Winnenden Wenn Kunden unerwartet reagieren

Winnenden. Zum Einkaufsleben der Stadt gehören Leute mit Handicap. Gehörlose, Autisten, psychisch Kranke spazieren täglich durch die Fußgängerzone und fallen mal auf, mal nicht. Am Montag trafen sich Händler und Betreuer zu einem Erfahrungsaustausch mit dem Ergebnis: Vieles läuft sehr gut. Und wenn es mal hapert, helfen ein paar Tipps und Telefonanrufe.

Die versammelten Einzelhändler bekamen großes Lob von den Vertretern der Paulinenpflege, die viele Gehörlose und Autisten betreut, und des Psychiatrischen Klinikums Schloss, dessen Patienten gerne und oft durch die Stadt gehen.

Ein Beispiel für gelebte Inklusion

„Winnenden ist für mich ein ganz besonderes Beispiel für gelebte Inklusion. Unsere Klienten gehören zu dieser Stadt. Das ist ganz selbstverständlich“, lobte Andreas Maurer, der Geschäftsführer der Paulinenpflege, und meinte zu den Händlern und Verkäufern: „Indem Sie hier sind, bemühen Sie sich darum, die Menschen mit Handicap zu verstehen.“

„Es sind unsere Kunden“, sagte Rolf Weber, ein ehemaliger Einzelhändler, der den Erfahrungsaustausch organisierte. Im Grunde sind Winnender Händler darauf eingestellt, dass sie unter ihren Kunden welche haben, die nichts hören, die abwesend wirken, die anders reagieren als erwartet.

Zum Klinikum im Schloss kommen jährlich 18 800 Patienten

Es sind durchaus viele. Das Klinikum Schloss Winnenden behandelt im Jahr 8800 Patienten stationär oder teilstationär, wie Pflegedirektor Hans-Jürgen Kutterer erklärte. Die meisten von ihnen verbringen wenige Tage in der Akutbehandlung, und wenn sie etwas besser in der Balance sind bespricht der Arzt mit ihnen, ob sie alleine in die Stadt gehen wollen und sollen, wie dies die ärztliche Direktorin des Klinikums, Dr. Marianne Klein, erklärte.

Zu den stationären Patienten kommen noch jährlich 10 000 in die ambulante Versorgung. In der Paulinenpflege sind die Zahlen nicht so hoch, aber deren Klienten wohnen lange in Winnenden und gehören zur Stammkundschaft in vielen Geschäften, wie es Tobias Janouschek schilderte, der als Abteilungsleiter die Wohngemeinschaften der Paulinenpflege in der Stadt begleitet.

„Die allermeisten können prima lesen und schreiben"

„Sie kaufen hier ein, gehen zum Friseur oder ins Café.“ Manchmal fallen sie auf, weil sie auf Ansprache nicht reagieren, weil sie unerwartet laut werden oder Gebärden machen. „Das ist alles in Ordnung. Denken Sie dann einfach an die Paulinenpflege“, ermunterte Janouschek die Geschäftsleute. „Die allermeisten können prima lesen und schreiben. Wenn Sie etwas auf einen Zettel schreiben, kommen Sie gut weiter.“

Ganz unterschiedliche Persönlichkeiten finden sich unter den Autisten, von denen die Paulinenpflege 190 aus dem ganzen Land in ihrer Obhut hat, die entweder in die Schule gehen oder eine Ausbildung machen, und die gerne durch die Stadt gehen, in Geschäfte reinschauen und auch etwas kaufen. Autisten reagieren oft unerwartet. „Es kann passieren, dass einer eine Ware festhält und nicht mehr loslässt“, erzählte Hans Heitmann, der in der Paulinenpflege für die Autisten verantwortlich ist.

Keinen Zeitdruck machen

Einfach sind solche Situationen nicht für die Einzelhändler. In den meisten Fällen kamen sie bisher schon klar. Heitmann empfiehlt: ihnen immer einen Ausweg lassen. Sich nicht aufbauen vor ihnen. Keinen Zeitdruck machen. „Und was gar nicht geht: festhalten.

Dann eskaliert es.“ Besser sei es, in der Paulinenpflege anzurufen. Wenn es doch eskaliert, sei natürlich ein Anruf bei der Polizei das Richtige, erklärte Tobias Janouschek, denn die Winnender Polizei ist den Umgang mit den Klienten und Patienten der Paulinenpflege und der Psychiatrie gewöhnt.


Telefonnummern

  • Wenn in einem Geschäft Irritationen aufkommen durch Kunden mit Handicap, können Händler die Paulinenpflege anrufen unter ) 69 50.
  • Auch das Klinikum Schloss Winnenden ist immer erreichbar unter der Zentralnummer 9000. Für Gespräche nach einem Ereignis kann die ärztliche Direktion angerufen werden unter ) 9 00 21 00.
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