Winnenden Mathildenhof: Erst Stall, dann Besen, dann Wirtschaft

Wilfried Kronmüller mit seiner Partnerin Gaby: Der Mathildenhof in der Schwaikheimer Straße wurde um 1950 als Bauernhof gebaut. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Winnenden.
Man sieht es dem Mathildenhof an: Es war einmal ein ganz normaler Bauernhof, mit Wohnhaus, Scheuer und Stall. Aber seit über 20 Jahren ist er eine der bekannten Besenwirtschaften in der Stadt, und der frühere Stall ist die Gaststube. In den 16 Wochen im Jahr, in denen er öffnen darf, ist der Bär los. Die gegenüberliegende Straßenseite ist zugeparkt, die Parkplätze bei der Besenwirtschaft auch, und in den Besenstuben selbst herrscht der typische, laute Besen-Gesprächspegel. Das wird so bleiben. Aber: Die Besenlizenz ist der Betreiberfamilie Kronmüller mittlerweile nicht mehr ausreichend genug. Sie strebt schon länger eine vollgültige Gastronomielizenz, eine Ausschankgenehmigung, an.

Eine Wirtschaft braucht Damen-, Herren- und Behinderten-WC

Demnächst wird sie alle Voraussetzungen dafür erfüllen, was gar nicht einfach ist. Der Unterschied zwischen Besen und Wirtschaft fängt bei den Toiletten an und geht mit dem Sozialraum weiter. Letzte Woche hat Kronmüller eine wichtige Hürde in Richtung Ausschankgenehmigung genommen: Sein Bauantrag für einen neuen Anbau mit Toiletten und Sozialraum ist vom Technischen Ausschuss des Gemeinderats befürwortet worden. Wenn die Fachbehörden einverstanden sind, bekommt der Besenwirt die Baugenehmigung und kann eine Remise am Bauernhaus abbauen und durch ein neues Funktionsgebäude ersetzen. „Wir brauchen Behinderten-, Herren- und Damen-WC und wir brauchen Sozialräume. Ohne die bekommen wir keine Gastronomie-Konzession“, sagt Wilfried Kronmüller.

Was Gästen gefällt, kommt nicht bei jedem Nachbarn gut an

Der Besen läuft gut und hält sich unter anderem auch deshalb, weil Arbeitskräfte aus der Familie mithelfen. Seine Partnerin Gaby Kronmüller und seine Töchter arbeiten mit, und es kommen Helferinnen hinzu. Im Besen improvisiert man mit Sozialräumen. In der regulären Wirtschaft ist der Sozialraum klar definiert. Und es gilt ganz eindeutig: Eine Bedienung darf nicht in ihren Alltagskleidern arbeiten. Umziehen muss sie sich für die Arbeit in der Wirtschaft. Vorgeschriebene Pausen muss sie einhalten. Wo soll sie das tun? Dafür ist der Sozialraum da, den Kronmüller baut, und dessen Bau der Technische Ausschuss des Gemeinderats billigt.

Gäste mögen es, wenn ein Wirt seine Wirtschaft vergrößert und wenn er länger offen hat. Bei Nachbarn kommt die Vergrößerung oft nicht so gut an. Den Gemeinderäten und dem Besenwirt Kronmüller ist bekannt, dass aus der Nachbarschaft auch der Wunsch kommt, der Besen möge nicht mehr größer werden. Stadtrat Martin Oßwald-Parlow fragte in der Sitzung genauer nach und meinte, die Stadtverwaltung müsse dem Besenwirt mitteilen, dass der Gemeinderat keine weitere Vergrößerung mehr wünscht. Diesen einen Umbau billigt er, aber dann sei das Grundstück ausgenutzt. Für Kronmüller ist es wichtig, dass er diese Genehmigung jetzt bekommt. Er möchte, wenn er die komplette Ausschankgenehmigung hat, diese gar nicht ganz ausnutzen. Im nächsten Jahr möchte er noch ungefähr so weiterarbeiten wie bisher. Im Jahr darauf würde er öfter im Jahr öffnen und insgesamt 20 Wochen lang ausschenken. Der Besen bleibt also aus Gästesicht ein Besen, weil er nicht das ganze Jahr offen hat. Aus juristischer Sicht ist er dann kein Besen mehr, weil er länger als 16 Wochen öffnet. Was ist die Wirtschaft dann wirklich? „Wir nennen es Besen“, sagt Kronmüller und freut sich, dass er dank der neuen Umstände flexibler ist und ein bisschen mehr öffnen kann.

Alle Weine im Besen sind selbst gekeltert

Weiterhin wird Kronmüller im Mathildenhof nur jenen Wein ausschenken, den er selbst angebaut hat und den er an Ort und Stelle keltert. Kronmüllers Trauben wachsen in Winnenden und in Beilstein bei Heilbronn. Etwa 2,5 Hektar Reben hat die Familie. Der meiste Wein daraus wird im Besen ausgeschenkt, der andere Teil geht in den Verkauf. So traditionell der Mathildenhof-Besen auch ist, spürt der Wirt doch, dass neben den klassischen Besengästen der älteren Semester seit einigen Jahren immer auch Junge kommen, Leute unter 25 und auch unter 20 Jahren, wie Kronmüller berichtet. An der Küche, die der Wirt selbst betreibt, merkt er das auch: „Schlachtplatte ist nicht mehr so der alleinige Renner.“ Manchmal braucht er doch ein paar vegetarische Gerichte in der Hinterhand. Beliebt bleibt der Wein. Es ist ihm schon passiert, dass er oben am Stöckach, als er im Weinberg arbeitete, von Spaziergängern angesprochen wurde. Ein paar Tage später kamen sie in den Besen und wollten den Wein trinken, dessen Reben sie oben gesehen hatten. „Des freit mi“, sagt Wilfried Kronmüller.


Besen-Vorschriften

In einem Merkblatt des Regierungspräsidiums Stuttgart stehen die Besen-Vorschriften fürs Land.

Wörtlich heißt es darin: „Die Besenwirtschaft darf höchstens vier Monate im Jahr in höchstens zwei Zeitabschnitten betrieben werden.“

„Für die Öffnung gibt es keine besonderen Bestimmungen, das heißt, innerhalb eines Zeitabschnittes kann auch jeweils zum Beispiel nur am Wochenende geöffnet sein.“

„Es sind die für Gaststätten allgemein geltenden Sperrzeiten einzuhalten.“

„Personen, die in einem gemeinsamen Haushalt leben, dürfen insgesamt nur vier Monate im Jahr eine Besenwirtschaft betreiben. Dies gilt auch dann, wenn es sich zum Beispiel um drei Miteigentümer an den zum Betrieb gehörenden Rebflächen handelt, denn sonst könnten diese zwölf Monate offen haben.“

„Eine Überschreitung der zeitlichen Begrenzung hat zur Folge, dass aus der Besenwirtschaft ein erlaubnispflichtiger Gaststättenbetrieb wird und der Betrieb wegen fehlender Gaststättenerlaubnis untersagt werden kann.“

Der Mathildenhofwirt will ab 2021 länger als vier Monate insgesamt öffnen und mehr als zweimal im Jahr. Das geht nur mit der Gaststättenerlaubnis.

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