Winnenden/Laichingen Linker Ex-Held und Frei.Wild – wie passt das zusammen?

Andreas Kamm war mal ein Antifa-Held. Jetzt hat er in Laichingen ein Festival organisiert. Headliner: Die als völkisch geltende Rockgruppe Freiwild. Foto: Daniela Prugger

Winnenden/Laichingen. In der linken Punkszene war der Winnender Andreas Kamm mal sowas wie ein Held, mittlerweile sehen ihn viele als Verräter: In Laichingen hat er diesen Sommer das „Rock dein Leben“-Festival veranstaltet, die Hauptband war Frei.Wild, und auch andere Gruppen, die dort auftraten, gelten der Antifa als „rechtsoffen“. Kamm sagt zu den Vorwürfen: „Alles Blödsinn.“

Eine Allee aus tiefergelegten PKWs und Campingwagen führt zum Festivalgelände, zehn Fahrminuten von der Kleinstadt Laichingen entfernt. Freiwild, Unantastbar, Krawallbrüder, Berserker steht auf den Fahrzeugen, es sind die Namen bekannter Bands, die an diesem Juli-Wochenende zwischen sanften Hügeln und dunklen Fichtenwäldern auf der Schwäbischen Alb spielen.

Auf dem Zeltplatz haben ihre Anhänger Fahnen gehisst: neben der von Deutschland auch die von Südtirol, der Schweiz, Österreich. Viele Männer, manche haben ihre Freundinnen mitgebracht. Tätowiert, gepierct, gute Biertrinker. Die meisten tragen schwarz oder grau. „Wir sind eine Familie“, sagt ein junger Mann mit Kapuzenpulli, er kommt aus Franken. Seit zwei Nächten schläft er im Anhänger, teilt sich mit vier Freunden eine große Matratze.

Grauzone: Eine Szene unter Verdacht

Das Festival firmiert unter „Deutschrock“, aber die vage Etikettierung verschleiert den Kern der Kontroverse, die sich um dieses Treffen rankt. Sicher, die Bands hier machen Rock und singen deutsch. Nur verstehen die meisten Leute unter Deutschrock Musiker von Lindenberg bis Grönemeyer, Juli bis Jennifer Rostock – Deutschrock ist traditionell gegen Kernkraftwerke, Deutschrock ist für eine bunte Republik, Deutschrock ist, kurzum: ziemlich grün.

Freiwild und Co. führen Begriffe wie Heimat, Stolz und Ehre im Mund. Ein paar der in Laichingen versammelten Musiker pflegten in früheren Tagen Kontakte zu Rechtsextremen. Die Bands in Laichingen gelten in der linken Jugendszene als „rechtsoffen“, „Grauzone“ oder „graubraun“; vage genug in ihrer Rebellenpose gegen „das Establishment“, um jede Verbotsdebatte weiträumig zu umschiffen; nicht wie die NPD, sagen Kritiker. Wie die AfD.

„Ein Rockfestival für Rechte“, findet die Antifaschistische Aktion Stuttgart. Mitglieder verteilen Flyer in Laichingen, ein Häuflein demonstriert. Das Festival gebe einer rechten Subkultur den Raum, sich auszutauschen, zu reproduzieren und ungehemmt ihre ekelhaft prolligen Stammtischphrasen zu dreschen.

Nie ein AfD-Shirt: Kamms Abgrenzungskämpfe

Rechtsoffen? „Das ist alles Blödsinn.“ Organisator Andreas Kamm, 42, steht am Eingang zum Festivalgelände. Neben ihm seine Tochter, 6, und der Sohn, 13. Kamm ist hauptberuflich Feuerwehrmann aus Winnenden, nebenbei produziert und verkauft er Band-T-Shirts und andere Fanartikel: Antifa-Schals, Tierrechte-Buttons, St. Pauli-Tassen. Mit „Rock dein Leben“ versucht er sich zum ersten Mal als Veranstalter.

Kamm sagt, er sei schon immer links und antifaschistisch eingestellt. In den 90ern spielte er selbst in einer Punkband und gründete zusammen mit seinem Bruder Jürgen den Punkversandhandel „Nix Gut“.

Die Frage, wie das alles zusammenpasst – hier Antifa, da Freiwild – bekommt Kamm häufig zu hören. Manche sagen, er habe wegen des Geldes die Fronten gewechselt.

Kamm lacht. Sicher, „die Punkszene wird kleiner, die Bestellungen sind rückläufig.“ 2007 stiegen er und sein Bruder mit der Tochterfirma „Schwabendruck GmbH“ in die Textilproduktion ein. Ein Jahr später wurden die ersten Freiwild-Shirts gedruckt. Seither kurbelt die Band, Kamms größter Kunde, den Umsatz an – als sie im Jahr 2017 pausierte, machte er ein Minus.

Kein Einlass in Thor-Steinar-Klamotten

Aber ginge es um Gewinnmaximierung, „dann würde ich meine Behinderten rausschmeißen“, die bei Schwabendruck arbeiten, „und ein Schweinegeld verdienen.“ Er habe noch nie viel gebraucht, ihm reiche ein Laptop, ein Handy und sein alter Kia. „Ich würde nie ein AfD-Shirt drucken. Ich habe keinen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Freiwild ist eine meiner Lieblingsbands.“

Ja, es gebe bei Freiwild-Konzerten „Leute in der Orientierungsphase“, auch manche, „die an den rechten Rand driften“. Aber gerade hier würden sie geerdet. Wer extreme Sprüche klopfe oder rechte Aufnäher trage, bekomme ein glasklares Signal: „Hier geht’s nicht weiter. Sowas wie dich wollen wir nicht haben.“

Wer Thor-Steinar-Klamotten trage, werde nicht eingelassen und bekomme sein Ticketgeld zurück.

Nazis?! Oder: Ein linker Ex-Held

Zwei Wochen vor dem Festival: Bonnie Tyler rotzt „I Need a Hero“ aus dem Lautsprecher in Kamms Fabrikhalle in Winnenden. Zwei Flüchtlinge aus dem Togo und Gambia nicken im Takt. Einer der Männer legt ein schwarzes T-Shirt in die Druckmaschine. Start. Sie wird heiß und zischt. Nach wenigen Minuten prangen ein roter Teufel und die Schrift „Rock dein Leben“ auf dem Shirt. Kamm beobachtet seine Mitarbeiter aus einigen Metern Entfernung, die Hände in die Seiten gestemmt.

In seiner Firma beschäftigt er 50 Menschen, davon 25 gehandicapt: Autismus, Sehschwäche, gehörlos, körperlich behindert; außerdem vier Flüchtlinge. „Es gehört viel Eigenmotivation dazu, einen Flüchtling einzustellen“, sagt Kamm. Ein Mitarbeiter hat seine Arbeitserlaubnis verloren. „Wir könnten ihn grad gut gebrauchen. Er würde ins Sozialkassensystem einzahlen. Stattdessen muss er jetzt in seiner Wohnung hocken und warten.“ Eine weitere frustrierende Erfahrung mit den Behörden.

Verurteilt wegen durchgestrichenen Hakenkreuzen

Sein Vertrauen in den Rechtsstaat verlor Kamm 2006. Damals vertrieb er Aufnäher, Buttons, Shirts mit durchgestrichenen Hakenkreuzen zum Zeichen des Protests gegen Neonazi-Umtriebe. Für die Stuttgarter Staatsanwaltschaft war das eine verbotene Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole. Kamm wurde zu 3600 Euro Geldstrafe verurteilt.

Er legte Revision ein, wurde ein Jahr später vom Bundesgerichtshof freigesprochen und galt damals in der linken Szene ob seiner Unbeugsamkeit als eine Art antifaschistischer Held. Aber jene Zeit „hat mir gezeigt, dass diejenigen, die in der richtigen Position sind, machen können, was sie wollen. Und dass der Staat nicht gut funktioniert. Das war staatliche Repression.“

Und nun die Scherereien um das „Rock dein Leben“, sein Baby. In einer Ankündigung der Schwäbischen Zeitung stand: „Es könnte also sein, dass Nazis vorbeischauen in Laichingen?!“ Kamm schüttelt den Kopf. „Eine Riesen-Ungerechtigkeit.“

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