Winnenden/Leutenbach Film über Depressionen ausgezeichnet

Ann-Kathrin Jahn und Gert Schlüter haben den Medienpreis der Landesanstalt für Kommunikation gewonnen. Foto: LFK Medienpreis 2019

Winnenden/Leutenbach. Der Leutenbacher Gert Schlüter war in einem tiefen Loch. Antriebslos, lustlos, motivationslos. Er hatte Depressionen. Nun hat er gemeinsam mit Ann-Kathrin Jahn aus Breuningsweiler den Medienpreis der Landesanstalt für Kommunikation gewonnen. Weil er in einem Film über seine Krankheit gesprochen hat und die 24-Jährige das Thema künstlerisch umsetzte.

Die Depressionen belasteten den 65-Jährigen so sehr, dass er 2013 seinen Job als Förderschullehrer an der Haselsteinschule aufgab und in den Vorruhestand ging. „Ich hatte vor allem Angst“, berichtet Schlüter. „Oft waren es ganz harmlose Dinge. Das Schlimmste für mich war es, wenn Druck auf mich ausgeübt wurde. Ich fragte mich immer: Was passiert, wenn du das jetzt nicht schaffst? Wenn du dem Druck nicht gewachsen bist? Aus diesen Panikschüben entwickelten sich dann irgendwann die Depressionen.“ Schlüter saß manchmal stundenlang vor dem Kaminfeuer und regte sich nicht. „Das ging so weit, dass ich das Haus nicht mehr verlassen konnte. Meine Frau ging alleine mit unseren Kindern in den Urlaub“, berichtet Schlüter. Er hatte keine Freude mehr am Leben, Suizidgedanken.

Inzwischen hat er die Krankheit bekämpft, fast keine Probleme mehr. Womöglich, weil er gegenüber engen Bekannten immer sehr offen damit umging. „Ein psychisch Kranker kann selten geheilt werden. Therapie, gute Freunde und die Familie helfen einem aber, mit der Situation umzugehen. Sie sorgen dafür, dass man sich noch festhalten kann, wenn man in ein Loch fällt.“

Schlüter wollte der Studentin helfen und andere damit erreichen

Ende 2017 suchte die inzwischen 24-jährige Ann-Kathrin Jahn aus Breuningsweiler einen Protagonisten, der offen über seine Erkrankung spricht. Für ihre Bachelorarbeit im Studiengang Medienwissenschaft sollte ein Kurzfilm zum Thema Depressionen entstehen. „In meinem direkten Umfeld habe ich immer wieder mitbekommen, dass Freunde und Bekannte von dieser Krankheit betroffen sind. Das Thema interessiert mich und hat mich beschäftigt, da diese Krankheit krasse Konsequenzen haben kann. Ich wollte schon immer einmal etwas darüber machen. Die Leute, die ich gefragt habe, waren aber nicht dazu bereit oder haben sich nicht getraut, in einem Film darüber zu sprechen“, berichtet Jahn im Gespräch mit unserer Zeitung. Über ihre Mutter kam schließlich der Kontakt zu Gert Schlüter zustande. Für ihn war schnell klar, dass er der Studentin helfen möchte. „Ich stand ihr sehr gerne für ihre Bachelorarbeit zur Verfügung“, sagt Schlüter. „Ich hoffe, dass durch meine Bereitschaft, darüber zu sprechen, Menschen erreicht werden, die bisher nicht zu ihrer Krankheit standen.“

Rund vier Monate arbeitete Jahn an dem Film mit dem Titel „Die Schatten auf meinem Gesicht“, der etwas mehr als vier Minuten lang ist.

"Ich wollte keine klassische Doku drehen"

Schlüter schildert darin, was die Krankheit mit ihm machte. Welche Gedanken und Ängste in ihm aufkamen. Er sitzt in einem dunklen Raum. Passend zu seinen Aussagen ist sein Gesicht geschminkt. Mal sind dort Flammen zu sehen, mal große schwarze Schatten, mal kullern Tränen über seine Wangen.

„Ich wollte keine klassische Doku drehen“, erklärt Jahn, die Schlüter selbst schminkte. „Deshalb kam ich auf diese eher künstlerische Umsetzung, die den Zuschauer mitfühlen lässt.“ Und auch Schlüter hat diese Umsetzung gefallen. „Die Idee mit den Bildern auf meinem Gesicht hat mich fasziniert. Die Mischung aus Wort und Bild ist toll“, sagt der 65-Jährige.


1500 Euro

Der Preis ist mit 1500 Euro dotiert. Jahn gewann den Preis in der Kategorie Fernsehen/Hochschulen, Bildungseinrichtungen. Das Urteil der Jury: „Die ausdrucksvolle Bildsprache und künstlerische Umsetzung machen das Thema für den Zuschauer auf eine einzigartig emotionale und intensive Art erlebbar. Eine großartige Idee, die man so noch nicht gesehen hat.“

Den Film können Sie sich hier ansehen.

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