Winnenden Die Brille, die Albträume verhindern soll

Der Prototyp der Brille, die Albträume erkennt. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Winnenden. Rund 50 000 Menschen in Deutschland leiden, so eine Statistik, unter immer wiederkehrenden Albträumen. Sie werden davon krank. Diesen Patienten konnte bislang nur mit komplizierten Nächten im Schlaflabor geholfen werden. Wenn Gerhart Schroffs High-Tech-Brille, die dem Schläfer hilft, die Träume zu beeinflussen, zur Serienreife kommt, kann diese Pein aber Geschichte sein.

Manche Menschen erleben Unfälle, Gewalt, Kriegserfahrungen oder andere schreckliche Erlebnisse immer wieder. Nacht für Nacht. Sobald sie einschlafen. Bislang versucht die Medizin, diesen Menschen mit Gesprächstherapien und Psychopharmaka zu helfen. Es geht darum, sich so mit dem Traum auseinanderzusetzen, dass er beeinflusst werden kann. Ein langwieriger und schwieriger Prozess. Oft werden die Traumatisierten krank und arbeitsunfähig.

Gerhart Schroff ist Physiker. Physiker, sagt er, seien „sehr konservativ“. Ihre Materie sind beweisbare Naturgesetze. Gerhart Schroff beweist mit laseroptischen Geräten, ob aus irgendwelchen Systemen zum Beispiel Gas austritt oder nicht. Die Autoindustrie braucht so was. Oder Umspannungswerke. Träume spielen in seinem kleinen Unternehmen in Hertmannsweiler üblicherweise keine Rolle.

Ein Mittel, das wiederkehrende Albträume stoppen soll

Seit drei Jahren aber schon. Denn Gerhart Schroff ist ein begeisterter Träumer. Er leidet nicht, sondern er hatte schon einmal das Glück „luzid“ zu träumen. Ein luzider Traum, auch „Klartraum“ genannt, ist ein Traum, in dem sich der Träumer dessen bewusst ist, dass er gerade träumt. Ein geübter Klarträumer kann seinen Traum beeinflussen und damit das Geschehen lenken. Könnte ein Albträumer luzid träumen, wäre er in der Lage dazu, beispielsweise das Auto, das im immer wiederkehrenden Albtraum auf ihn zurast, zu stoppen. Zum Beispiel, indem er wie Supermann den Arm ausstreckt und „Halt“ sagt. Dass Gerhart Schroff luzid geträumt hat, war eher ein Zufall. Doch dieses Erlebnis war die Initialzündung für eine Erfindung.

Einem Albträumer müsste während des Traums klargemacht werden, dass er träumt. Wenn diese Tatsache ins Bewusstsein sickert, dann ist der nächste Schritt zum anderen Handeln im Traum nur noch ein vergleichsweise kleiner. Um so an die Misere heranzugehen, müssen Albträumer bislang ins Schlaflabor. Dort werden sie verkabelt. Und zwar ausgiebig und höchst unbequem, inklusive schlimmer Hautreizungen durch die Elektroden. Denn um dem Träumer im richtigen Augenblick ein Signal, Musik zum Beispiel, geben zu können, damit er seinen Traum umgestalten kann, muss erst mal erkannt werden, dass geträumt wird. Dafür werden zurzeit noch die Hirnströme, die Augenbewegungen und die Muskelspannung gemessen. Das Verfahren funktioniert. Das wurde wissenschaftlich bewiesen. Doch das Verfahren, das für guten Schlaf sorgen soll, ist gutem Schlaf ob der Umstände ziemlich abträglich.

Nicht den Lasern widmen, sondern den schönen Träumen

Und hier setzt Gerhart Schroff an. Er fragte sich: Wie geht’s einfacher? Und beschloss: Er und ein weiterer Mitarbeiter werden sich eine ganze Entwicklungszeit lang nicht mehr nur den Lasern und der Dichtigkeit widmen, sondern auch den schönen Träumen. Sogar Fördermittel hat’s für das Projekt gegeben.

Gerhart Schroffs Ansatz: Die vielen Kabel im Schlaflabor müssen weg. Die Traumphasen des Schläfers müssen unkomplizierter zu erkennen sein. Überhaupt sollte das Ganze idealerweise zu Hause und im eigenen Bett über die Bühne gehen können. Daher müssen die angeschlossenen Gerätschaften, möglichst wenig und möglichst klein sein, Daten müssen via Bluetooth übertragen werden können.

Sensoren messen die kleinsten und schnellsten Augenbewegungen

Geht nicht? Doch! Mit einer speziellen Brille, einem Handy oder Laptop und dem richtigen Programm. Gerhart Schroff und sein Kollege haben probiert, geschlafen, geträumt und sich gegenseitig überwacht. Sie haben Sensoren entwickelt, die auf engstem Raum in der Lage dazu sind, kleinste und ganz schnelle Augenbewegungen wahrzunehmen und diese an den Computer zu übermitteln. Der erkennt dann, dass der Schläfer jetzt träumt. Dann meldet er der Brille zurück, dass sie zwei kleine LEDs aufleuchten lassen soll – das Signal an den Träumer. Die LEDs leuchten nur so schwach, dass der Träumer nicht aufwacht. Aber eben doch so stark, dass er nach einigem Üben in der Lage dazu sein soll, das Träumen zu erkennen und Einfluss zu nehmen.

Zugegeben, noch ist die Brille von Gerhart Schroff auch nicht wirklich bequem. Denn das Testmodell ist eine Arbeitsschutzbrille, groß und breit und hart, mit noch genauso kuscheluntauglichen Platinen, Kabeln und Steckern. Jetzt, sagt Gerhart Schroff, bräuchte er dringend jemanden, der den Traum von den guten Träumen mitträumt. Und der das Know-how mitbringt, wie so plastikstarres Zeug flexibel werden kann, damit es in einer weichen Schlafmaske arbeitet und dabei niemanden mehr stört.

Wenn´s klappt, könnte es vielen helfen

Wenn’s wirklich irgendwann zu solch einem ausgefuchsten Modell kommt, könnten sich Patienten viel Aufwand ersparen. Auch für Krankenkassen und Ärzte wäre die Traumbrille ein Gewinn. Denn, Gerhart Schroff ist sich sicher, wenn alles klappt, dann würden Albträumer sehr schnell die richtige Technik erlernen und von ihrem Leiden geheilt sein können. Und selbst auf dem eher esoterischen Markt könnte die Brille der Renner werden. Denn, sagt Gerhart Schroff, luzide Träume seien eine „fantastische Wahrnehmung“, ein „immenses Glücksgefühl“. „Da schweben Sie noch Wochen danach.“


Probeschlafen

Der Mensch träumt seine meisten Träume in der REM-Phase. REM heißt „Rapid Eye Movement“, also „schnelle Augenbewegung“. Denn: In der Traumphase bewegen sich die Augen schnell.

Um zu testen, ob mit der Brille überhaupt die Traumphase gefunden werden kann, haben Gerhart Schroff und ein Mittester die Brille selbst auf die Nase genommen. Einer schlief, einer überwachte am Computer die Signale der Brille.

Insgesamt wurden 28 Versuche gestartet. Elf Schlafversuche waren zu kurz, der Schläfer kam gar nicht in die REM-Phase. Bei sieben Versuchen konnte der Schläfer nicht einschlafen. Zehn Schlafversuche aber gelangen. Bei diesen Versuchen war die Leuchtstärke der LEDs in der Brille so hell eingestellt, dass die Schläfer mit dem Signal aufwachten. Und sie bestätigten jedes Mal: Ich war mitten im Traum. Das heißt: Die kleine Brille reicht offenbar aus, um die Traumphasen zu erkennen.

Diese Testreihe gilt natürlich noch nicht offiziell als Versuchsreihe inklusive Beweis. Das, sagt Gerhart Schroff, wird wohl noch in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit Prof. Michael Schredl von der Schlafambulanz in Mannheim stattfinden.

Wenn das über die Bühne gegangen ist, außerdem ein Partner die Brille nutzerfreundlich gestaltet hat, können die nächsten Versuche mit albträumenden Patienten gestartet werden.

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