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Winnenden „Politik gehört nicht in die Moschee“

Winnenden. Hilmi Gemici ist der neue Vorsitzende des Ditib-Moscheevereins. „Ich möchte mehr Nähe zu den Deutschen herstellen, und dass sich die Denkweise meiner Glaubensbrüder ändert: Wir leben in Mitteleuropa, wir arbeiten Hand in Hand.“ Der 41-Jährige hat Bürger, Vertreter der Stadt, der Kirchen, des Gemeinderats und die Presse zu Gespräch und Freitagsgebet eingeladen.

Video: Zum  Friedensgebet wurden die Bürger von Winnenden in die Moschee herzlich eingeladen.

Die politischen Veränderungen in der Türkei und der Einfluss des Staats auf deutsche Ditib-Vereine lassen viele Deutsche wieder misstrauischer gegenüber ihren Mitbürgern muslimischen Glaubens werden. Hilmi Gemici und seine Gattin Ayse, die im Moschee-Verein Frauenvorstand ist, werden oft danach gefragt, auch am Freitag.

Sie betonen aber, dass in ihrer Gemeinde Diskussionen über Politik und Weltanschauungen „nichts verloren haben“. „Die Moschee steht jedem offen, ich frage nicht vorher, ob einer Gülen oder Erdogan gut findet, ob er Jude, Atheist oder Christ ist“, sagt Hilmi Gemici. „Unter den Betenden heute sind sicher 30 Prozent Kurden“, beantwortet er weitere Fragen dazu. „Aber wir reden hier im Aufenthaltsraum weder über das Verhältnis zwischen Türkei und Kurden noch über das Armenienproblem, da wären wir in einer Woche noch nicht fertig.“

„Den Imam bezahlt die Türkei, aber er repräsentiert sie nicht“

Seine persönlichen politischen Ansichten, sagt er auf Frage des Stadtrats Hans-Dieter Baumgärtner, würde er am Stammtisch oder im Besen kundtun, aber nicht in der Moschee. „Mir ist wichtig, dass man die Meinung des anderen respektiert und nicht emotional wird, das Gesagte immer gleich persönlich nimmt, wie es viele Türken tun.“

Ganz klar stehe er, Hilmi Gemici, auch für die demokratische Grundordnung der Bundesrepublik. „Das ist der wichtige gemeinsame Konsens, den wir haben“, sagt Bürgermeister Norbert Sailer, der sich vor einer Weile zusammen mit OB Holzwarth und Gemici getroffen hat. „Bei allem, was in der Zeitung steht, wollen wir miteinander, nicht übereinander reden. Und wir wollen das gemeinsam durchstehen“, spielte Sailer auf das angespannte politische Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei an.

"Wir sind auf Spenden angewiesen"

Was ist mit dem Imam, der vom türkischen Staat geschickt und bezahlt wird? „Wir sind froh, dass uns Cuma Yildirim gestellt wird, da wir mit 125 Mitgliedern, einschließlich Kindern, nicht weit kämen. Wir sind auf Spenden angewiesen. Aber es ist so, dass der Imam nicht den Staat repräsentiert, sondern Gebete durchführt. Wir sind eine Moschee, kein Konsulat“, sagt Hilmi Gemici.

Immerhin, so der Grünen-Landtagsabgeordnete und Stadtrat Willi Halder, werden seit fünf Jahren Imame und islamische Religionspädagogen an Hochschulen ausgebildet, zum Beispiel in Freiburg, Tübingen, Ludwigsburg. „Der Bedarf ist da, aber es könnten viel mehr Absolventen sein“, hat er das Gefühl. Das deutsche Misstrauen wird erst enden, meint er, „wenn Deutschland die Imame stellt“. Halder bereitet für den Landtag eine kleine Anfrage zu dem Thema vor.

„Bei uns steht das Religiöse und das Menschliche im Vordergrund"

„Bei uns steht das Religiöse und das Menschliche, nicht das Politische im Vordergrund. Derzeit helfen wir den Syrern und anderen Flüchtlingen, wo wir können“, sagt Ayse Gemici. Ihr Mann hofft, dass dieses Aufeinanderzugehen künftig auch mit den Deutschen besser funktioniert: „Wir sind eigentlich 20 Jahre zu spät dran, haben uns nicht angenähert.“ Das liege bei manchen am mangelnden Spracherwerb, für den er gar kein Verständnis hat, bei anderen an einer konservativen Einstellung.

„Die türkische Kultur und Sprache sowie der Islam sind einfach komplett anders, deshalb war es vielleicht auch schwieriger als bei Griechen und Italienern“, denkt er. Zudem seien die Vorgänger im Vorstand, zu denen sein Vater Mustafa gehörte, 17 Jahre lang mit dem Aufbau der Gemeinde beschäftigt gewesen, die sich 1999 in einem Baucontainer beim Ziegeleiareal gegründet hat. Vor ein paar Jahren erst wurde der wunderschöne Gebetsraum fertig.

Um 12.40 Uhr gehen die Besucher und Besucherinnen hinein, hören die gesungene Einladung zum Gebet, das arabische Gebet und die türkische Predigt. Anschließend wird sie auf Deutsch übersetzt. Die deutschen Frauen dürfen im Gebetsraum der Männer dabei sein, aber sie werden gebeten, die Haare mit einem Tuch zu bedecken.

Schwäbischer Akzent

  • Hilmi Gemici ist 1975 in der Türkei geboren, die Familie zog 1978 nach Birkmannsweiler und wohnte später in Hertmannsweiler und der Kernstadt. Er spricht Hochdeutsch mit schwäbischem Akzent - und Türkisch. Mit seiner Frau Ayse lebt er im Eigenheim in der Ruitzenmühle und hat drei Kinder, neun, 17 und 21 Jahre alt.
  • Hilmi Gemici arbeitet bei Porsche in der Lackiererei. 20 Jahre war er Kunststoffformgeber und acht Jahre Planer und Disponent in Esslingen.
  • Der ebenfalls neue Zweite Vorsitzende des Moschee-Vereins heißt Yahya Pehlivan.
     
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