Winnenden Das war Punk - Teil 1

Es gäbe auch andere Geschichten zu erzählen, Geschichten, in denen die Punks etwas mehr waren als bloß die verfolgte Unschuld. Diese Geschichten schildert Besa nicht so breit. Aber er weiß: Die Punks trugen auch ihr Maß Schuld an Eskalationen. „Klar. Selbstverständlich. Wir wollten schon provozieren.“

1980 nahmen Normahl die erste Schallplatte auf, und Besa flog von der Schule, wie „auch die meisten anderen irgendwie“. Sie spielten in Frankfurt und Berlin. Die nächsten von insgesamt zwölf LPs erschienen bei einer kleinen Firma – und dann landeten Normahl bei BMG Ariola. Manche Fans der ersten Stunde schrien „Verrat!“ und „Kommerz!“ Erfolg machte verdächtig in der Szene. Sie tourten durch die Schweiz, die Tschechoslowakei, Österreich, Südtirol, Norddeutschland, irgendwann „hat man keine Unterhose mehr“ und ist „ein bisschen verroht“. Es war „wie in einer Ehe – du bist 30, 40 Tage unterwegs, du hockst dauernd aufeinander“ und teilst den immergleichen Alltag aus Bühne, Hotel, Party, Busfahrt, Bühne, Hotel.

Sie haben viel gesoffen. „Wenn man so unter sich ist, fällt das gar nicht auf so auf, weil sich alle auf demselben Pegel bewegen. Aber wenn sich das einer von außen angesehen hätte, das wäre dem schon extrem vorgekommen.“ Trinken war ein Ritual, um hinüberzugleiten in eine rauschhaft verschworene Welt aus Entfesselung, Lärm und Gleichgesinnten: Man besoff sich gemeinsam an seiner unbändigen, lustvollen Wut. Die Droge konnte befreien und zusammenschweißen – oder die Hirne stumpf machen und jeden scharfen Gedanken eintrüben wie hinter Milchglas. „Es gab Zeiten, da war ich so fett gesoffen und aufgeschwemmt, da hab ich 100 Kilo gewogen.“

Der Lars Besa von heute wirkt drahtig und durchtrainiert. Er ist 37 Jahre alt, sieht aber jünger aus. „Ich laufe jeden Morgen und mach ein bisschen Gymnastik“.

Er ist „recht gern“ in der Provinz. Aber ein echter Punker müsste Leutenbach eigentlich doch als Spießer-Nest betrachten?! Ja nun, „ich glaub nicht, dass Spießertum sich prinzipiell auf dem Land abspielt“. Er sieht heute manches anders.

Und außerdem: Normahl übten selbst in ihren wildesten Zeiten zu Hause in Leutenbach. Der halbe Flecken hörte mit. Niemand beschwerte sich groß. Nicht mal früher war die kleine Welt nur ein Käfig. Sie war immer auch ein Zuhause.

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