Schwaikheim Hartes Eisen, weiche Formen in der Huf- und Wagenschmiede

Schwaikheim.
Kann man in einen Eisenstab einen Knoten machen? Ja, das kann man. Bei der Sommertour zur ehemaligen Huf- und Wagenschmiede Schwaikheim haben 15 Teilnehmer gesehen, wie das geht. Aber nicht nur das – Klaus Beisswänger und Jan Meisner zeigten ihnen, wie hier früher der Schmied gearbeitet hat.

Video: Jan Meisner und Klaus Beisswänger zeigen ihr Handwerk.

„Das kenn ich noch von meinem Vater“, sagt Ingrid Jeutter aus Berglen als sie in der alten Schmiede in Schwaikheim die Deichsel entdeckt, die dort an einer Wand hoch oben unterhalb der Decke angebracht ist. Ingrid Jeutter ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Manches, was in der Schmiede heute ausgestellt ist, ist ihr daher ein Begriff. Aber nicht nur deshalb hat sie sich für die Sommertour angemeldet. Die Materie interessiere sie.

Und das, was Klaus Beisswänger und Jan Meisner vom Heimatverein den Sommertourteilnehmern zeigen, kann sich sehen lassen. Jan Meisner formt aus einem Stück Eisen ein filigranes Blatt, dann ein paar Nägel. Klaus Beisswänger gestaltet das harte Material zu einem Knoten. Das fertige Produkt lässt einen vermuten, dass man kurzerhand das eine Ende genommen und ähnlich wie bei einem Bindfaden durch die Schlaufe gesteckt hat. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht. Nachdem Klaus Beisswänger das Eisenstück mehrere Minuten lang in die Glut der Esse, so die Bezeichnung der Feuerstelle einer Schmiede, gesteckt hat, legt er sie über den Ambos. Dann greift Beisswänger zum Hammer. Mit jedem Schlag erhält der Stab eine Rundung. Viel Zeit hat er nicht, bis der Eisenstab zu sehr abkühlt und erneut erwärmt werden muss. Und nachdem er das Ganze mehrmals wiederholt hat, kann er letztendlich das Ende per Hammerschlag durch die Schlaufe führen – mit Erfolg. Die Sommertourteilnehmer klatschen begeistert.

Ziel ist die Schmiede am Leben zu erhalten

„Das ist der Grund, warum keiner von uns ins Sportstudio zu gehen braucht“, sagt der 74-Jährige, lächelt und wischt sich mit dem linken Handrücken ein paar Schweißperlen von der Stirn. Er greift den Metallgriff, der an einer Kette von der Decke baumelt, und der Blasebalg hinter ihm zieht sich zusammen. Luft fließt durch ein Röhrensystem von unten in die Esse. Die Flammen lodern auf.

Beisswänger gehört seit rund elf Jahren zum Team des Schwaikheimer Heimatvereins, das sich um die ehemalige Huf- und Wagenschmiede kümmert. Insgesamt sind sie zurzeit zu viert. „Wir können noch Verstärkung gebrauchen“, sagt er. Ihr Anliegen ist es, die Schmiede am Leben zu erhalten, das alte Handwerk fortzuführen.

Eine Anmerkung, die Sommertourteilnehmer Simon Lang gerne hört. Der 17-Jährige hat schon einmal im Garten versucht zu schmieden, indem er einen Eimer zur Feuerstelle umfunktioniert hat. Mit dem Ergebnis war er nur mäßig zufrieden.

Andere Teilnehmer hatten beruflich in dem Bereich Erfahrungen gesammelt und wollten deshalb einen Blick in die historische Schmiede werfen. Leonhard Bruder aus Waiblingen-Neustadt hat in einer mechanischen Schmiede in der Nachkriegszeit eine Ausbildung gemacht. „Mich hat die Historie interessiert, wie alles einmal in dem Handwerk angefangen hat“, sagt er. Erich Jergler hat bereites an einem Messerschmiedkurs teilgenommen. Als „wirklich interessant“ bezeichnet er das, was Beisswänger und Meisner vorführten.

Wenn Eisen zu lange im Feuer ist, brennt es wie eine Wunderkerze

Mit einem Mal kommen die Besucher aus dem Staunen nicht mehr heraus. Jan Meisner holt einen dicken Eisenstab (mit etwa 2,5 Zentimetern im Durchmesser) aus der Esse, legt das Ende auf den Ambos, hält ihn mit der rechten Hand fest. Während er mit der linken Hand zum Hammer gegriffen hat, hält inzwischen Klaus Beisswänger einen großen Vorschlaghammer in der Hand. Nun ist Timing gefragt. Jeder Schlag muss sitzen. Denn die beiden schlagen im Wechsel auf das Ende des Stabs. Allmählich formt er sich zu einer Spitze.

Eisen kann aber auch verbrennen, erklärt Jan Meisner und lässt einen Stab ein paar Minuten länger als üblich in der Glut liegen. Als er ihn herausholt, leuchtet die Spitze wie bei einer Wunderkerze. Das Ende lasse sich nicht mehr bearbeiten, sagt er.

„Sagenhaft – das gefällt mir sehr. Besonders interessant fand ich, wie oft etwas erwärmt werden muss“, sagt Jürgen Lutz aus Winnenden. Wie die beiden gleichzeitig Großes wie auch Filigranes herstellen können, das hat besonders Jenny Oberle (17) und Simon Oberle (14) beeindruckt.

Und zum Schluss bekommen einige ein Andenken mit nach Hause. Passend zu ihrem Nachnamen erhält Bianca Nagel einen handgeschmiedeten Nagel.

Die Schmiede

Die Schwaikheimer Huf- und Wagenschmiede wurde im Jahr 1933 von Karl Kraus gegründet und war eine von insgesamt fünf Schmieden im Ort. Im Jahr 1949 übergab er die Schmiede an seinen Bruder Paul Kraus, der sie bis 1984 weiterführte. Nachdem die Schmiede einige Jahre stillgestanden war, kaufte sie die Gemeinde auf und übergab sie dem Heimatverein, der sie seither führt, um sie zu erhalten.

Jeden ersten Samstag im Monat hat die Schmiede von 9 bis 12 Uhr geöffnet. Immer wieder kommen Bürger aus dem Umkreis vorbei und bringen unter anderem Gartengerätschaften, welche die Ehrenamtlichen dann mit Hilfe von Feuer, Hammer und anderen Gerätschaften reparieren, schleifen oder zurechtbiegen.

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