Winnenden Umstrittenes Bauprojekt am Bürger Schlossberg

Blick auf Bürg bei Winnenden. Foto: ZVW/Gabriel Habermann (Archivfoto)

Winnenden-Bürg.
Der schönste Horizont der Stadt, die Skyline vom uralten Bürger Turm bis zum Bürger Bädle bekommt wahrscheinlich bald eine neue architektonische Komponente: Ein Bauherr will eine alte Villa im kleinen Park abreißen und an ihrer Stelle zwei dreistöckige Mehrfamilienhäuser bauen, unter denen noch eine Tiefgarage mit elf Stellplätzen in den Fels gegraben wird. Er hat gute Aussichten darauf, dass er bauen darf, aber sicher ist es noch nicht.

Der erste Entwurf war eine Bauchlandung für den Bauherrn

Das Vorhaben ist nicht ganz neu. Derselbe Bauherr hatte vor Monaten an derselben Stelle schon einen Entwurf eingereicht, der noch größer, noch wuchtiger war, ein Block mit zehn Wohnungen – aber damit war er im Technischen Ausschuss des Gemeinderats krachend durchgefallen. Das wollte kein Stadtrat dem Ortsbild von Bürg antun.

„Wesentlich harmloser als der erste Entwurf“

Bauherr und Architekt überarbeiteten ihre Pläne und legten diese Woche den neuen Entwurf vor, der aus einem Haus zwei machte, in deren Mitte eine breite Fuge offen bleibt, so dass der optische Eindruck von zwei Häusern entsteht. Dies beruhigte eine Mehrheit von Gemeinderäten im Technischen Ausschuss. Die stimmte dem Bauvorhaben zu, wirkte nicht gerade begeistert, aber erklärte doch, wie zum Beispiel Stadtrat Frank Rommel (CDU): „Es ist jetzt wesentlich harmloser als der erste Entwurf. Für mich ist es vertretbar.“

Morgens vor der Arbeit erst einmal auf den Autoaufzug warten?

Nicole Steiger (FDP) bezweifelte die Notwendigkeit von so vielen Autoabstellplätzen, elf in der Tiefgarage, in der die Autos mit Aufzug hinuntergefahren werden, und dann noch vier offene Stellplätze und eine Doppelgarage oben an der Kauzenbach-Straße. Steiger hätte gerne die Garage oben weggelassen. Aber OB Holzwarth erinnerte an das Baurecht: „Eine Grenzgarage können wir nicht verbieten.“

SPD-Stadtrat Uwe Voral wundert sich über die Tiefgarage mit Aufzug: „Da sollen morgens, wenn alle zum Schaffen fahren, nun Autos auf einen Schlag aus dem Gargenaufzug kommen? Wer’s glaubt, wird selig. Die parken doch die Straße voll. Das Projekt passt da einfach nicht hin. Es ist viel zu massiv.“ „Wir haben drei Vollgeschosse. Kein vergleichbares Objekt steht in der Nähe. Ich hab da meine Probleme“, meinte Martin Oßwald-Parlow (ALi). Voral, Oßwald-Parlow und Rahel Dangel (ALi) stimmten gegen die zwei Wohnblöcke, bleiben aber in der Minderheit.

Auf den Zuschauersitzen saßen Bürger von Bürg, vor allem auch die Ehepaare Ingeborg und Werner Frank sowie Rosalies und Eugen Kiefer, die direkte Nachbarn der künftigen Baustelle sind. Im Gespräch mit der Presse nach der Sitzung kündigten sie an, gegen die Baupläne Klage vor Gericht einzureichen. Es gehe ums Landschaftsbild, sagt Nachbar Werner Frank, von Beruf Architekt: „Auf die Blöcke blickt man bis von Bietigheim.“ Ob sie wirklich so gebaut werden dürfen, ist also im Moment noch gar nicht sicher.


Weniger schlimm ist noch lange nicht gut

Ein Kommentar von ZVW-Redakteur Martin Schmitzer

In Zeiten der Wohnungsknappheit könnte man ja sagen: Lasst die Leute bauen, lieber zwei Dreifamilienhäuser als eine alte Villa ...

Aber dort oben an der Hangkante von Bürg geht es gar nicht um Wohnungssuchende, die versorgt werden sollten. Dort sind Luxuswohnungen geplant mit 120 bis 180 Quadratmetern Wohnfläche, mit mehr als zwei Stellplätzen pro Wohnung und mit einem Autoaufzug. Dort oben geht es um einen luxuriösen Platz an der Sonne und an der tollen Aussicht und um einen Bauplatz in einer zugleich exklusiven und naturnahen Lage.

Alles, was dort gebaut wird, muss nicht sein – kann aber erlaubt werden, wenn es in die Landschaft passt. Und da kann man links und rechts die Nachbarhäuser angucken: Keines ragt so breit in die Höhe wie die beiden geplanten Häuser. Voral, Dangel und Oßwald-Parlow liegen nicht ganz falsch, wenn sie dieses Projekt erneut ablehnen. Es ist wirklich zu massiv. Speziell an dieser landschaftlich sehr empfindlichen Horizontlinie.

Es hilft auch nichts, dass der zweite Entwurf, den Architekt und Bauherr eingereicht haben, weniger schlimm ist als der erste. Das darf keine Rolle spielen, sonst könnte dies ja zur Strategie bei Bauanträgen werden: Reiche einen restlos überzogenen Entwurf ein, dann kriegst du hinterher einen immer noch massiven Plan durch. So darf es nicht laufen. Gerade an so exponierten Stellen muss das Prinzip gelten: Weniger schlimm ist noch lange nicht gut.

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