Winnenden Einblicke in die Notaufnahme im Rems-Murr-Klinikum

Sorry, aber bei 50 000 Hilfesuchenden im Jahr kommt es nun mal vor, dass man manchmal etwas länger zu warten hat Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Winnenden.
Die Winnender Notaufnahme funktioniert dermaßen gut, dass noch nie jemand, weil ihm alles zu lange dauerte, vor Wut eine Krankenschwester in die Wade gebissen hat. Und nie ist einer, weil er endlich drankommen wollte, mit einem Beil ins Arzt-Büro gestürmt. Andernorts ist das passiert.

Wobei, „an den Haaren reißen, Kopf nach hinten“, das gab’s auch schon in Winnenden, sagt Chefarzt Dr. Torsten Ade. Nach einer Umfrage des Deutschen Krankenhaus-Instituts soll es in 75 Prozent aller Notaufnahmen schon zu gewalttätigen Übergriffen gekommen sein.

In die Notaufnahme geht niemand, weil er denkt: Ich hab’ gerade Zeit und sonst nichts zu tun. Sondern: Mir geht’s übel, ich brauch’ Hilfe – jetzt. Bei diesen Menschen verbindet sich eine „hohe Anspruchshaltung“ mit „tiefer Unsicherheit“; sie „prallen auf ein System, das per Gesetz nur das unbedingt Notwendigste machen sollte“.

Der Troubleshooter

Ade selber würde es zwar nie so deutlich sagen, aber er ist der Troubleshooter, der Desaster-Manager. Als er im Juli 2016 Esslingen verließ und in Winnenden anheuerte, herrschte in der Notaufnahme der neuen Klinik Tohuwabohu. Fast täglich schrieben Leute, die stundenlang gewartet hatten, sich vergessen und ignoriert fühlten, wütende Mails an die Zeitung.

Längst ist die Protestflut verebbt. Ade und sein Team haben die Notaufnahme auf links gedreht. An die 140 Patienten pro Tag – 50 000 im Jahr! – werden durchgeschleust nach dem „Manchester-Triage-System“: Ein Koordinator teilt die Anströmenden nach fünf Stufen ein, von „sofort“ (ein Prozent) über „sehr dringend“ (fünf), „dringend“, „normal“ bis „nicht dringend“.

Alle finden, ihr Problem sei vordringlich

Dass da nicht alle jubeln, ist quasi ein Naturgesetz. Von der alten Dame mit dem entgleisten Diabetes über den Fußballer mit dem wehen Knie bis zum Betrunkenen, der sich den Kopf blutig geschlagen hat: Alle finden, ihr Problem sei vordringlich – „unser Job ist es, da Unterschiede zu machen“.

„Maximal systemkonform“ sind vier Stunden Wartezeit – der Durchschnitt in Winnenden liegt bei 43 Minuten. Das heißt: 43 Minuten bis zum ersten Arztkontakt. „Danach ist alles möglich“: nach zehn Minuten wieder gehen; 24 Stunden am Monitor hängen. Und 43 Minuten im Schnitt, das bedeutet: eine Minute beim Patienten, der auf der Schwelle zum Tod taumelt; 43 plus x beim Kunden, dem das Kreuz zwackt.

Noch immer sagen manchmal Leute: Aber ich musste sechs Stunden warten. Moment, antwortet Ade. Zu den sechs gehörte womöglich ein Erstkontakt mit einem Arzt; ein Gespräch mit dem Neurologen; ein CT, Röntgen, Labor; „eine ganze Staffel an Untersuchungen. Versuchen Sie mal, all das in zwei Tagen zu kriegen“ bei niedergelassenen Fachärzten.

Der Hintereingang

Ein Ei auf die Spitze stellen? Unmöglich, dachte die Welt, bis Kolumbus das Ding leicht gegen die Tischplatte schlug, so dass sich eine Delle ergab. Es stand wie eine Eins. Genial einfach, einfach genial.

Das Ei des Kolumbus in Winnenden ist der Tresen. Eigentlich müsste es zwei geben, und früher war das auch so: einen für die interdisziplinäre Notaufnahme der Klinik, einen nebenan für die Notfallpraxis der niedergelassenen Fachärzte. Aber irgendwann „haben wir aufgegeben, den Leuten zu erklären, wo sie sich anstellen sollen“, sagt Ade. Denn wer das versucht, „kriegt graue Haare“. Also: eine Anmeldetheke für alle, dort werden sie sortiert. Etwa 40 Sekunden dauert das Erstgespräch am Tresen, „viel mehr können wir uns nicht leisten“, dann wird der Patient in eine von 50 Symptomgruppen eingeordnet. Das flutscht.

Botschaft zwischen den Zeilen

Und doch kann es passieren, dass im Wartebereich kaum jemand sitzt – und nichts geht voran! Wie das? Die Antwort lautet: Hintereingang.

Ein Schwerstverletzter nach Autounfall geht nicht vorne rein und meldet sich an. Er liegt auf einer Trage und wird hinten reingerollt. Manchmal beraten im Schockraum mehrere Ärzte über die Not-OP, Pflegepersonal kämpft um jede Sekunde. Bluttransfusion. Beatmung. Kreislauf stabilisieren. Und vorne sitzt einer, schaut sich um, sieht leere Stühle und denkt: nichts los, und ich warte, warte, warte. Saftladen.

Im Wartebereich hängt deshalb eine Anzeigetafel. Sie verrät, wie viele Leute vorne sitzen und wie viele hinten liegen. Das schafft „Transparenz“, sagt Ade. Botschaft zwischen den Zeilen: Hallo, hinten brennt es lichterloh, also verzichten Sie bitte darauf, vorne eine Axt zu schwingen oder jemandem die Zähne ins Fleisch zu hauen.

Tägliche Tücken

Nicht nur Leute, die hierhergehören, kommen in die Notaufnahme – und deshalb, seufzt Ade, entspinnen sich manchmal „unschöne Diskussionen“ mit Menschen, die sich „extrem taktisch“ verhalten.

Einmal stand da einer am Tresen und hatte einen Überweisungsschein dabei; vom Hausarzt für den niedergelassenen Facharzt; Auftrag: ein CT machen.

Aber es dauert doch immer so lange, dachte der Patient wohl, bis man in der radiologischen Praxis einen Termin bekommt, und der liegt dann in der Arbeitszeit, freinehmen muss ich also auch noch – umständlich! Also ging er in die Notaufnahme – und als er hörte, dass er hier nicht richtig sei, erklärte er: Wie, Sie nehmen mich nicht dran, weil ich kein akuter Fall bin? Na, dann geh' ich raus, werf' den Überweisungsschein weg, komm' wieder rein und sage: Ich hab’ Bauchschmerzen.

Ein ambulanter Patient kostet im Schnitt 120 Euro

Könnten Sie machen, muss Ade dann sanft zu bedenken geben, aber da wir nun Bescheid wissen, kann ich nicht garantieren, dass die Kasse die Kosten trägt.

Eine Notaufnahme muss viel Personal, Apparate, Räume vorhalten – und arbeitet damit unausweichlich defizitär. Ein ambulanter Patient kostet im Schnitt 120 Euro; bei der Krankenversicherung abrechnen lassen sich 34 bis 50. Böse ausgedrückt: „Das Wartezimmer trägt aktiv Geld raus“: Sitzen viele da, rattert der Minuszähler.

Es wird noch bunter. Stellen wir uns einen Patienten vor, der im Altenheim lebt. Er hat zu wenig getrunken, einen Harnwegsinfekt, Fieber. Ade und seine Leute stabilisieren den Mann, beobachten ihn noch eine Weile und entlassen ihn wieder.

Ein Ratschlag

Angenommen, der Patient wird um 23 Uhr eingeliefert und kann am nächsten Morgen gehen: Das gilt als „kurzstationäre“ Behandlung, der Mann war ja über die Mitternachtsschwelle hinweg da. Die Klinik bekommt von der Kasse 600 Euro.

Angenommen, der Patient wird um 8 Uhr eingeliefert und kann am Abend gehen: Das bringt „im schlimmsten Fall 34 Euro“; er war ja nicht über Nacht da: ambulant.

Aber Herr Ade, das ist doch schräg, oder? Der Chefarzt schaut stolz wie ein Lehrer, dem es gelungen ist, einem begriffsstutzigen Schüler das kleine Einmaleins beizubringen. „Ja“, lobt er, „ist schräg“.

Geflügeltes Ade-Wort: Die Kollegen auf den Stationen sind „die Sterneköche – wir hier unten sind die Systemgastronomie“. Das Chaos in geordnete Kanäle leiten, den täglichen Ausnahmezustand in geschäftige Routine verwandeln: Die Leute in der Notaufnahme meistern dieses irre Kunststück Tag für Tag. Sie haben Respekt verdient.

In diesem Sinne, wenn Sie mal hingehen, lassen Sie das Beil zu Hause, halten Sie Ihre Zähne im Zaum – und so schlecht Sie sich fühlen, vergessen Sie eines nicht: Falls Sie etwas länger warten müssen, liegt das daran, dass es anderen noch dreckiger geht.

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