Winnenden Graue Busse: Das Mahnmal geht, die Erinnerung bleibt

Winnenden. Sie wurden in graue Busse gesteckt, deportiert und ermordet, ihre Leichen verbrannt um die Spuren zu verwischen. Als Erinnerung an die Gräueltaten in Grafeneck an 10 654 Opfern der „Euthanasie“ im dritten Reich wandert ein Beton-Bus entlang der Verwaltungswege und Fahrstrecken der Todesbusse. Über die vergangenen zwei Jahre weilte das Denkmal in Winnenden. Nun wird es an seinen nächsten Standort gebracht.

Video: Mordfabrik Grafeneck.

„Wohin bringt ihr uns? 1940/1941“, so lautet die Inschrift im Innern des Denkmals. Der 75 Tonnen schwere Beton-Bus stand zwei Jahre lang vor dem Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Winnenden, als Mahnmal für Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Er erinnert an die echten grauen Busse, in denen die Nazis zwischen März 1940 und August 1941 hinter akribisch abgeklebten Scheiben 10 654 Menschen aus Heil- und Pflegeanstalten in Richtung Grafeneck bei Münsingen deportierten. In einer umgebauten Scheune des einstigen Jagdschlosses der Herzöge von der Schwäbischen Alb, wurden sie zum vermeintlichen Duschbad in die erste Gaskammer des dritten Reichs gebracht und dort mit Kohlenmonoxid ermordet, das aus den Duschköpfen strömte.

 

Ein Opfer: Eine junge Mutter aus Schorndorf

Eine der Ermordeten war Maria Anna Fetzer aus Schorndorf. Im Alter von 32 Jahren brachten Nazi-Gehilfen sie in die Nervenklinik nach Tübingen, von wo sie wenig später nach Winnenden verlegt wurde. Ob sie tatsächlich an einer Erkrankung litt ist unklar, es gibt keine Unterlagen mit einer Diagnose. Traurige Gewissheit ist jedoch, dass sie mit den vielen Menschen, die damals als geistig oder körperlich behindert galten, im Zuge der „Aktion T4“ nach Grafeneck gebracht und dort noch am selben Tag ermordet wurde. Wie alle Angehörigen der Opfer, erhielt auch ihre Familie ein Schreiben voller Lügen: Die Patientin sei an einer Herzinnenwandentzündung verstorben, ihr Tod sei als eine Erlösung für sie anzusehen.

Todesanzeigen für die Opfer

Ihr Name steht mit denen 395 weiterer Opfer aus der Heilanstalt Winnental, dem heutigen Zentrum für Psychiatrie, auf Todesanzeigen aus Stoff geschrieben, die in dieser Woche bis zum Morgen vor dem Abbau an einer Leine rund um das Beton-Denkmal gespannt waren. Künstler haben zwei dieser grauen Symbole für die sogenannte „Aktion T4“ in Ravensburg gebaut. Eins davon blockiert dauerhaft die Pforte der ehemaligen Heilanstalt Ravensburg-Weisenau, das zweite wechselt seine Standorte. Das Denkmal wird versetzt um den Prozess der Erinnerung nachzuempfinden. Ähnlich wie diese kommt und geht, sich ständig verändert und immer in Bewegung ist, folgt der Bus dem Verwaltungsweg der „Euthanasie“- Morde, markiert Orte der Tat, Orte der Opfer und Orte der Täter, und verlässt sie wieder. Nach zwei Jahren in Winnenden kommt der Bus nun an seinen neuen Standort in Frankfurt.

 

Zurück bleibt ein Abdruck des Denkmals - und die Erinnerung

Zum Abbau rückten drei Tieflader und ein Kran an. Stück für Stück trugen die Künstler zusammen mit den Kran- und Lkw-Führern das Denkmal ab. Zurück bleibt ein Abdruck rings um den Weg, auf dem das Denkmal stand. Die Konstruktion und der Standort hatten eine besondere Wirkung, findet Hermann Mezler vom Ethikkomitee des ZfP. „In mitten des Wegs, versperrte der Bus einerseits den Weg in Hauptgebäude, lud aber auch zum Durchlaufen ein“ Der Seelsorger erklärt: „Für viele Leute war es Bedrückend, dass der Bus hier stand“, einige hätten es als Belastung empfunden. Die Anwesenheit des Denkmals rückte die schreckliche Vergangenheit in die Aufmerksamkeit. Die Willkür der Nazis darüber, wer leben durfte und wer überflüssig war.

Der Vermerk "lebensunwert" bedeutete das Todesurteil

Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer und alte Menschen - in ihren Akten stand der zynische Vermerk „lebensunwert“. Kriterien dafür waren „geringfügige oder Mäßige Arbeitsleitung, Schwachsinnigkeit mittleren Grades, langjähriger Aufenthalt in einer Anstalt und schlechte äußere Erscheinung“. Was sich dahinter verbirgt sind Rassenwahn und das radikale Kosten-Nutzen-Denken der Nazis, in der diejenigen, die nach deren Meinung keine Arbeit leisten konnten, gnadenlos vernichtet werden sollten. Adolf Hitler unterzeichnete dazu eine Ermächtigung - in Deutschland starben insgesamt 70 000 Menschen durch die „Euthanasie“-Aktionen.

„Euthanasie“ nicht nur in Winnental

Auch in der Diakonie Stetten erinnert ein Denkmal an einen der Schauplätze der Deportationen: 334 Bewohnerinnen und Bewohner wurden in nur wenigen Monaten des Jahres 1940 Opfer der Ideologie vom „lebensunwerten Leben“. In acht Transporten wurden die Menschen nach Grafeneck gebracht. Der Stein des Gedenkens erinnert an die Deportationen und an die Namen der Ermordeten. Er mahnt, alle Tendenzen, zwischen „lebenswert“ und „lebensunwert“ zu bekämpfen und in dieser Hinsicht aufkeimende Gedanken anzuklagen.

Ein weiterer Bus mit sieben Menschen verließ 1941 die Winnender Paulinenpflege. Ihre Fahrt war als Ausflug getarnt. Die zwei Frauen und fünf Männer mussten auf Anordnung des Innenministeriums nach Winnental gebracht werden. Von dort aus ging es mit teils längeren Zwischenaufenthalten in Weinsberg weiter in die von Grafeneck nach Hadamar in Hessen verlegte Tötungsanstalt. An sie erinnern goldene Stolpersteine, die in den Boden am Pflegeheim eingelassen sind.

Alle drei Einrichtungen gehen offen mit der furchtbaren Vergangenheit um: „Damit unsere Patienten verstehen, was das Denkmal bedeutet, haben wir Infotafeln aufgestellt und Gespräche in den einzelnen Abteilungen geführt.“ Die Patienten nahmen die Situation krankheitsbedingt unterschiedlich auf. Einige sagten, sie fühlten sich ebenso ausgeschlossen, verbannt. Auch wenn das entsprechend mancher Krankheitsbilder sehr zugespitzt ist - die Auseinandersetzung mit dem Thema ist gut und wichtig. Das Zentrum für Psychiatrie in Winnenden wird auch weiter an Gedenkveranstaltungen teilnehmen.

Der Zeitstrahl zeigt die Geschichte der "Euthanasie" im Dritten Reich

 

„Aktion T4“

Namensgebend war die Bürozentrale, eine Berliner Villa in der Tiergartenstraße 4. Dort befand sich die Zentrale für die Ermordung behinderter Menschen im gesamten Deutschen Reich.

Hitlers „Ermächtigung zur Gewährung des Gnadentodes für unheilbar Kranke“ wurde auf den Kriegsbeginn, den 1. September 1939 rückdatiert, um die Bevölkerung von der kriegswirtschaftlichen Bedeutung der Euthanasie zu überzeugen.

Sechs Tötungsanstalten wurden eingerichtet: Brandenburg/Havel, Bernburg/Saale, Hartheim bei Linz, Sonnenstein bei Pirna, Hadamar (Hessen) und Grafeneck bei Münsingen.

In den Tötungsanstalten wurden Standesämter eingerichtet, in denen Todesursache, Tag und Ort gefälscht, Akten ausgetauscht wurden. Nachforschungen von Angehörigen waren dadurch kaum möglich. Nur auf Nachfrage wurden Urnen (nicht zwingend mit der richtigen Asche) an Hinterbliebene verschickt.

Offizielles Ende der „Aktion T4“ war im August 1941. Die „wilde Euthanasie“ ging dezentral weiter, es wurden nochmals etwa 30 000 Menschen durch Medikamente oder Hunger getötet.

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