Winnenden Ein Bild, das niemand aufhält

Porträtbilder mit blauem Hintergrund sind im „Stern“ und in „Emma“ erschienen. Bild: Habermann Foto: ZVW

Medien bedienen sich eines Schulfotos von Chantal, die beim Amoklauf getötet wurde

Winnenden. Beim Amoklauf am 11. März haben Petra und Uwe Schill ihre Tochter Chantal verloren. Immer noch erleben sie, wie Medien und Bilderhändler über das Bild ihrer Tochter verfügen, das ein Schulfotograf im Jahr 2008 aufgenommen hatte. Der „Stern“ hatte sich das Foto beschafft. Später tauchte es in „Emma“ auf, und die Agentur „ddp“ bietet es immer noch zahlenden Kunden zum Abdruck an.

Petra und Uwe Schill tragen schwer am Verlust ihrer Tochter. Einen Rechtsstreit um Bilder und Persönlichkeitsrechte verkraften sie nicht in dieser Zeit, und deshalb haben sie bis jetzt keinen Anwalt beauftragt, die Bilder zu stoppen. Sie registrieren die Veröffentlichungen und Uwe Schill sagt: „Ich finde es katastrophal, dass sich Medien und Agenturen dieses Recht herausnehmen, dass sie Geld machen mit unseren Privatbildern, dass dieses Bild rücksichtslos vermarktet wird.“ Speziell bei diesem Foto des Schulfotografen können sie sich nicht erklären, wie es an Außenstehende gelangen konnte. Zwar ist längst bekannt, dass Journalisten und Bilderhändler hemmungslos Internetseiten plündern, aber die Eltern sind sich sicher, dass Chantal, als sie noch lebte, dieses Foto nicht ins Internet stellte. Sie habe diese Aufnahme nicht gemocht. Bei Schills zu Hause gebe es keinen Flachbettscanner. Im Schreibtisch von Chantal fanden die Eltern den Bilderbogen des Schulfotografen, auf dem nur zwei Proträtfotos fehlen. Das eine hat Chantals Freund, das andere ihre Austauschpartnerin in Frankreich. Bei beiden sind sich Schills sicher, dass sie das Bild nicht herausgaben. Wie gelangte es dann in den „Stern“, in „Emma“ und zum Bilderhändler ddp?

Der „Stern“ hält seine Beschaffungskanäle geheim

Der „Stern“ hat schon viel Verstecktes ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, aber auf welchen Kanälen er Privatfotos von Mordopfern bezieht, das hält er geheim. Ein „Stern“-Fotoredakteur verweist auf seinen Chef. Der Chef verweist auf „die Chefredaktion“, ohne eine Telefondurchwahl herauszurücken. „Die Chefredaktion“ meldet sich am Telefon und erklärt, dass Anfragen nur schriftlich beantwortet werden. „Zu Quellen, die der Stern bei seinen Recherchen benutzt, sagen wir aus grundsätzlichen Schutzgründen nichts“, schreibt dann Katharina Niu im Auftrag der Chefredaktion. Der „Stern“ ist unter Fotografen bekannt dafür, dass er immer den Bildnachweis abdruck, den Fotografen und die Agentur nennt. Nur diesmal will die Chefredaktion denjenigen schützen, der die Bilder besorgt hat. Wovor eigentlich? Schämt sich jemand? Ist etwas illegal an diesen Bildern? Die „Stern“-Chefredaktion sieht sich im Recht: „Bei dem Amoklauf von Winnenden, bei dem 16 Menschen starben, handelt es sich nach Auffassung der Stern-Redaktion um ein zeitgeschichtliches Ereignis von herausragender Bedeutung. Und diese herausragende Bedeutung rechtfertigt unserer Ansicht nach auch die Veröffentlichung von Fotos.“

Dieser Auffassung widerspricht der Stuttgarter Medienrechtler Dr. Harro Wilde: „Über die Tat lässt sich auch berichten, ohne dass die Fotos veröffentlicht werden, wobei diese Aufnahmen für Schulfotografien in keinem wie auch immer gearteten Zusammenhang mit der jetzigen Tat stehen.“ Der Jurist sieht „ein sehr starkes Interesse der Angehörigen, dass ihr ermordetes Familienmitglied durch eine Veröffentlichung nicht der Öffentlichkeit sozusagen preisgegeben wird.“

Die Eltern der ermordeten Chantal wurden von niemandem gefragt, ob dieses Bild verbreitet werden darf. Aber was ist mit dem Schulfotografen? Hat er das Bild verkauft? Ja oder nein? „Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr“, sagt der Mann, der Chantal 2008 fotografierte. Auf ein Ja oder Nein lässt er sich nicht ein. Er weicht aus, verweist auf seinen Anwalt, der Anwalt verweist wieder auf den Fotografen, so geht es mehrmals hin und her.

Ausweichende Antworten vom Schulfotografen und seinem Partner

Der Fotograf arbeitet mit einem Franchisegeber zusammen. Der eloquente Jürgen Schuster in Mannheim sagt weder Ja noch Nein, sondern erklärt: Er könne gar nicht über Bilder verfügen, denn das Urheberrecht liege beim Fotografen. Aber er habe alles einem Anwalt übergeben. Kurz nach dem Amoklauf seien erste Bilder des Schulfotografen in der „BILD“ erschienen. Weder der Fotograf noch sein Franchisegeber waren gefragt worden. „Wir waren entsetzt“, sagt Schuster. Er habe den Anwalt beauftragt, die Veröffentlichungen zu unterbinden.

Mag sein, aber dieser Auftrag ist nicht erfüllt. Sechs Wochen nach Auftragserteilung erschien „Emma“ mit genau diesen Fotos, noch heute sind sie bei der Agentur ddp im Handel. Entweder die Agentur ddp betrügt den Fotografen um das ihm zustehende Honorar oder sie hat die Bilder doch bei ihm gekauft. Dazu gab es bis Donnerstagnachmittag weder vom Fotografen noch von seinem Franchisegeber noch von seinem Anwalt eine klare Aussage.

Den Handel mit Bildern von Jugendlichen, die ermordet wurden, hält niemand auf.

 

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