Winnenden Hilfe nach Vergewaltigung: Schon vier Fälle

Dr. Stefanie Grüneklee ist Oberärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Rems-Murr-Klinikum Winnenden. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Winnenden.
Bloß nicht duschen nach einer Vergewaltigung: Das klingt jetzt irre, ist aber sehr ernst gemeint. Die Dusche wäscht Spuren ab, die später entscheidend für die Verurteilung eines Täters sein könnten. Dr. Stefanie Grüneklee und ihre Kollegen am Winnender Krankenhaus sichern diese Spuren gerichtsfest – sofern die betroffene Frau das möchte. Das Opfer kann sich danach sehr viel Zeit lassen für die Entscheidung, ob es den Täter anzeigen möchte oder nicht. Die Spuren und Befunde werden ein Jahr lang aufbewahrt. Diese Hilfe für Opfer sexueller Übergriffe bietet das Rems-Murr Klinikum seit etwa zwei Wochen an. Es waren bereits vier Frauen deshalb da.

Dr. Stefanie Grüneklee liegt diese neue Form der Hilfe sehr am Herzen. Es besteht die Chance, dass Frauen die Folgen einer Vergewaltigung besser verarbeiten können, wenn sich jemand um sie kümmert direkt danach. Es geht nicht allein um die Spurensicherung. Es geht um Zuwendung und darum, die Frau und ihre Not ernst zu nehmen. Sie bleibt nicht allein hinterher, kann sich an die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt wenden oder an Pro Familia. Im Projekt „Soforthilfe nach Vergewaltigung“ arbeiten mehrere Stellen Hand in Hand zusammen. Immer entscheidet die Frau, welche Hilfe sie in Anspruch nehmen möchte oder nicht. Die große Entlastung im Vergleich zu früher: Die Frau kann die Soforthilfe kostenfrei nutzen, ohne den Täter anzeigen zu müssen. Aber sie kann es tun, noch Monate später.

Aids: Das Risiko lässt sich zumindest verringern

Nicht nur deshalb macht eine medizinische Untersuchung nach einem Übergriff Sinn. Der Täter könnte Aids haben. Oder Syphilis. Es lässt sich nicht direkt nach dem Übergriff feststellen, ob es zu einer Ansteckung gekommen ist. Aber Ärzte haben Methoden an der Hand, wie sie das Risiko einer HIV-Infektion immerhin mindern können. Und sie können alles Nötige in die Wege leiten, damit eine Geschlechtskrankheit so schnell wie möglich behandelt wird. Oder sie beantworten Fragen in Bezug auf eine mögliche Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung.

K.-o.-Tropfen – noch so ein Thema. Einen forensischen Schnelltest gibt es momentan nicht, sagt Dr. Grüneklee. Sehr viele Substanzen sind als K.-o.-Tropfen einsetzbar. Die gängigsten kann man relativ rasch nachweisen im Urin. Es ist nur wichtig, dass die Frauen schnell kommen, so schnell wie nur möglich. Das gilt immer, unabhängig davon, ob K.-o.-Tropfen im Einsatz waren oder nicht. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Spuren könnten verloren gehen.

Die Beweissicherung läuft ganz anders ab als eine gewöhnliche gynäkologische Untersuchung. Es geht darum, Täter-DNA zu sichern, Verletzungen zu dokumentieren. Es werden Fotos gemacht, sofern die Frau zustimmt. Eine Stunde dauert das Prozedere, oder anderthalb.

Frauen wird rund um die Uhr geholfen

Rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche, an Weihnachten, an allen Feiertagen können Frauen sich an die Winnender Klinik wenden. Es kann sein, dass sie kurz warten müssen, sollte sehr viel los sein in der Klinik – aber sie kommen dran. Und sie treffen alle Entscheidungen.

Frauen können auch nur die medizinische Versorgung in Anspruch nehmen, ohne Spurensicherung. Niemand wird ohne ihre Zustimmung von den Vorfällen erfahren. Die ärztliche Schweigepflicht gilt.

Das dürfte schwer auszuhalten sein, sofern sehr junge Mädchen zur Spurensicherung kommen. Trotzdem. Vertraulichkeit ist wesentlicher Bestandteil dieser Soforthilfe – damit Frauen sich trauen, zu kommen.

„Wir können dazu beitragen, die körperliche Integrität zumindest ein Stück weit wiederherzustellen“, sagt Oberärztin Grüneklee.

Sie erlebt auch Frauen, die sich mit Schuldgefühlen quälen. Vielleicht hatten sie was getrunken und dann ist das passiert. Vielleicht wissen sie gar nicht, was genau passiert ist, weil sie außer Gefecht gesetzt waren. Die Ärztin hört zu und stellt klar: Schuld ist der Vergewaltiger. Niemand sonst.


Die Dunkelziffer dürfte sehr hoch liegen

27 Vergewaltigungen wurden im vergangenen Jahr im Rems-Murr-Kreis angezeigt. Wie viele Vergewaltigungen es wirklich gab, kann niemand wissen.

Es gibt viele Gründe, warum Frauen ihren Peiniger nicht anzeigen. Vielleicht war es der Ehemann oder der Ex-Partner. Oder Scham und Schuldgefühle sind zu groß.

Die Kosten für die Spurensicherung tragen der Landkreis und die Kliniken. Die Krankenkassen bezahlen das – bisher – nicht. Vor kurzem hat Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigt, diese vertrauliche Untersuchung solle flächendeckend Kassenleistung werden.

Die Soforthilfe ist eingebunden in ein Hilfenetzwerk, zu dem auch die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt des Kreisjugendamts und Pro Familia mit dem Projekt „Flügel“ gehören.

Die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt hat im vergangenen Jahr 265 Betroffene betreut, darunter 17 Opfer von Vergewaltigungen.

Vergewaltigung verjährt nach 20 Jahren.

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