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Winnenden E-Mobilität im Alltag: Nur eine Ladesäule

Thomas Bittl beim wöchentlichen Tanken vor der Markthalle: Nach einer Stunde ist der halbvolle Akkus des Renault Zoe voll. Foto: Habermann Foto: Gabriel Habermann

Winnenden. In der gesamten Stadt gibt es bisher nur eine öffentliche Schnell-Ladestation für Elektro-Autos, und zwar an der Markthalle an der Wiesenstraße. Ein Waiblinger E-Mobilist, der namentlich nicht genannt werden will, findet das zu wenig, wenn man den Klimaschutz vorantreiben will. „Wer öffentliche Ladesäulen baut, legt Geld drauf. Sie sind aus meiner Sicht ein Nebenthema“, sagt dazu der Winnender Stadtwerke-Chef Stefan Schwarz.

Die Süwag hat vor sechs Jahren, als die Markthalle eröffnet wurde, eine Ladesäule mit zwei Anschlüssen installiert. Thomas Bittl ist hier seit drei Jahren Kunde, tankt einmal pro Woche auf dem Heimweg von Stuttgart nach Allmersbach hier Strom zum Festpreis von 30 Cent die Kilowattstunde, während er seinen Feierabendkaffee bei der Explorer-Rösterei genießt. „Ich bin früher schon zum Einkaufen bei Obi oder beim Schuhladen von der Schnellstraße nach Winnenden abgebogen“, erzählt Thomas Bittl. Das Akkuladen in Winnenden ist für ihn günstiger als zu Hause. „In einer Stunde ist der halbvolle Akku wieder voll, schneller kann es diese Säule leider nicht“, sagt der Allmersbacher.

Parkplätze vor der Ladesäule werden oft missbraucht

Thomas Bittl stimmt dem Waiblinger E-Mobilisten zu: „Es wäre sehr gut, wenn es in Winnenden noch mehr, schnellere und intelligentere Ladesäulen gäbe, mit reservierten Parkplätzen. Zum Beispiel vor Kaufhäusern oder Freizeiteinrichtungen“, sagt der Informationstechniker. Bei Werner Häfele (Markthalle) hat er längst moniert, dass die beiden kleinen, leicht anzusteuernden Parkplätze zu oft blockiert seien. „Von Lastwagenfahrern oder Leuten, die nicht lenken können“, witzelt er.

Kleines Geplänkel wird zum Aufklärungsgespräch

So zieht er auch gleich den Fahrer auf, der ins gelbe Auto neben dem Renault Zoe einsteigt: „Wo ist denn Ihr Stecker?“ Oft gerät so ein kleines Geplänkel zum Aufklärungsgespräch, immer wieder widerspricht Thomas Bittl dabei den drei gängigsten Vorurteilen gegenüber E-Autos. Dabei gesteht er durchaus zu, dass man noch sehr auf die Auto-Marke, die Akkukapazität und auf ein schnelles Ladesystem achten muss, das Wechselstrom verträgt. „Dann fahren Sie in zehn Jahren günstiger als mit einem Benziner, das Stromnetz bricht beim Laden eben nicht zusammen, weil das Auto nur so viel wie ein Elektro-Herd zieht, und außerdem ist jeder Betreiber verpflichtet, an den Säulen Ökostrom anzubieten.“ Auch in der Anschaffung sei sein Auto nicht teurer als ein vergleichbar ausgestatteter Kleinwagen gewesen. Er hat inzwischen zwei Renault.

Dem Stadtwerkechef schweben ein bis drei Ladestationen vor

Stefan Schwarz kann als Stadtwerkechef bisher nur seine persönliche Meinung kundtun, mit dem Aufsichtsrat hatte er noch keine Gelegenheit, das Thema zu besprechen, obwohl jetzt wieder neue Fördertöpfe von Bund und Land für den Ausbau der Infrastruktur geschaffen wurden. „Es wird eine Aufgabe für Jahre. Wie wir das als Geschäftsfeld aufgreifen, ist noch nicht klar.“

Aus unternehmerischer Sicht zögere er, viele öffentliche Ladestationen anzubieten: „Die Hauptlade-Aktionen finden doch zu Hause statt oder beim Arbeitgeber, wenn das Auto lange steht. Das ist ja in 15 Minuten nicht getan.“ Auch wenn der Bau von Ladesäulen bezuschusst wird – Leitungen legen, Netz für die erforderliche Leistung stabilisieren, das koste einen Betreiber „mindestens 10 000, im Extremfall aber auch mal 40 000 Euro“, meint Schwarz, „man legt Geld drauf“. Dem Stadtwerkechef schweben gleichwohl ein bis drei öffentliche Ladestationen an zentralen Punkten wie dem Rathaus, dem Bahnhof oder dem Wunnebad vor.

Wichtig sind Schnellladesäulen mit hoher Leistung

Thomas Bittl hält das für einen guten Anfang. „Wichtig ist, dass man auf Schnellladesäulen mit hoher Leistung setzt wie in Wien. Man kann die Ladezeit auch begrenzen, so macht es Aldi, zum Beispiel in Waiblingen.“ Der Strom ist für die Kunden eine Stunde lang kostenlos.

Oberbürgermeister Holzwarth fährt den Hybrid meist elektrisch

Es gibt aber doch noch eine (theoretische) Lademöglichkeit in der Stadt: In der Rathaustiefgarage befindet sich ein Anschluss für E-Bikes und Pedelecs, das Autoaufladen dauert daran allerdings extrem lange. Außerdem schließt die Garage abends.

Stromfahrrad und Strommotorrad

Zum städtischen Fuhrpark gehören bisher ein Stromfahrrad und ein Strommotorrad. Und der Rathauschef und Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtwerke fährt elektrisch – Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth. Sein vor zwei Jahren gekaufter Dienstwagen ist ein Hybridfahrzeug, das im Notfall auf Verbrennungsmotor umschaltet. „Es steht auch auf dem Plan, dass unsere Mitarbeiter mit dem E-Auto durch die Stadt fahren, da haben wir auch Vorbildfunktion“, sagt Stefan Schwarz.

Vorstellbar: Stadt und Händler verwirklichen gemeinsam Ladestationen

Außerdem kann er sich vorstellen, dass Stadt und Händler gemeinsam Ladestationen verwirklichen, so dass ein „öffentliches Grundangebot“ zur Verfügung steht. Einen Zeitplan kann er dazu aber nicht nennen.

„Es ist traurig, dass sich in vier Jahren, seit ich mein erstes E-Auto gekauft habe, kaum etwas getan hat“, sagt Thomas Bittl. Es gebe ein paar mehr Ladestationen, überwiegend langsame, wie seine App auf dem Smartphone zeigt. Und ein neues E-Auto-Modell von Tesla. Und eine höhere Reichweite bei Renaults Zoe. Aber, was soll’s: Er freut sich, dass er in der Woche 350 Kilometer fährt und nur einmal in Winnenden zum Tanken muss.

 

316 E-Autos im Kreis: „Keine Revolution“

  • Im Rems-Murr-Kreis sind 256 439 Pkw zugelassen (Stand 31. August 2017). Davon sind 316 Elektro-Autos und 964 Hybridfahrzeuge, von denen wiederum 226 sogenannte Plug-ins sind, deren Akku per Anschluss an eine Stromquelle geladen wird.
  • Ein E-Mobil-Pionier ist der Berglener Ingenieur Martin Oberdörfer-Schmidt. Seit 25 Jahren fährt er mit Strom und entwickelt für solche Fahrzeuge Antriebe. Er arbeitet inzwischen bei E-Car-Tech, die Firma entwickelt Ladesäulen und plant die Umrüstung eines konventionellen Autos in ein Elektromobil. Mit dem Umweltminister und dem Verkehrsminister des Landes kommt Oberdörfer-Schmidt in letzter Zeit häufiger zusammen. „Diese Woche war ich bei der Baugenossenschaft Winnenden, die Ladestationen in ihren Mietshäusern vorsehen will.“
  • An Oberdörfer-Schmidts Privathaus in Öschelbronn können E-Mobilisten kostenlos Strom tanken und sich mit ihm bei einer Tasse Kaffee austauschen. „Ich brenne für das Thema“, sagt er. Die einzige Ladesäule Winnendens an der Markthalle hält er für „deplatziert“ und vom Ladetempo her für „witzlos“.
  • Angesichts von nur 34 000 E-Autos und 20 000 Ladesäulen bundesweit hält Martin Oberdörfer-Schmidt das Thema Infrastruktur für „überbewertet“. Es müssten seiner Meinung nach erst einmal alle 7,5 Millionen Zweitwagen zum E-Auto werden.
  • Gleichwohl würde der Berglener Ingenieur es begrüßen, wenn sich mehr Schnell-Ladesäulen in Parkhäusern befänden. „Man kann das als Stadt Winnenden mit Bedacht anfangen und selber in die E-Mobilität investieren. Das ist eine Evolution, keine Revolution.“

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