwei Wochen lang muss sie sich ein Gespräch mit dem Chefarzt erkämpfen. Doch auch jetzt folgt keine Aufklärung: „Niemand sagt einem, wie man sich jetzt verhalten soll.“

"Was willst du denn machen mit deinem Leben"

Auch für Henriette Peer ist es eine Erinnerung an eine schlimme Zeit. „Ich fand mich mit 17 völlig in Ordnung“, erinnert sie sich. „Die Jugendpsychiatrie empfand ich wie einen Aufenthalt im Knast.“

Sie merkt: Die Mutter macht sich große Sorgen, ohne wirklich zu verstehen, warum. Dass die Ärzte mit ihrer noch so jungen Tochter immer nur über ihre Krankheit und die aktuelle Dosis der Medikamente sprechen, missfällt der Mutter. „Man muss die Patienten doch auch mal fragen: Was willst du denn machen mit deinem Leben“, so Berg-Peer. Stattdessen demotiviert der Arzt, stellt sie als schlechte Mutter hin, weil sie möchte, dass Henriette einen Schulabschluss nachmacht. „Es war nur ein Realschulabschluss! Unsere Kinder sind zwar krank, aber doch nicht doof!“

Mit über 30 Jahren gelangt Henriette an einen Wendepunkt im Leben

Seite an Seite sitzen sie und Henriette Peer vorne, sprechen abwechselnd über ihre Erfahrungen. Zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die sich doch unverkennbar ähneln. Henriette erzählt vom Wendepunkt ihres Lebens, als sie in ihren 30ern schließlich beginnt, sich mit ihrer Diagnose auseinanderzusetzen. Alles beginnt wieder mit einem Arzt, diesmal mit einem verständnissvollen.

„Ich sollte wieder in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden, und ich wollte nicht. Da sagte er mir: Ich sehe, Ihnen geht es nicht gut. Ich mach Ihnen einen Vorschlag, gehen Sie freiwillig, und dafür in die Offene.“ Peer nimmt den Vorschlag gerne an. „Es war das erste Mal, dass mir ein Psychiater eine gewisse Entscheidungsfreiheit und damit Würde, Autonomie, ließ“, erinnert sie sich. „Ich konnte durch mein eigenes Handeln mein Leben beeinflussen.“

„Eine psychische Erkrankung ist keine Katastrophe“

Eine Einsicht, die für die Betroffene den ersten Schritt auf einem langen Weg zu einem (fast) normalen Leben bedeutet. Doch auch ihre Mutter lernt stetig dazu: „Eine psychische Erkrankung ist keine Katastrophe. Man kann etwas dagegen tun. Leute können wieder genesen.“

Heute sind die beiden ein erfolgreiches Recovery-Team, wie es in Fachsprache heißt. Henriette Peer lebt ihr Leben, ist berufstätig und hilft als Beraterin bei Ex-In Betroffenen aus der Krise. Der letzte Krankenhausaufenthalt ist sechs Jahre her. Ihrer Mutter hat vor allem die Reflexion bei den Lesungen aus ihrem ersten Buch „Schizophrenie ist scheiße, Mama“ zu mehr Coolness im Umgang mit ihrer in Krisensituationen gerne etwas „ausdruckstarken“ Tochter verholfen. „Beim Lesen habe ich dann immer gedacht: Mein Gott, so schlimm war das doch gar nicht.“


Psychisch Kranke und Angehörige

Ex-In (kurz für Experten durch Erfahrung) möchte die Umgehensweise mit psychisch Kranken ändern: Patienten sollen nicht im Dienst der Wissenschaft analysiert werden, sondern es soll ihnen menschlich geholfen werden: von Mitarbeitern, die nachvollziehen, was sie gerade durchmachen.

Deshalb bildet Ex-In Menschen mit eigener psychiatrischer Krankheitsgeschichte zu Dozenten und Mitarbeitern in psychiatrischen Diensten aus. Nicht nur die Nutzer profitieren von deren einmaligen Erfahrungswerten, es ist auch für Psychiatrie-Erfahrene eine gute Möglichkeit, in die Arbeitswelt zurückzufinden.

Für Angehörige bietet Janine Berg-Peers Blog www.angehörigenblog.de eine Anlaufstelle.

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