Winnenden „Leichentourismus“: Pathologie im Klinikum ist zu klein

Krankenhäuser müssen Verstorbene mangels Platz in Kühlhäuser von Bestattungsunternehmen bringen lassen – das ist offenbar ein ganz übliches Vorgehen nicht nur im Rems-Murr-Kreis. Foto: adobe stock/ Thaut Images

Winnenden.
Der Tagesordnungspunkt 5.3.16 hatte Brisanz. „Erweiterung der Kühleinheit im Rems-Murr-Klinikum Winnenden um mindestens neun Plätze (idealerweise um zwölf Plätze)“. Die zu klein konzipierte Pathologie im neuen Krankenhaus führe zu „Leichentourismus“. Die Zustände in der stets überfüllten Prosektur seien pietätlos, begründete Charlotte Klinghoffer ihren Antrag im Verwaltungs-, Kultur- und Sozialausschuss des Kreistages. Landrat Dr. Richard Sigel wies die Vorwürfe als Aufsichtsratsvorsitzender der Rems-Murr-Kliniken entschieden zurück.

Dass die Pathologie im Winnender Klinikum zu klein ist, wird von den Kliniken gar nicht bestritten. Aufgrund des Patientenwachstums habe sich gezeigt, „dass in Hochbelegungszeiten die Unterbringungsmöglichkeiten von Verstorbenen in der Prosektur limitiert sind“, heißt es in der Stellungnahme des Landratsamtes zu dem Antrag der Gruppe Wilhelm/Klinghoffer, der beiden aus der FDP/FW-Fraktion ausgeschlossenen Kreisrätinnen. Seit 2017 werden deshalb Verstorbene aus dem Klinikum vorübergehend zu einem Winnender Bestattungsunternehmer gebracht, der über geeignete Kühlräume verfüge. „Dies ist ein auch in anderen Krankenhäusern übliches Verfahren.“

Verstorbene liegen zeitweise in ihren Betten auf den Gängen

Für die Kreisrätin Charlotte Klinghoffer, ihres Zeichens Bestattungsunternehmerin in Backnang, handelt es sich hingegen um „Leichentourismus“. Im Jahr 2018 seien 83 Leichen abgeholt worden, bis November 2019 waren es bereits über 100. Weil die Kühlräume nicht ausreichen, liegen die Verstorbenen zeitweise in ihren Betten auf den Gängen, zu denen alle Bestatter Zugang haben. Aus Klinghoffers Sicht ein Verstoß gegen das Datenschutzgesetz.

Kritisch sieht die Bestatterin vor allem aber den Transport und die zwangsläufig häufigeren Umlagerungen der Leichen aufgrund zu weniger Kühleinheiten. Dies gehe zudem ins Geld. Jeder Transport kostet 120 Euro. „Teilweise werden Auslagerungen bis nach Fellbach vorgenommen, da die Kapazitäten zur externen Lagerung durch den Vertragspartner zu gering sind.“ Gezwungenermaßen werde die Kühlkette unterbrochen, wenn der Transport in großer Hitze im Sommer durchgeführt werde. „Dies beeinträchtigt den Zustand des Leichnams wesentlich“, sagte Klinghoffer über den pietätlosen Umgang mit Verstorbenen – verbunden mit dem Hinweis, den Kolleginnen und Kollegen im Kreistag Details ersparen zu wollen.

Klinghoffer regte in ihrem Etatantrag weiterhin an, für die Pathologie einen Hubwagen mit Kippvorrichtung anzuschaffen, damit das Klinikpersonal auch adipöse Verstorbene ohne großen körperlichen Aufwand in die Kühleinheit umlagern könnte. „Dies ist im Rahmen des Arbeitsschutzes geboten und reduziert den Personalaufwand des Klinikums.“

Für Landrat Richard Sigel ist die Pathologie kein Thema, das sich für eine öffentliche Auseinandersetzung eignet. Dem schloss sich eine große Mehrheit der Kreisräte im Ausschuss an. Es meldete sich keiner zu Wort. Der Antrag 5.3.16 wurde bei nur drei Ja-Stimmen abgeschmettert. In den Unterlagen für den Kreistag wies das Landratsamt darauf hin, dass sich auch der Aufsichtsrat mit dem Antrag beschäftigt habe.

Nicht jeder darf die Kühlkammern betreten

Die Rems-Murr-Kliniken betonen, dass auch kein Verstoß gegen den Datenschutz vorliege. Der Zugang zur Prosektur und den Kühlkammern sei nur befugten Personen nach Anmeldung an der Information und Vorlage aller notwendigen Dokumente möglich. „Eine Verbringung von Verstorbenen außerhalb des Klinikums erfolgt nach formalrechtlich, ethisch und hygienisch einwandfreien Bedingungen.“ Das von den Hinterbliebenen beauftragte Bestattungsunternehmen hole den Verstorbenen bei externer Unterbringung bei der kooperierenden Bestattungsfirma in Winnenden ab, was auch kurzfristig möglich sei. Fazit: „Der Prozess der Verlegung von Verstorbenen in Hochbelegungszeiten in eine externe Prosektur konnte erfolgreich etabliert werden.“

Der Antrag 5.3.16 war einer von rund drei Dutzend, die der Ausschuss am Montag behandelte. Die Voraussetzungen für eine großzügige Behandlung waren recht gut. Schließlich ist die finanzielle Lage des Rems-Murr-Kreises hervorragend, wie der Jahresabschluss 2018 mit einem Überschuss von rund 25 Millionen Euro zeigte. Zu gut, aus Sicht der Bürger- und Oberbürgermeister im Kreistag. Denn bei den seit Jahren recht üppigen Überschüssen in zweistelliger Millionenhöhe handelt es sich letztlich um das Geld der Städte und Gemeinden, das über eine zu hoch kalkulierte Kreisumlage dem Kreis zugeflossen sei. Der Murrhardter Bürgermeister Armin Mößner (CDU) sprach von einer „Überfinanzierung“. Eine Mehrheit im Ausschuss statuierte bei der Abstimmung über den Jahresabschluss 2018 ein Exempel und durchkreuzte den Plan der Verwaltung, einen Großteil des Überschusses in das sogenannte Basiskapital umzubuchen – und damit aus der Reichweite des Kreistages zu bringen. Die letzte Entscheidung obliegt aber dem Kreistag.

Wie hoch wird die Kreisumlage im Jahr 2020 ausfallen?

Offen ist weiterhin die Frage, wie hoch die Kreisumlage 2020 ausfällt (2019: 34,0 Prozent) . Noch seien ein paar Punkte mit dem Land nicht geklärt, sagte Landrat Sigel mit Blick auf die Kreistagssitzung am kommenden Montag, bei der der Etat 2020 beschlossen wird. Es geht um Gelder für Flüchtlinge und das Bundesteilhabe-Gesetz.

CDU und Freie Wähler haben eine Senkung des Umlagesatzes über die 32,3 Prozent im Auge, den Richard Sigel und sein Finanzdezernent Schäfer vorschlagen. Die beiden Fraktionen liebäugeln eher mit 32,0 Prozent, auf dass dann die Haushaltsüberschüsse in Zukunft bescheidener ausfallen mögen.

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