Winnenden/Stuttgart Hinterhalt, Messerstiche und ein Sex-Video

Winnenden/Stuttgart. Klingt wie der Plot eines reißerischen Gangsterfilms: Brutale Abreibung für einen Abtrünnigen, lebensgefährliche Messerstiche – und dazu ein Video, das eine Frau und zwei Männer beim Sex zeigt. Angeklagt am Landgericht Stuttgart: Ein 23-Jähriger, der im Lauf der nächsten Wochen möglicherweise ein Geständnis ablegen wird.

Er solle auf den Pausenhof der Winnender Kastenschule kommen, jetzt gleich, es gebe was zu besprechen – der 24-Jährige, der am 20. Februar 2014 gegen 1.45 Uhr am Morgen diesen Anruf erhielt, reagierte arglos und machte sich auf den Weg. Als er zehn Minuten später am Treffpunkt erschien, lösten sich vier Gestalten aus einer besonders dunklen Ecke und begannen umstandslos zuzuschlagen: Es waren seine ehemaligen Kumpels.

Der 24-Jährige hatte der Straßengang Red Legion angehört (siehe Infokasten), sich aber, nachdem die Gruppierung 2013 verboten worden war, abgewandt. Seine einstigen Komplizen aber, die sich weiterhin trafen, beschlossen, ihm aufzulauern. Und so prügelten sie ihn an jenem 20. Februar nicht nur zu Boden, sie traten dem Liegenden auch ins Gesicht; einer zog gar ein Messer und versetzte dem Wehrlosen zehn Stiche in den Rücken, drei bis sechs Zentimeter tief, bis die anderen Schläger den Enthemmten wegzerrten; umbringen war nicht der Plan gewesen.

Nach dem Angriff schleppte sich das Opfer weg, mit Knochenbrüchen im Gesicht, verletzter Milz und lebensbedrohlich angeschlagener Lunge. Notärzte im Katharinenhospital retteten sein Leben.

Drei der Schläger wurden bereits im November 2014 zu Haftstrafen verurteilt; ein vierter aber, Abi Cümüz (Name geändert), der mittlerweile in U-Haft sitzt und sich seit gestern vor Gericht verantworten muss, war zunächst in die Türkei geflohen – und verstrickte sich dort in weitere bizarre Brutalitäten.

Im Mai 2015 hielt er sich in einer Ferienwohnung im türkischen Güllük auf; dort bei ihm zu Besuch: eine junge Frau und diverse Kumpels. Eines Abends irgendwann nach Mitternacht, offenbar erhitzt durch ein glühendes Gemisch aus Wodka, Eifersucht und Besitzansprüchen, redete sich Cümüz immer mehr in Rage; beschimpfte die Frau, weil sie bei Whatsapp kein Foto von ihm als Profilbild eingestellt hatte; herrschte sie an, sie habe ihm kein Marihuana mitgebracht, er brauche das zur Beruhigung. Der Streit eskalierte: Cümüz schlug die Frau ins Gesicht, sie stürzte und landete mit dem Rücken auf einer Granittreppe. Als sie heftig nach Luft rang und ein Kumpel ihr helfen wollte, soll der Angeklagte dazwischengegangen sein mit den Worten: Sie solle ersticken.

Am nächsten Morgen drohte sie, zur Polizei zu gehen. Worauf Cümüz warnte: Er werde ein Video, das sie mit ihm und einem Kumpel beim Sex zeige, ihrer Familie schicken und in ganz Stuttgart verbreiten.

Ein Deal liegt in der Luft

Außer der Verlesung dieser Anklageschrift tat sich zumindest auf der juristischen Schaubühne nicht viel beim gestrigen Prozessauftakt. Cümüz’ Anwalt erklärte: Der Angeklagte werde sich zur Sache äußern, „aber erst in den nächsten Wochen“. Dazu regte der Verteidiger „ein Rechtsgespräch“ an – „vielleicht kann man die Sache einvernehmlich regeln.“ Und so trafen sich Staatsanwaltschaft, Verteidiger und Gericht gestern nach Ende des öffentlichen Teils im Hinterzimmer, um Möglichkeiten einer Einigung zu erörtern. Grob gesagt, wird es wohl darum gehen: Geständnis gegen Milde. Falls der Angeklagte die Vorwürfe einräumt und dem Gericht eine langwierige Beweisaufnahme nebst Zeugenvernehmungen erspart, könnte er mit einer etwas niedrigeren Strafe davonkommen. Haft allerdings wird ihm kaum erspart bleiben. Seine Komplizen bei dem Überfall vor der Winnender Kastenschule wurden zu vier bis sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Fortsetzung der Verhandlung: 7. Dezember

Die Red Legion

Red Legion: So hieß eine rockerähnliche Straßen-Gang, die in den vergangenen Jahren immer wieder heftiges Aufsehen erregt hat. Die Gruppe zählte mehr als 100 Mitglieder meist kurdischer Herkunft, die hauptsächlich im Großraum Stuttgart aktiv waren; mischte bei Machtkämpfen im Rotlichtmilieu und in der Türsteher-Szene, in Drogen- und Waffenhandel mit und lieferte sich immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen mit konkurrierenden Banden, zum Beispiel den Black Jackets. Im Dezember 2012 erstachen Männer der „Legion“ in Esslingen einen 22-Jährigen und verletzten neun weitere „Jackets“ schwer. Zu Konfrontationen kam es auch in Ludwigsburg und Markgröningen. Der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall erließ im Juni 2013 ein Verbot der Red Legion.

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