Winnenden In stiller Anteilnahme vereint

Winnenden. Hunderte Menschen haben sich am Sonntagmorgen im Stadtgarten versammelt, um in einer kurzen Zeremonie der Opfer des Amoklaufs vor neun Jahren zu gedenken. „An vielen anderen Orten der Welt sind solch’ schreckliche Vorkommnisse geschehen. Wir sind daher mit vielen Menschen und ihrem Schmerz vereint. Deswegen sind wir in Winnenden und Wendlingen auch nicht allein mit dem Erinnern“, sagte Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth.

Um 9.33 Uhr begannen die Kirchenglocken lange zu läuten, das gedämpfte Gemurmel der Anwesenden verebbte allmählich. „An diesem Tag rücken wir in Winnenden besonders eng zusammen“, begann Hartmut Holzwarth seine kurze Ansprache. Er hatte sich vor dem gebrochenen, aber sich auch aufbäumenden Ring des Künstlers Martin Schöneich gestellt. Jener ist seit 2014 die öffentliche Gedenkstätte. Ihr gegenüber, sie im großen Halbkreis einrahmend, standen die Gäste des ersten Trauerrituals dieses Tages, viele tatsächlich Schulter an Schulter, aneinander Halt suchend. Sie hörten mit gesenkten Köpfen die Namen der Ermordeten aus dem Munde der Jugendgemeinderäte Adrian Gerlach und Jan-Philipp Schmitz und ein Gebet der Pfarrerin aus Weiler zum Stein, Rosemarie Gimbel-Rueß. Auf das gemeinsame „Vaterunser“ folgte ein ruhiges, zartes Duett, ein Stück von Wilhelm Friedemann Bach, seelenvoll gespielt vom Winnender Ehepaar Susanne (Querflöte) und Michael Kiefer (Oboe).

Viele legen im Gedenkring Blumen ab und halten inne

„Herzlichen Dank für Ihre Anteilnahme heute“, sagte der Oberbürgermeister am Ende der Gedenk-Viertelstunde. Viele Menschen gingen anschließend noch zum Gedenkring, legten neben den 15 weißen Rosen ihrerseits Blumen ab und hielten mit eigenen Gedanken inne. Andere machten sich gleich auf den Weg in den ökumenischen Gottesdienst, zur Schlosskirche.

Abends folgten traditionell zwei weitere Gottesdienste, einer in der katholischen St.-Karl-Borromäus-Kirche in Winnenden, einer in der Peterskirche Weiler zum Stein, bei dem auch der Leutenbacher Bürgermeister Jürgen Kiesl Worte des Gedenkens an die Gäste richtete. Er sprach von „Narben, die immer noch schmerzen, wenn die Erinnerungen an diesen Tag hochkommen.“ Und dass der Anschlag zweier amerikanischer Schüler in Columbine 1999 seither leider so vielen „als krankes und grausames Vorbild“ gedient habe, auch für die Taten, verübt von jungen Männern in Erfurt 2002, in Winnenden und Wendlingen 2009, in München 2016 und jüngst in Florida.

Lichterprozession zur Albertville-Schule

Regen begleitete die Lichterprozession vom Marktplatz bis zum unteren Hof der Albertville-Realschule. Gut 400 Menschen, überwiegend junge Erwachsene, haben sich am Sonntagabend an der Gedenkveranstaltung des Jugendgemeinderats beteiligt. Mit der Ballade „One more light“ von Linkin Park empfing die Schulband des Backnanger Wirtschaftsgymnasiums (Eduard-Breuninger-Schule) die Ankommenden. Einige blieben im oberen Schulhof stehen wo an den Namenstafeln der ermordeten Schülerinnen, des Schülers und der Lehrerinnen Kerzen abgestellt werden konnten. Von hier aus konnte man wie von einem Balkon herunterschauen auf das diesjährige, mit wasserfesten Teelichtern geschriebene Motto „Our lights for life“, zu Deutsch „Unsere Lichter für das Leben“. In Solidarität mit den Familien in Florida, „die seit kurzem unser Schicksal teilen“, fordert Adrian Gerlach vom Winnender Jugendgemeinderat: „Never again“, „Nie wieder!“. Der 17-Jährige hofft, dass der „mutigen Schülerbewegung dort nicht die Puste ausgeht und sie einen großen Schritt gehen können, damit auch in den Vereinigten Staaten die Morde durch Schüler an Schülern ein Ende haben.
Das Winnender Lichtermeer steht symbolisch für das Nicht-Vergessen der Schrecken einer Gewalttat. „Solange Winnenden sich erinnert und der Rest von Deutschland nicht wegsieht, können wir hoffen“, so Adrian Gerlach. Nach seiner Ansprache stellten viele ihre Lichter zu den Kerzen des Jugendgemeinderats dazu und hörten weitere gefühlvoll interpretierte, zur nachdenklichen Stimmung des Abends passende Lieder - „What about us“ von Pink und „Every Breath You Take“ von The Police. „Für mich war es eine Herzenssache, dass die Band hier mal spielt“, sagt Lehrer Sebastian Sinn. Er hat 1999 am Lessing-Gymnasium Abitur gemacht. Der Kontakt kam aber über die Jugendlichen zustande.
 

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