Winnenden Ein Sturz – und ewig hilft niemand

Hier lag sie hilflos und kam nicht mehr hoch: Die Scheinwerfer der Autos, die den Berg hochkamen, sagt Margot Pophal, leuchteten ihr ins Gesicht – hat wirklich keiner gesehen, dass sie Hilfe brauchte? Foto: Habermann / ZVW

Winnenden. Wie grauenhaft: Ein Mensch liegt völlig hilflos am Boden und niemand steht ihm bei. Margot Pophal, die Lebensgefährtin des Winnender Bildhauers Martin Kirstein, hat das kürzlich erlebt. Sie ist immer noch völlig fassungslos. Wurde sie wirklich nicht gesehen? Oder war den Leuten der schnelle Weg nach Hause wichtiger als die Frau, die in den nassen Blättern lag?

Es war schon dämmerig am Montag vergangener Woche. Aber Margot Pophal, die Lebensgefährtin des Winnender Bildhauers Martin Kirstein, wollte trotzdem noch die Mülltonne rausbringen. Rausbringen bedeutet im alten Steinbruch, in dem Kirstein sein Wohnhaus und sein Atelier hat: erst mal die Tonne den Buckel hochziehen und dann die Tonne gut festhalten. Denn sie muss noch viel weiter den Buckel wieder runter. Die Müllabfuhr macht die 180-Grad-Kurve von der Straße in den schmalen Stich zum alten Steinbruch hoch nicht. Die Tonne muss also bis runter an die Straße gebracht werden.

Ausgerutscht und auf den Arm gefallen

Margot Pophal zog sich Stiefel an. Auf eine Jacke verzichtete sie. Sie wollte ja gleich wieder zurück sein. Martin Kirstein bekam gar nicht richtig mit, dass sie das Haus verließ. Er hatte Besuch.

Margot Pophal hat zurzeit ein Problem mit dem linken Arm. Der will nicht so, wie sie will. Sie kann ihn nicht heben. Und er ist völlig kraftlos. Die Mülltonne kann sie trotzdem bewältigen. Eigentlich. Am Montag vergangener Woche war es aber unten am Stich nass. Und die Blätter waren so rutschig. Und Matsch war auf dem Asphalt. Und Margot Pophal rutschte die Mülltonne aus der Hand. Die Mülltonne fiel um und Margot Pophal hinterher. Direkt auf ihren linken, schlimmen Arm.

20 Autofahrer fuhren vorbei, bis endlich zwei Frauen anhielten

Da lag sie nun am Straßenrand neben ihrer Mülltonne und konnte sich nicht helfen. Sie kam einfach nicht wieder hoch. Es war kalt, es wurde immer dunkler und die Minuten vergingen. Von unten, von Höfen her, kam ein Auto nach dem anderen den Berg hoch nach Bürg. Die Scheinwerfer leuchteten Margot Pophal immer ins Gesicht. Sie weiß nicht, wie viele Autos es waren. Sie hat nicht mitgezählt. Doch gefühlt, sagt sie, waren es mindestens 20. Und kein Einziger von all diesen hielt an. Freilich, sie alle fuhren von unten nach oben. Das heißt: Die Lichter leuchteten nach oben. Und die Kurve führte die Autos von Margot Pophal weg, nicht auf sie zu. Aber trotzdem: Kann es sein, dass all diese Autofahrer nicht gesehen haben, dass da jemand in Not war und Hilfe brauchte?

Margot Pophal ist immer noch wie durchgeschüttelt, wenn sie von dem Vorfall erzählt. Blaue Flecken auf Wange, Hand und Arm zeigen, wie schlimm sie gefallen war. Rund 15 Minuten, sagt sie, lag sie da. 15 Minuten Hilflosigkeit. Dann kam ein Auto von oben her den Berg runtergefahren. Zwei Frauen saßen drin. Und die hielten in der Haltebucht sofort an, rannten über die Straße, halfen ihr auf und brachten sie zurück. Die zwei Frauen handelten so, wie es selbstverständlich sein sollte. Sie standen einem Menschen in Not bei. In diesem Fall – in den meisten Fällen – eine Kleinigkeit. Aber was für eine Erlösung.


Unterlassene Hilfeleistung

Einem Menschen Hilfe zu leisten, wenn er sie benötigt, ist nicht nur Hobby oder Gutmenschentum. Es ist gesetzlich vorgeschrieben. Das Strafgesetzbuch behandelt im Paragraf 323c die „unterlassene Hilfeleistung“ und die „Behinderung von hilfeleistenden Personen“.

Der Paragraf 323c StGB sagt: „Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.“

Weiter heißt es: „Ebenso wird bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will.“

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