Winnenden Wengerterfamilie: Rebellion und Tradition

Die Wengerterfamilie Siegloch aus Winnenden bei einem alten Wengert im Oberen Lauch, der die Trauben für Sieglochs besten Rotwein hergibt: Birgit Sieg-loch, Markus Siegloch, Ruth Klöpfer, David, Angelika und Lene Siegloch (von links). Foto: Schneider/ZVW

Winnenden. Weihnacht beim Wengerter kommt plötzlich. Den ganzen Advent bis zum letzten Tag läuft der Weinverkauf auf Hochtouren, aber die vier Generationen der Wengerterfamilie Siegloch in der Albertviller Straße denken trotzdem nebenher ans Fest. An Heiligabend, spätestens um 12 Uhr mittags, kehrt festliche Ruhe ein.

In dieser Ruhe sind sich die Generationen einig, wenn man das Einverständnis der Jüngsten, der anderthalbjährigen Lene, voraussetzen darf. Wie alle Wengerterkinder wächst Lene im Weingut auf, ist oft bei Oma und Uroma, steht im Verkaufsraum, sieht das alte Holzfass von ihrem Ururopa, das im Hof auf einem Leiterwägele steht und erlebt unbewusst mit: Das Leben im Hof wird vom Wein bestimmt, vom Weinverkauf, von den Gärprozessen im Keller, vom Wengert und vom Wetter.

Immer neue Herausforderungen

Wengerterkinder werden damit groß, und wenn sie jugendlich werden, ahnen sie: Wengerterfamilien erleben fast immer eine Rebellion, wenn die Jungen das Weingut übernehmen. Die Rebellion hat Tradition. Wengerter müssen immer etwas Neues ausprobieren und bekommen neue Herausforderungen. Ernst Klöpfer, der Großvater von David und Markus Siegloch, pflanzte 1981 die ersten Zweigelt-Reben in Winnenden. Aus Südtirol hatte er sie mitgebracht. Das war etwas Neues. Den Wengert überließ er seiner Tochter Birgit als Arbeitsfeld. „Das ist üblich in Wengerterfamilien“, sagt Markus Siegloch. Als Birgit das erste Mal die Reben schnitt, verzweifelte ihr Vater schier: Sie hätte die Reben viel zu radikal zurückgestutzt.

Qualität oder Menge? Ein Streit über Generationen hinweg

In den 80er Jahren hatten die Wengerter auf große Ausbeute aus dem Wengert gesetzt: 400 Kilogramm Trauben pro Ar zogen sie und ernteten sie. Das war mit dem Beschnitt von Birgit Siegloch (damals Klöpfer) nicht mehr möglich. Deren Generation reduzierte den Ertrag auf 100 Kilogramm pro Ar. Als David und Markus Siegloch das Weingut übernahmen, wurde der Rebschnitt noch radikaler und der Ertrag auf 35 Kilogramm pro Ar reduziert. „Das führte jährlich zum Streit, weil unser Opa in Cannstatt es nicht ausgehalten hat, dass wir gesunde Trauben weggeschnitten haben, um die Qualität zu steigern“, erzählt David Siegloch.

Solche Generationenkonflikte gehören zu einer Wengerterfamilie wie die Hefe zur Gärung. Aber selbst bei der Hefe geht die neue Generation eigene Wege, anders als ihre Eltern. Die setzten damals auf Zuchthefe, geliefert von der Industrie. Markus Siegloch sagt: „Wir lassen die Wildhefen für den Wein arbeiten, die Hefe, die natürlich im Weinberg vorkommt und mit den Trauben in den Keller gelangt.“ Noch so eine Neuerung.

„Im Keller sind wir extreme Traditionalisten“

Oder eine Tradition? Vieles, was Wengerter heute tun, haben Generationen lange vor ihnen schon mal gemacht. Holzfässer sind auch so ein Beispiel. 2006 fingen die Brüder Siegloch mit Barrriquefässern an. Das galt als neu, aber David Siegloch sagt: „Im Keller sind wir extreme Traditionalisten.“ Was haben ihre Vorfahren vor 100 oder 450 Jahren gehabt? Holzfässer natürlich. Über 13 Generationen hinweg waren die Klöpfers, Vorfahren von Birgit Siegloch, Wengerter und Küfer in Winnenden. Um 1500 wurde ein Philipp Klöpfer in Birkmannsweiler geboren. Die heute 86-jährige Ruth Klöpfer hat die Chronik der Familie in schönster Handschrift zu Papier gebracht, hat notiert, dass Daniel Klöpfer, 1618 geboren, Weingärtner und Schultheiß war. Solche Familieneigenschaften vererben sich weiter. Markus’ Opa war Stadtrat und Wengerter – Markus zählt im Gemeinderat zu den Profilierten und Meinungsfreudigen.

In dem Keller sind auch schon gute Musiker herangereift

Wengerterfamilien sind gesellig. Wein und Weingut bringen die Leute zusammen. Wie viele Leute haben schon im Besen mitgearbeitet? Wie viele Kinder haben im Weingut gespielt und wie viele Jugendliche die privaten Helferfeste des Weinguts mitgefeiert mit allen Kapriolen? Die 60-jährige Birgit Siegloch erinnert sich mit größter Freude an die vielen Leute, die mal für kurze oder längere Zeit zur Familie gehörten. Ein Kosovoflüchtling war dabei, der in den 90er Jahren aus dem Balkankrieg geflohen war, im Weingut gearbeitet und Fuß gefasst hat und heute noch in Winnenden lebt und arbeitet. Auch von den Flüchtlingen von 2015 hat einer im Weingut gearbeitet. Birgit Siegloch kann Musiker aufzählen, die mal mit ihren Söhnen zusammen einen Probenkeller im Weingut hatten, Ska-Musik machten und heute als Profimusiker in Winnenden oder anderswo leben. Eine Wengerterfamilie ist nie für sich allein. Zur Ernte und für den Besen braucht sie Freunde und Verwandte.

Und umgekehrt ist eine Wengerterfamilie keine Verpflichtung. Manuel (35), einer der drei Siegloch-Brüder, ist gar nicht Wengerter geworden, sondern Konstruktionsmechaniker. Das liegt bei all den Traktoren und Geräten zwar nahe am Wengerter, aber Manuel arbeitet in einem Metallbetrieb, den er mit einem Partner zusammen aufbaut und leitet. Und selbstverständlich schaut er regelmäßig im Weingut nach den Tanks und Geräten. „Fast überall steckt Arbeit von Manuel mit drin“, sagt David.

Der Name Siegloch und das Scharfe Eck in Cannstatt

Das Weingut Siegloch hat unter dem Namen Klöpfer eine lange Winnender Tradition. Der Name Siegloch kommt von Birgits verstorbenem Mann Peter Siegloch, der aus einem Cannstatter Weingut stammt, das er mit in die Familie brachte. Die Winnender Sieglochs haben deshalb heute noch Wengert am Cannstatter Zuckerle, und sie haben das Scharfe Eck. Christian Siegloch, der Ururgroßvater der heutigen Wengerter, hat 1911 das Lokal eröffnet, um seinen eigenen Wein zu vermarkten, erzählt David Siegloch. Auf Nachfrage füllte der Vorfahr seinerzeit für die Leute auch ein paar Flaschen ab. Das wurde dann mehr. Davids Urgroßvater hat den Flaschenverkauf forciert und so wurde daraus ein Weingut. Davids Großvater betrieb das Weingut weiter, dessen Bruder übernahm das Lokal. Später war das Scharfe Eck verpachtet, und dann stand es 15 Jahre leer, bis die jungen Siegloch-Brüder kamen, die alles veränderten und neu anfingen, aber im Scharfen Eck 2011 wieder einen Besen im alten Stil einrichteten, den sie zum Beispiel in der zweiten Januarwoche wieder öffnen.

Vier Generationen, die alle in Winnenden wohnen

In dieser Neuerung steckt sehr viel Tradition und viel Familiensinn. Sieglochs und Klöpfers zusammen sind immerhin vier Generationen, die alle in Winnenden wohnen, von der 86-jährigen Ruth Klöpfer bis zur anderthalbjährigen Lene Siegloch.


Die Weine der Kollegen

Was trinkt die Wengerterfamilie an Heiligabend und Weihnachten, wenn der ganze Stress von ihr abgefallen ist und sie in aller Ruhe feiert? Wein trinkt sie – und ziemlich sicher ist es nicht der eigene, sondern der von Kollegen in der Nähe oder in der Ferne. Bordeaux oder Burgunder können durchaus dabei sein.

Wengerter besuchen einander gerne und schenken sich gegenseitig von ihrem Wein. Weihnachten ist eine gute Gelegenheit, diesen Wein anzugehen.

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