Winnenden Neue Wohnungen im alten Stadtkern

Diebsturm und Wagnerstraße: Links stehen noch zwei alte Häuser, eines ist schon abgebaut. An dieser Stelle entsteht ein neues Wohngebäude. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Winnenden.
Eine Baulücke nach der anderen füllt sich in nächster Zeit in der Innenstadt. Jetzt kommt eine Brache im alten Stadtkern Winnendens dran. Projektbau Pfleiderer will an der Wagnerstraße zwei noch stehende abbruchreife Häuser abbauen, die Fläche eines bereits abgerissenen Hauses dazunehmen und an dieser Stelle ein 35 Meter langes Mehrfamilienhaus errichten. Das Projekt nimmt Fahrt auf. Im Herbst, so kündigt es Bauträger Klaus-Martin Pfleiderer im Gespräch mit unserer Zeitung an, soll der Bau beginnen.

Aus drei Hausgrundstücken wird ein zusammenhängendes Areal

Die wichtigsten Hürden hat das städtebaulich hochinteressante Vorhaben bereits genommen: Die privaten Besitzer eines Grundstücks haben sich dazu durchgerungen, ihren angestammten Grundbesitz loszulassen, ihn zu veräußern und damit eine Bebauung zu ermöglichen. Im nächsten Schritt entschied der Gemeinderat, dass er an Pfleiderer die beiden heruntergekommenen städtischen Häuser an der Wagnerstraße verkauft, und so kam im Laufe von Jahren für Pfleiderer ein zusammenhängendes Wohnbaugrundstück zustande.

Ein modernes Haus, das Bezüge der Umgebung aufnimmt

Im alten Stadtkern zu bauen heißt immer, sich einer Diskussion ums Stadtbild und seine Veränderung zu stellen. Lange überlegte Klaus-Martin Pfleiderer zusammen mit Architekt Frank Rommel und mit den Baufachleuten der Stadtverwaltung, wie an dieser Stelle gebaut werden könnte, bis sie sich für einen Plan entschieden, der diese Woche im Technischen Ausschuss des Gemeinderats vorlag und von ihm gelobt und gebilligt wurde. Im Kern soll das neue Gebäude aus zwei Giebelhäusern bestehen, die mit einem zurückversetzten Flachdachbau verbunden sind. Zum Diebsturm hin werden Balkone und ein Flachdach-Anbau aus dem Gebäude herausragen. „Wir möchten ein modernes Haus bauen, das Bezüge der Umgebung aufnimmt“, sagt der Bauherr. Ganz ins alte Stadtbild eingepasst sind die beiden Giebelfassaden mit Fenstern, die noch Platz für Wände lassen, und mit Dächern, die mit roten Ziegeln gedeckt werden. An dieser Stelle im Stadtbild wollte Pfleiderer Dachziegel haben und keine Fotovoltaik. Besonders an diesem Baugrundstück sind Reste der alten Winnender Stadtmauer direkt auf der Grundstückgrenze hinterm Haus. Pfleiderer weiß, dass er die bestehenden alten Häuser vorsichtig abbauen muss, und er wird dabei dokumentieren, was von der Stadtmauer erhalten ist, und diese Teile der Mauer wird er bewahren. Zur alten Mauer wird das neue Haus einen Respektsabstand halten, der im Bebauungsplan vorgeschrieben ist.

Andere Elemente des künftigen Hauses sind modern und typisch für Innenstadtgebäude der 2000er Jahre: Die Flachdachgebäudeteile, die zwischen zwei Giebeln liegen, sind so etwas. Sie signalisieren dem Betrachter Moderne und ermöglichen dem Architekten, dass er sonnige Terrassen baut und großzügige Wohnungen mit senkrechten Fenstern im Dachgeschoss.

„Es sieht sehr aufgelockert aus und passt gut dorthin“

Bei den Gemeinderäten im Technischen Ausschuss kam die Planung sehr gut an. „Ich bin froh, dass es ein schöner Bau wird“, meint Erich Pfleiderer (FWV). „Das Gebäude wertet den Ort auf“, urteilt Diethard Fohr (FDP). Martin Oßwald-Parlow (ALi) findet: „Es sieht sehr aufgelockert aus und passt gut dorthin.“ Sein Wunsch ist, dass das Haus nicht weiß gehalten wird, wie er es in einer Skizze gesehen hatte, sondern eine Farbe bekomme, die gut zur Jubiläumskirche und zum Diebsturm passe. Was in der Sitzung nicht weiter diskutiert wurde, erklärte Alessandro Stenti von der Firma Pfleiderer im späteren Gespräch mit der Presse. Ihm schwebt vor, dem Haus einen Farbton zu geben, der sich von den Steinen des Diebsturms ableitet.

Die Garagen im Erdgeschoss wirken wie ein großer Sockel

Rahel Dangel (ALi) bat die Stadtverwaltung, mit den Bauherren über eine Begründung des Flachdachs zu sprechen, die in den vorliegenden Plänen nicht vorgesehen ist.

Was an den Plänen auffällt: Fast die gesamte Erdgeschossfassade besteht aus Garagentoren. Von den Gemeinderäten hat keiner darüber diskutiert. Was steckt hinter dieser Idee der Garagen? Rein gestalterisch geht es dem Architekten Frank Rommel darum, dass das Erdgeschoss wie ein Sockel wirkt, auf dem das Haus aufgesetzt ist. Rein praktisch haben die Garagen viele Gründe: Es wäre gar nicht einfach gewesen, für dieses Haus im alten Stadtkern direkt an der teilweise noch vorhandenen alten Stadtmauer, am Diebsturm und an Nachbarhäusern einen Keller für eine Tiefgarage auszuheben. Und obendrein stellt sich die Frage: Wer möchte so nah an der Straße direkt im Erdgeschoss sein Schlafzimmer oder sein Wohnzimmer haben? Die Wagnerstraße ist die Zufahrt zur Rathaustiefgarage und wird viel befahren. Vielleicht ist es ganz komfortabel, als Mensch oben zu wohnen und den Platz der Straße dem Auto zu überlassen.

Radlerfreundlich: 20 Abstellplätze in einem Erdgeschossraum

Aber kann es sein, dass dort Leute einziehen, die gar kein Auto mehr halten wollen? Auch damit rechnen Stenti und Pfleiderer. Architekt Rommel hat im Erdgeschoss einen großen Fahrradraum mit 20 Stellplätzen eingeplant. Wer dann kein Auto hat, kann seine Garage als Abstellraum nutzen. Das wäre ja in Ordnung, solange er sein Auto nicht auf öffentliche Straßen stellt.

Wer wird in dieses Haus einziehen wollen? Verkäufer Alessandro Stenti rechnet mit Leuten aus dem Umland von Winnenden, über 50 Jahre alt, die ihre freistehenden Einfamilienhäuser verkaufen und mit dem Geld eine Wohnung erwerben wollen. Oder zwei Wohnungen: eine große und eine kleine. Im Haus sind sechs große und vier Zweizimmerwohnungen vorgesehen.

Die Innenstadt bekommt neue Wohnungen an vielen Stellen

Über brachliegende Flächen oder leerstehende Häuser in der Stadt kann man immer klagen. Aber eines ist gewiss: Die Innenstadt wird zurzeit verdichtet. In der Bahnhofsvorstadt baut die Firma Riker auf dem Gelände der früheren Köhler-Fabrik ein großes Mehrfamilienhaus. Class baut am Holzmarkt ein großes Wohn- und Geschäftshaus. Das Mehrgenerationenhaus an der Ringstraße ist schon weit gediehen. Gegenüber vom Polizeirevier wird gerade ein Sechsfamilienhaus fertig, das Pfleiderer baut. Auf eine Freifläche hinter Häusern am Viehmarktplatz will Pfleiderer ebenfalls ein Mehrfamilienhaus bauen. Die Stadt wächst nicht ausschließlich in Neubaugebieten – sie nutzt auch ihre Lücken.

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