Winnenden-Schelmenholz Kindergartenkinder bringen Leben ins Seniorenheim

Nathalie Kroker (links) mit Kindern und Senioren im Garten des Hauses im Schelmenholz. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Winnenden. Moos, Wurzeln und Bäume sind die Kinder des Waldkindergartens gewöhnt. Aber ein Seniorenheim mit vielen Gesichtern, welche die Kinder zuvor nicht gesehen haben, ist neu. Die Waldstrolche nähern sich den Senioren an, ganz vorsichtig und sehr verspielt.

Die Waldstrolche vom Schelmenholz gehen von jetzt an manchmal am Dienstagvormittag ins Seniorenheim Haus im Schelmenholz. Sie bauen eine Partnerschaft auf, der Kindergarten und das Seniorenheim. Am Anfang dieser Beziehung steht die behutsame Annäherung. Mit Kindergartenleiterin Fides Podschun gehen die Kinder in der Gruppe ins Heim. Den ersten Stock oben suchen sie auf, setzen sich zunächst am Ende eines größeren Raums nieder und zupfen ihre Kostümierungen zurecht. Zu Beginn einer Beziehung hilft es, wenn man sich ein bisschen verkleidet, zum Beispiel als Meerjungfrauen und Meerjungmänner. Da kommt schon mal Ausgelassenheit auf. Jetzt spielt eine junge Erzieherin auf der Ukulele Akkorde und die Kinder singen: „Hier fliegen gleich / die Löcher aus dem Käse / denn nun geht sie los / unsre Po-lo-näse/ von Blankenese ...“ Und sie schreiten zu den Senioren, lächeln, singen lauthals, stolpern, fangen sich wieder und werfen kurze Seitenblicke auf die Senioren, achten dann aber wieder auf die Vorderfrau und darauf, dass sie nicht übereinanderpurzeln. Die Kinder erobern sich den Raum, aber die Senioren lassen sie noch in Ruhe.

Leiterin der Alltagsbetreuung hat die Begegnung arrangiert

Manche der Heimbewohner lächeln. Manche blicken stumm erfreut. Manche nicken. Es ist das erste Treffen von vielen, die noch folgen werden. Die 27-jährige Nathalie Kroker hat es in die Wege geleitet. Als Leiterin der Alltagsbetreuung des Hauses im Schelmenholz sucht sie immer nach Möglichkeiten, Senioren zu fördern und zu aktivieren. Das Leben im Seniorenheim soll sich dem früheren Mehrgenerationenhaus annähern, in dem Oma, Opa, Vater, Mutter und Kinder unter einem Dach lebten. Kinder bringen Leben in ein Seniorenheim. „Alte und Junge ergänzen sich“, sagt Nathalie Kroker. „Hallo!“, ruft eine Seniorin im Rollstuhl und winkt. Noch reagieren die Kinder nicht. Eine kleine schwarzhaarige Tänzerin wirft einen scheuen Blick zu ihr und tanzt weiter. Das Projekt braucht noch viele Tage verteilt aufs Jahr. Ein Grundvertrauen muss sich erst einmal aufbauen.

Aber es wächst. Ein Vesper bekommen die Kinder von Mitarbeiterinnen des Seniorenheims. Nathalie Kroker bringt eine Schüssel mit dem absoluten Hit für die Waldstrolche: Kinderwurst, kleine kurze Saitenwürstle. Mit Speck fängt man Mäuse und belohnt man die Anstrengungen einer Polonaise Blankenese. Wohlgenährt ziehen sich die Kinder Anoraks an. Einer zupft an seiner Mütze und ist schon fast so weit, dass es sich von einer lieben alten Dame helfen ließe.

Die Kolonne zieht los Richtung Erdgeschoss – aber ohne Polonaise und Meerjungfrau-Kostüm, dafür in wetterfester Kleidung.

Am ersten Tag besuchen die Waldstrolche ihr Gartenbeet

Die 15 Waldstrolche aus dem Schelmenholz ziehen zum Garten des Seniorenheims, wo für sie ein Kräuterbeet und eine Blumenwiese reserviert sind, die sie selbst bepflanzen dürfen – und die meisten Senioren kommen in ihren Rollstühlen mit. Gartenluft schnuppern, graben, rechen, säen, glätten, gießen – da können Junge und Alte aktiv werden, und nebenbei ins Gespräch kommen.

Erste Begegnung in der Partnerschaft ist angenehm

Den Kindern gefällt’s sichtlich. Die Senioren haben wache, beobachtende Augen. Angenehm ist die erste Begegnung in der Partnerschaft zwischen Haus im Schelmenholz und Waldkindergarten Schelmenholz. Senioren verfolgen mit wohlwollenden Blicken das Tun der Kinder, und die wirken unbefangen munter. Mehr braucht man bei der ersten Begegnung ja nicht zu erwarten.


Partnerschaft

Der Waldkindergarten Schelmenholz und das Seniorenheim Haus im Schelmenholz sind eine Partnerschaft eingegangen.

Die Kinder vom Wald kommen regelmäßig auf Besuch ins Seniorenheim, spielen etwas vor und kommen vielleicht ins Gespräch mit Senioren.

Senioren genießen das Leben, das Kinder mit sich bringen, wenn sie das Heim besuchen.

Wenn es draußen unwirtlich wird, bei Sturmwarnung oder Starkregen, können die Kinder aus dem Wald ins Seniorenheim ausweichen und bekommen ein Dach überm Kopf und trockene Räume.

Jede Partnerschaft beruht auf Gegenseitigkeit. Einerseits besuchen die Kinder Senioren. Andererseits kann es auch umgekehrt geschehen. „Ganz spannend wird unser Gegenbesuch im Wald“, sagt Hausdirektor Frank Walker. Mit Rollstühlen? „Das werden wir machen’“, versichert er.

Für die Kinder und den Waldkindergarten ist die Partnerschaft ein offensichtlicher Gewinn. Der Gewinn fürs Seniorenheim liegt eher im Atmosphärischen, im Zwischenmenschlichen, im Aktivierungseffekt, den die Kinder auf die Senioren haben. „Ich bin sehr froh, dass der Kindergarten mitmacht“, sagt Nathalie Kroker.

  • Bewertung
    6

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!