Winnenden Nach Mafia-Razzia: Wirt in Haft, Verein in Nöten

Zurzeit ist das Lokal geschlossen, seine Zukunft ist offen. Foto: Habermann/ZVW

Schwaikheim/Winnenden. Mario L. sitzt wegen Mafia-Verdachts in Haft – und nun muss der TSV Schwaikheim ein großes Problem lösen: Mario L. hätte vom 1. März an die Vereinsgaststätte Wiesental betrieben, so war’s beschlossen. Nun stehen beim Vereinsvorstand die Telefone nicht mehr still. Was wird nun aus den Konfirmationen, die längst im Wiesental gebucht sind?

Wolfgang Krämer, erster Vorstand des TSV Schwaikheim, verspricht: „Wir suchen eine Lösung.“ Mehrere Konfirmanden warten dringend auf Antwort: Im April beginnen die Konfirmationen, und beliebte Lokale sind zu den bekannten Terminen meist ausgebucht. Dasselbe gilt für Firmungen; ferner buchen Hochzeitspaare gern das Lokal. Noch kann Krämer nichts Festes zusagen; er weiß selbst erst seit ein paar Tagen von Mario L.s Verhaftung. Vielleicht findet sich auf die Schnelle ein neuer Pächter, vielleicht sind andere Lösungen denkbar. Krämer kümmert sich, holt sich Rat – und telefoniert.

Zur Frage, weshalb ein mutmaßlicher Mafia-Angehöriger die Vereinsgaststätte in Schwaikheim hätte betreiben sollen, antwortet Krämer ohne zu zögern: „Wir machen uns keinerlei Vorwurf. Müssen wir auch nicht.“ Dem Vereinsvorstand sei bekannt gewesen, dass Mario L. Anfang der 90er schon einmal wegen Mafia-Verdachts am Pranger stand. Doch er wurde damals freigesprochen.

Krämer fiel aus allen Wolken

Die Familie des Wirts informierte Wolfgang Krämer, dass Mario L. in Italien verhaftet worden sei. Er sei aus allen Wolken gefallen, berichtet der Vereinsvorstand: „Da haut es dich plötzlich vom Hocker.“ Krämer hat den Inhaftierten als „sehr höflichen, zuvorkommenden“ Menschen kennengelernt. Mario L. habe den Zuschlag bekommen fürs Restaurant des TSV Schwaikheim, weil er in der Gastronomie einen exzellenten Ruf genossen habe. Viele Leute hätten den Verantwortlichen beim TSV anerkennend auf die Schulter geklopft, eine solche Gastronomie-Größe nach Schwaikheim geholt zu haben – und nun das.

Innerhalb des Vereins dürfte es momentan nicht viele andere Gesprächsthemen geben. Ein Tuscheln und ein Raunen allenthalben. „Dass die Mafia bis nach Deutschland reicht, ist sicherlich kein Geheimnis, und dass die auch hier ihre Milliarden Umsatz machen, da brauchen wir auch nicht drüber streiten“, sagt einer der Fußballspieler: „Und krass, dass das jetzt uns beim TSV quasi direkt betrifft.“

Die meisten Spieler trauern nur der Pizza nach

„Eigentlich wird gerade mehr über Fridi Miller bei der Bürgermeisterwahl diskutiert“, ordnet ein weiterer Spieler die Vorfälle ein. „Die meisten Spieler finden es nur schade, dass sie nun doch keine Pizza nach dem Training bekommen werden.“ Er ist gespannt, was nun bei den Ermittlungen herauskommt, und hofft, dass nicht noch mehr Leute involviert sind.

Unterdessen tragen Spieler des TSV Schwaikheim Sportkleidung, auf welcher ein Restaurantname aufgedruckt ist, laut Krämer erst mal weiter. Es handelt sich um den Namen der Winnender Gaststätte beim Rems-Murr-Klinikum. Mario L. ist dort zwar nicht selbst Pächter. Aber sein Name steht an der Eingangstür. Wolfgang Krämer sieht keinen Grund, weshalb die Kleidung mit diesem Aufdruck jetzt aussortiert werden sollte. „Es findet sofort eine Vorverurteilung statt“, kritisiert er.

Versuchter Mord, Erpessung, Geldwäsche und mehr

Abends am Tag eins nach der Großrazzia mit mehr als 160 Verhaftungen in Italien und elf in Deutschland, davon zwei im Rems-Murr-Kreis: Das betreffende Winnender Lokal ist geöffnet und gut gefüllt. „Die Pizza war gut“, erzählt ein Gast. Das Lokal gilt seit längerem als beliebter Anlaufpunkt. Ob das nun mit der Qualität der Pizzen oder mit Mario L.s weitreichenden Beziehungen zusammenhängt – wer kann es wissen.

Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung – sofern es überhaupt dazu kommt – dürfte noch viel Zeit vergehen. Was genau Mario L. vorgeworfen wird, bleibt noch unklar.

Insgesamt, auf alle 169 jüngst Inhaftierten gesehen, reichen die Strafvorwürfe laut Bundeskriminalamt „von versuchtem Mord, Erpressung, Geldwäsche und Verstoß gegen das Waffengesetz, internationaler Kfz-Verschiebung, illegalem Handel und illegaler Verschiebung von Müll bis hin zu unlauterem Wettbewerb“.


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