Winnenden Normahl: Das war Punk

Winnenden. Bei der Gruppe Normahl gab es dieser Tage Hausdurchsuchungen wegen des Liedes „Bullenschweine“ – und plötzlich, wie ein Fundstück aus ferner Zeit, liegt wieder der alte Streit im Weg rum: Punks gegen Staatsmacht, „wir“ gegen „die da“. Hatten wir das nicht eigentlich längst hinter uns? Jüngere Leser fragen sich womöglich, worum es hier überhaupt geht . . . Zum Verständnis noch mal ein bereits 2002 in unserem Blatt erschienenes Porträt der Band:

Normahl wurde 1978 von fünf Gymnasiasten aus Winnenden gegründet. 1981 erschien auf Mülleimer Records die erste EP „Stuttgart über alles“.

1992 initiierte die Gruppe zusammen mit dem Musikverleger Hans Derer, der Zeitschrift Prinz und dem Sender SDR die Kampagne „Kein Hass im Wilden Süden“ gegen Ausländerfeindlichkeit. Bei einer Kundgebung auf dem Marktplatz Stuttgart spielten Normahl mit den Fantastischen Vier vor rund 40 000 Schülern, und Besa schaffte es bis in die „NDR Talkshow“.

1993 erschien der Song „Sex am Telefon“ – den dann tatsächlich ein Anbieter schlüpfriger Telefon-Nummern-Werbung für seine Spots verwendete.

1995 löste sich die Gruppe im Unfrieden auf, feierte aber 2002 Reunion und gibt bis heute Konzerte.

Selbst wenn er von Revolte erzählt und Aufruhr, wirkt er nicht wie ein Revoluzzer; eher wie ein Lausbub: flink und immer auf dem Sprung, wendig in Gedanken und Mimik. Lars Besa, Songtexter und Sänger von Normahl, hat diesen „Falls ich dich mal über den Tisch ziehen muss, hab ich‘s bestimmt nicht böse gemeint“-Charme. Eine Straßenkatze – man könnte ihn aus jeder Höhe runterwerfen, er würde auf den Füßen landen. Als Sänger der Winnender Punk-Gruppe hat er ein Stück deutscher Musikgeschichte mitgeschrieben.

Winnenden, Ende der 70er-Jahre – Punk, das war eine einzige rauschhafte Gärung: „revoltieren gegen das Bestehende, und zwar gegen alles Bestehende“, leidenschaftlich, maßlos, und nicht unbedingt differenziert. Die Punks schimpften auf alte Nazis, ewige Langweiler und die „Bullen“, wüteten gegen die Popper (das waren die mit den schnieken Seitenscheiteln) und „unsere ersten Feinde: die Hippies“. Denn die wollten im Juze Rock-Discos machen statt Pogo-Partys. „Man war jung. Da geilt man sich an Sachen auf, die man heute an sich vorbei-laufen lassen würde.“

Sie hingen auf Parkbänken oder an Bushaltestellen rum, in ihren Lederjacken, zerrissenen Jeans, mit Frisuren, die aussahen wie ein Protestschrei gegen jede Haarmode der Weltgeschichte, und füllten „einige Aktenordner bei der Winnender Polizei“. Die Punks fühlten sich von „den Spießern“ missachtet – aber natürlich „haben wir auch Leute, die vorbeigelaufen sind, blöd angemacht. Hat einfach dazugehört.“ Aktion und Reaktion: „Beides war wichtig“, sagt Besa und lacht. Wenn sich niemand über die Punks empört hätte, worüber hätten sich dann die Punks empören können?

Normahl spielten ihr erstes Konzert 1978 am Karlsgymnasium in Stuttgart; eine deutsche Punkband der allerersten Stunde. Der Wirbel um die Sex Pistols in England war erst ein Jahr her. Es muss ein komisches Ereignis gewesen sein. Im Saal: brave Schüler; ein VfB-Fan-Club; ein paar Rocker. Die Band beherrschte vier Lieder und spielte jedes dreimal. In den Ohren des Publikums ergab das zwölf – „wir waren nicht so perfekt, dass jemand gemerkt hätte, dass das immer die gleichen sind.“ Besa war 13 Jahre alt.

Beim Winnender City-Treff spielten sie ein Lied namens „Fahneneid“. Zwei Stände weiter war die Reservisten-Kameradschaft und schrie „Drecksäcke“ und „Vaterlandsverräter“. Normahl spielten das Ganze noch einmal; bloß lauter. Einmal saß die Band jenseits der Sperrstunde in der Kneipe. Die „Bullen“ kamen, „meinten, sie müssen aufräumen“ und „haben eine Schlägerei angefangen“. Später bestätigte ein Kollege der Beamten die Darstellung der Punks. Ein anderes Mal wurden sie angezeigt wegen einer Liedzeile: „Haut die Bullen platt wie Stullen.“ Sie wurden nicht verurteilt. Künstlerische Freiheit.

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