Winnenden Gebärdensprache: Schnupperkurs für Kinder

Spielerisch lernten die Kinder Gebärden. Im Bild (von links nach rechts): Hannah, Annika, zweimal Fanny und Hannes. Foto: Tantschinez/ZVW

Winnenden. Was heißt es wohl, wenn jemand mit dem Zeigefinger auf sich selbst deutet? Gar keine Frage: Derjenige meint sich selbst. Er sagt „Ich“. Manche Gesten sind vollkommen natürlich, logisch, verständlich. Aber wie ist das mit komplizierteren Wörtern? Sätzen? 15 Kinder waren eingeladen, in der Paulinenpflege erste Anfänge von Gebärdensprache zu lernen. Ein toller Schnupperkurs!

So leise war es selten: 15 Mädchen und Jungs im Alter von sechs bis zwölf – tja, „lauschten“ zu schreiben, wäre hier falsch. Und doch ist’s das richtige Wort, denn zwar guckten sie und passten hochkonzentriert auf, aber es ging ja um Sprache, ums Verstehen, ums Miteinander-Sprechen. Also passt wohl am besten eine Verknüpfung der Sinne: Sie lauschten mit den Augen. Denn vor ihnen stand Gabi Braig, Gebärdensprachlehrerin der Paulinenpflege.

Video: Die Kinder lernen Gebärden beim Spiel "Stille Post".

Gabi Braig hört nichts, nicht mal die eigene Stimme im Kopf. Sie könne zwar sprechen, erklärt sie, aber das klinge komisch. Denn sie habe ja keine Kontrolle, könne also auch keine Melodie ins Gesagte legen. Und deshalb schalte sie ihre Stimme lieber ab. Sprachlos ist sie trotzdem nicht. Sie spricht mit den Händen. Nein, stimmt nicht. Sie spricht auch mit dem Gesicht, dem Mund, dem ganzen Oberkörper. Gebärdensprache nutzt Mimik, Lippenbewegung, Gestik, um Inhalt, Gefühl, Frage oder Aussage zu transportieren. Und Gebärdensprache verlangt alles von denen, die so kommunizieren. Sie verlangt die volle Aufmerksamkeit. Nebenher ins Handy starren, mit den Augen, den Gedanken schon fünf Schritte weiter im Geschehen sein, das geht nicht. Gebärdensprachler müssen sich voll und ganz ihrem Gespräch widmen. Ganz beim anderen sein. Wie schön, wie selten.

Es gibt Gebärden, die ergeben sich von selbst. Was heißt es wohl, wenn jemand ein imaginäres Lenkrad in beiden Händen hält und nach rechts und links dreht? Logisch: Auto fahren. Die erste Vokabel ist gelernt. Manche Wörter lassen sich mit ein bisschen Wissen auch leicht erschließen: mit den Fingern eine Kerze nachformen und auspusten? Geburtstag. Gesten wie „Hallo“ und „Tschüss“ sind im Leben aller gegenwärtig: Ein freundliches Winken ist unmissverständlich. Anderes muss dann richtig gelernt werden. Name: die Hand zur Faust schließen und mit dem ausgestreckten Daumen über die Stirn fahren. Entschuldigung: beide Hände flach übereinanderlegen und mit der oberen luftig über die untere kreisen. Manche Gesten sind einfach schön: Ein Dank wird ausgedrückt, indem sich die ausgestreckte Hand vom Kinn nach vorn bewegt, fast, als solle ein Kuss durch die Luft fliegen. Dann legt sich die gleiche Hand aufs Herz.

Gebärdensprache nicht ganz international verständlich

Gebärdensprache ist kein Notbehelf, sondern eine anerkannte Sprache. Tatsächlich gibt es sogar Gebärden-Fremd-Sprachen, denn in anderen Ländern wird manches Wort mit anderer Gestik ausgedrückt. Gebärdensprache hat auch eine ganz andere Grammatik als die gesprochene Sprache. Sie orientiert sich an der Abfolge des Erlebens. Heißt der Satz gesprochen: „Ich trinke heiße Milch“ muss die Übersetzung in Gebärden so lauten: „Ich Milch heiß trinken“.

Wer Gebärden für ein bestimmtes Wort nicht kennt, wer Namen ausdrücken will oder Fremdwörter, greift auf das Fingeralphabet zurück. Für jeden Buchstaben gibt es eine bestimmt Handstellung. Diese aneinandergereiht, lassen das Wort entstehen. Dafür braucht’s ganz schön viel Beweglichkeit, stellen die Jungs und Mädels fest. Aber, keine Frage, es klappt.

Dolmetscherinnen

Mit beim Schnupperkurs waren auch zwei Dolmetscherinnen der Paulinenpflege. Jana Zartmann und Annie Haas wechselten sich gegenseitig ab beim Hin- und Herübersetzen. Sie setzten die gesprochenen Worte der Kinder in Gebärden für Lehrerin Gabi Braig um und die Gebärden in Worte für die Kinder. Das ist eine große Herausforderung, da während des Sprechens die unterschiedliche Grammatik mitbedacht werden muss.

Gebärdensprachdolmetscher ist ein Studienfach. Hamburg, Magdeburg, Zwickau, Berlin und Idstein bieten es entweder als Vollzeit- oder als Teilzeitstudium an. Auch bei der Paulinenpflege in Winnenden können Dolmetscherkurse besucht werden.

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