Winnenden. Andy und Jürgen Kamm sind ehemalige Musiker und betreiben heute einen Versandhandel für Punkartikel. In ihrem Lager bilden sie Menschen aus, die auf dem realen Arbeitsmarkt keine Chance hätten.

Früher stand Andy Kamm noch auf der Bühne, mit der Gitarre in der Hand, eine tosende Menge vor sich und hat Lieder gegen Obrigkeit und Spießertum gebrüllt. Gemeinsam mit seinem Bruder Jürgen hat er in der Punkband S.i.K. gespielt. Über den Vertrieb von CDs und Fanshirts haben die Brüder aus Winnenden seit Anfang der 90er Jahre den Nix Gut Versandhandel für Punkartikel aufgebaut, für Schuhe mit Stahlkappen, Aufnäher, Alben und Konzertkarten. Wie ein Punk sieht Andy Kann auf den ersten Blick nicht mehr aus: Seine dunklen Haare sind halb lang, fallen ihm seitlich ins Gesicht. Er trägt einen kurzen Bart und einen Pullover mit Tarnmuster. Sein Bruder hat kurze, bunt gefärbte Locken. Das Unternehmen der Brüder bildet auch aus, mit einer Besonderheit.

Der 18-jährige Michele nimmt ein schwarzes T-Shirt aus dem Fach und legt es in die Kiste, scannt den Strichcode ein und geht eine Regalreihe weiter. Dort greift er sich eine Handvoll Anstecker mit durchgestrichenem Hakenkreuz, scannt und legt sie zu dem Hemd. Es folgen noch zwei CDs und ein Paar schwarzer Stiefel. Die Kiste bringt er zu Lukas, der die Waren in einen Karton verpackt. Michele macht seine Ausbildung bei Nix Gut, er will Lagerist werden. Aufgrund einer Lernschwäche würde er jedoch in den meisten Betrieben die Ausbildung nicht schaffen. Bei Nix Gut bekommt er eine Chance. „Mir gefällt es hier sehr gut, die Arbeit macht Spaß und die Leute sind sehr nett“, sagt Michele.

Der 18-Jährige ist einer von vier Auszubildenden mit Beeinträchtigung aus der Region bei Nix Gut. Andy Kamm und sein Bruder Jürgen geben ihnen die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen. Angefangen haben sie damit im Jahr 2002. Der Versandhandel hatte sich - ohne, dass die Brüder dies so beabsichtigt hatten - so vergrößert, dass sie einstellen konnten und mussten. Da Jürgen Kamm in einer sozialen Einrichtung gearbeitet hatte, konnte ein Mann mit Behinderung von dort übernommen werden. So begann die Entwicklung der Jobtrainer, wie die Brüder ihr Projekt nennen. Heute beschäftigen sie neben 12 Fachkräften auch 9 Auszubildende, davon 4 mit geistiger Beeinträchtigung. „Wir bekommen unsere Azubis vom Arbeitsamt und von Schulen. Dort kennt man uns und weiß, welches Profil wir brauchen“, sagt Andy Kamm. Ausbilder Elvir Tucic kümmert sich um seine Schützlinge: „Wenn jemand ein Problem hat, auch wenn’s was Persönliches ist, nehmen wir ihn zur Seite und reden mit ihm darüber. Hier soll sich jeder wohlfühlen“, erklärt der massige Mann mit den langen Haaren. Ziel der Ausbildung bei Nix Gut ist, dass die fertigen Lageristen am Ende in einem Betrieb arbeiten können. Es gibt keine Sonderregelungen, die Arbeit findet unter Realbedingungen statt. Pro Tag müssen bis zu 150 Pakete die Halle verlassen. „Es geht hier nicht darum, eine Bescheinigung zu bekommen, sondern darum, arbeiten zu lernen, nur so hat man auf dem Arbeitsmarkt eine Chance. Die Auszubildenden sind zufrieden mit den straffen Arbeitsbedingungen, sie sind froh, eine fordernde Arbeit zu haben. Und das zeigt auch der Erfolg: Am Ende der zwei- bis dreijährigen Ausbildung können ausgebildete Lageristen in Betrieben angestellt werden, die vorher als unvermittelbar galten.

Michele ist glücklich bei Nix Gut. Bevor er zum Versandhandel kam, hat er eine Lageristenausbildung in einem Baumarkt abgebrochen. „Da konnte ich nicht arbeiten, was ich wollte, ich habe nur geputzt.“ Unzufrieden hat sich Michele an die Arbeits-agentur gewandt, und dort wurde der fleißige Jugendliche zu den Brüdern Kamm vermittelt. „Hier kann ich endlich im Lager arbeiten“, sagt er glücklich. Seine Ausbildung will er zu Ende machen, dann sich eine Stelle als Lagerist suchen. Vielleicht bleibt er bei Nix Gut. Vielleicht findet er eine Stelle in einem Betrieb. Auf jeden Fall hat er duch Nix Gut eine Chance bekommen, eine Arbeit zu finden und in der Gesellschaft einen Platz zu finden, gegen die die Brüder Kamm bereits in den 90er Jahren musikalisch protestiert haben.