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Winnenden Neue Flüchtlingsunterkunft für 200 Menschen

Landrat Sigel (links) und Kreisbau-Chef Braune (rechts) mit Werner Sobek vor den von ihm designten Modulbauten am Waldfriedhof. Foto: Büttner / ZVW

Winnenden. Die Flüchtlingsunterkunft für 200 Menschen, die derzeit modulweise am Waldfriedhof im Schelmenholz eintrifft, hat zwei hochrenommierte Herren als Schöpfer: Werner Sobek und Klaus Fischer. Ihre Firma entwirft gerade keine Luxuswohnungen, sondern vereint die Vorteile von Wohncontainern, Fertighäusern und ökologischen Materialien zu preisgünstigem Wohnen.

Video: Prof. Werner Sobek und Landrat Richard Sigel bei der Besichtigung der neuen Flüchtlingsunterkunft

Es wäre nicht verwunderlich, wenn bald Architektur- und Designstudenten an den Eschenweg pilgern, um sich das jüngste Werk des 63-jährigen Professors Sobek anzuschauen. In Winnenden werden die ersten Aktivhäuser zu besichtigen sein. Vor allem die jüngeren Besucher der exklusiven Baustellenführung für Kreis- und Gemeinderäte, Stadtverwaltung und Paulinenpflege sind am Donnerstagabend begeistert von den schlichten, aber mit hellem und duftendem Holz ausgekleideten Räumen. „Ich würde sofort einziehen“, sagt Katharina Ruzitschka, die bei der Stabsstelle für Integration Bundesfreiwilligendienst macht.

Pfarrerin Annegret Weinmann, die mit ihrem Mann als Vertreter der Paulinenpflege, aber auch als Nachbarin gekommen ist, sieht die Holzwände skeptischer: „Sieht man da nicht jedes Loch von einem Bild, das die Bewohner an die Wand pinnen?“ Werner Sobek, der sich in Winnenden keineswegs als der Architekturstar gibt, der er ist, sondern umgänglich und zugewandt, sieht darin kein Problem. Letztlich könne die Wand sogar abgeschliffen werden. Noch wichtiger ist ihm, dass keinerlei für die Bewohner bedenkliche Stoffe verbaut wurden.

Die Räume können erweitert, ganz versetzt oder sogar recycelt werden

„Wie lange halten sich die Module?“, fragt jemand. Sobek antwortet geradezu knitz: „Bei guter Pflege 300 bis 400 Jahre, wie eine Berner Sennenhütte aus Holz.“ Die Wände, davon können sich die Besucher an ein paar noch offenen Verbindungsstellen überzeugen, bestehen aus verschiedenen Schichten. Gehalten werden sie von Holzständern, wie Fertighäuser auch. Dadurch wird eine hohe Dämmung erreicht, die die Anforderung an die Energieeinsparverordnung erfüllt. „Das ist der größte Unterschied zu Raumcontainern“, sagt Sobek. Auch dem Brand- und Schallschutz wird Genüge getan. Zweiter, wichtiger Unterschied: „Alle verwendeten Materialien sind ressourcenschonend und rezyklierbar“, so Sobek. Beton wird auch verwendet, aber nur dort, wo absolut nötig. „Sand, der dafür verwendet wird, ist ein endlicher Rohstoff, der unter mafiösen Bedingungen vom Meeresboden gepumpt wird“, erläutert Sobek seinen staunenden Zuhörerinnen. Wände und Decken sind betonfrei, bestehen aus mehreren Holzplatten, einer Folie und einer Dämmung aus Hanf- und Holzfasern. Die Fenster sind mit Gummilippen statt mit toxischem Polyurethanschaum abgedichtet.

Die Räume sind für heutige Maßstäbe sehr klein und kompakt. „Sie können aber später Wände herausnehmen und aus den kleinen Wohnungen größere machen“, sagt Sobek. „Sie können noch ein Stockwerk draufsetzen oder das obere herunternehmen und woanders aufstellen.“ All das versteht er unter nachhaltigem Bauen.

Keine Keller und keine Treppenhäuser

Mit demselben Wunsch, aber eigentlich für die interkommunale Gartenschau in drei Jahren, war Landrat Richard Sigel vor einer Weile an den Professor herangetreten. „Derzeit drängt uns jedoch viel eher der Wohnungsbau, und wir erhielten von Professor Sobek eine Bauform, bei der man nachsteuern kann“, so Sigel zu den Gästen.

Die Wohnanlage besitzt keine Keller und keine Treppenhäuser. Wenn alle Container per nächtlichem Spezialtransport eingetroffen sind, werden lediglich Außentreppen in den zweiten Stock führen.

In sogenannten „Gemeinschaftsmodulen“ wird zum Beispiel die Waschküche untergebracht. „Wir und die Paulinenpflege werden darauf achten, dass es gut läuft in den Wohnungen“, versprach Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth. Damit meinte er die Stadt mit ihrer Integrationsbeauftragten Franka Zanek und die Paulinenpflege als Jugenddorf- und Schulnachbarin, die als Sozialbetreuerin vom Kreis für die Flüchtlinge eingesetzt werden wird.

Info

Werner Sobek (63) hat das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart geplant, auch ist er an der Umsetzung des Tiefbahnhofs S 21 beteiligt.

Er will viele ökologische Modul-Häuser bauen. Sobek ist der Meinung, dass gute Architektur hilft, die Wohnungsnot in Städten zu verringern. Familien oder Einzelbewohner der neuen Häuser müssen in ein paar Jahren nicht zwingend Flüchtlinge sein.

Von den geplanten 38 Modulen sind bereits 20 zwischen Waldfriedhofparkplatz, Eschenweg und Friedrich-Jakob-Heim-Straße aufgestellt.

Die Kreisbaugruppe rechnet damit, dass noch im Oktober die ersten Bewohner einziehen.

Ein Modul ist 15 Tonnen leicht, 14 Meter lang und 4,30 Meter breit, eine Wohnung für bis zu vier Personen hat also inklusive Bad und Küche 60 Quadratmeter. Es gibt bei der Firma aber auch Module mit 40 Quadratmetern.

Preislich könne Aktivhaus mit Raumcontainern mithalten, so Sobek, im Vergleich zum herkömmlichen Bauen sei man 30 bis 40 Prozent günstiger.

Die Bauart muss man sich wie Lego vorstellen, die Steckverbindungen passen immer ineinander.

Die Gesamtbaukosten mit Erschließung, Fundament und Fotovoltaikanlage auf dem Dach taxiert Dirk Braune, Chef der Bauherrin Kreisbaugruppe, auf vier Millionen Euro.

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