Winnenden Wie geht es weiter mit der Papierhülsenfabrik Eger?

Die Eger-Fabrik in der Palmerstraße: Hinter der lange bestehenden Fassade steht eine vor 15 Jahren komplett erneuerte Werkhalle. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Winnenden.
Wenn ein Arbeitnehmer 50 Jahre in einer Firma arbeitet, dann ist das eine herausragend lange Firmentreue. Bei einem Arbeitgeber ist es nicht anders. Die Winnender Unternehmerin Gertrud Lange-Mickel hat allerdings fast 70 Jahre für ihre Firma gearbeitet, hat über Jahrzehnte die Papierhülsenfabrik Eger verantwortlich geführt. Ihre Firmentreue als Arbeitgeberin ist großartig. Wer bei ihr arbeitet, den kennt sie, von dem weiß sie, wie er lebt, was er braucht, was er kann und welche Zukunft er oder sie in der Firma haben könnte. Zum 1. Januar 2020 hat sich die 89-jährige Arbeitgeberin aus dem Geschäft zurückgezogen und zugleich die Weichen für die Zukunft gestellt.

Herzlicher Beifall von den Mitarbeitern für die Unternehmerin

Es war eine beeindruckende Betriebsversammlung letzte Woche im Casino der Firma Eger an der Palmerstraße, nahe beim Bahnhof. Mit herzlichem und lange anhaltendem Beifall verabschiedeten sich die Mitarbeiter von ihrer Chefin, die zum Abschied Anekdoten aus der Firmengeschichte erzählte und die Verantwortung für die laufenden Geschäfte an ihren bisherigen Mitgeschäftsführer und künftigen Alleingeschäftsführer Viktor Epp übergab.

Es war nie einfach, als Hersteller von Papierhülsen am Markt Bestand zu haben. Seit 1905 hat die Firma ihren Sitz am Zipfelbach. Albert Eger hat sie gegründet und nach Winnenden verlegt. Gertrud Lange-Mickel war schon als Kind mit ihrem Vater bei Geschäftsvorgängen dabei, durfte mitreisen zu den Kunden der Hülsenfabrik, zu den Telefonbaufirmen, die damals in großen Mengen dünne kleine Hülsen für ihre Kupferkabel brauchten, und zur Textilfabrik Adolff in Backnang, die Spulkerne für die Fäden aus ihrer Spinnerei bestellte. Die Spinnerei ist längst aufgelöst und die Kupferkabel sind durch Glasfaser ersetzt, aber immer wieder fanden Viktor Epp und Gertrud Lange-Mickel neue Kunden für die kleinen Röhrchen aus Papier, die in Winnenden von 85 Mitarbeitern in der Firma Eger hergestellt werden.

Damit kommt die Winnender Firma nicht weiter am Markt

Das bekannteste Produkt, das Eger herstellt, sind die Papierhülsen für Silvesterraketen. Die waren mal ein ganz wichtiges Standbein der Firma, als es noch sechs große Feuerwerkshersteller in Deutschland gab und alle von Eger beliefert wurden. Mittlerweile existiert nur noch einer, der Silvesterraketen „Made in Germany“ anbietet, aber genau den beliefert Eger weiterhin.

Dass die Hülsen aus Papier sind, hat Vorteile: Falls sie irgendwo im Gebüsch landen, verrotten sie eines Tages, genauso, wie der Holzstecken der Raketen irgendwann verfault. Ärgerlich für Hobbygärtner sind vor allem die Plastikhütchen auf den Raketen. Wenn die auch aus Pappe wären, das wär’s doch, oder? „Ja, da haben wir auch was entwickelt“, sagt Gertrud Lange-Mickel im Gespräch mit der Presse. Sie zeigt eine Rakete mit Spitze aus Pappe. Die wirkt optisch allerdings nicht so toll wie ein Plastikhut und sie ist teurer. Damit kommt die Winnender Firma nicht weiter am Markt. Sie wird immer wieder etwas Neues und anderes versuchen.

Der Normalverbraucher kennt Papierhülsen vom Toilettenpapier

Verwaltungsrat Gerd Wahl, der als Banker Einblick in die Firma hat, sagt: „Betriebswirtschaftlich steht die Firma gut da. Sie hat es rechtzeitig geschafft, sich auf neue Entwicklungen einzustellen.“ Der Mensch, der von außen die Papierhülsenfabrik betrachtet, kann sich nicht viel vorstellen, wofür man die Hülsen braucht. Außer fürs Klopapier. Dessen Rolle ist aus Pappe. Aber solche Rollen stellt Eger gar nicht her. „Die werden inline produziert“, sagt Gertrud Lange-Mickel. Die entstehen in einer Produktionslinie, in der gleich das WC-Papier aufgewickelt und eine fertige Großpackung abgepackt wird.

Elektronikfirmen bestellen Hülsen aus Papier

Was bleibt dann überhaupt noch übrig für die Winnender Papierhülsenfabrik? Wofür wird sie in Zukunft liefern können? Es gibt immer wieder etwas Neues, wofür man Papierhülsen braucht. Zurzeit sind es Elektronikfirmen, die Hülsen bestellen, so erzählt es Gerd Wahl, es ist die Autoindustrie, die Hülsen braucht, und es kann auch mal der Golfsport seine Golf-Tees, die Stifte, auf die die Bälle gesetzt werden, aus Papierhülsen herstellen lassen. Eger wäre darauf vorbereitet. „Wir haben schon einmal Golf-Tees hergestellt“, erzählt Gertrud Lange-Mickel. Damals haben sie sich am Markt nicht durchgesetzt, und die Stifte wurden weiterhin aus Plastik hergestellt.

Dieses Plastik mit all seinen Umweltnachteilen bleibt dann oft im Golfrasen stecken, wird irgendwann ausgespült, in einen Bach geschwemmt und ins Meer transportiert. Wegen solcher Vorgänge wird Plastik immer kritischer gesehen. Trinkröhrchen aus Plastik werden verboten und jetzt schon durch Pappröhrchen ersetzt. Gertrud Lange-Mickel ist hier skeptisch: „Wenn Papier mal beschichtet ist, kann man es nicht so leicht wiederverwerten. Das sieht man an den Tetra-Packs.“

Plastik wird oft bevorzugt gegenüber dem Papier – wie lange noch?

Oft entscheidet der Preis darüber, ob ein Röhrchen aus Plastik oder aus Papier bestellt wird. „Plastik ist in der Massenproduktion immer billiger“, sagt Lange-Mickel. Aber solche Preisverhältnisse haben nicht auf Ewigkeit Bestand. Materialknappheit und Besteuerung können vieles ändern. Aus Umwelt- und Kostengründen könnten an manchen Stellen künftig Papierhülsen bevorzugt werden.

Gertrud Lange-Mickel ist Ehrenmitglied im Verwaltungsrat

Die Firma Eger wird nach neuen Anwendungen für Papierhülsen suchen und hat bisher immer welche gefunden. Jetzt sind der Stiftungsrat, der Verwaltungsrat und vor allem Geschäftsführer Viktor Epp und die 85 Eger-Mitarbeiter gefragt bei der Suche nach neuen Möglichkeiten. Ganz aus der Welt ist Firmenpatriarchin Gertrud Lange-Mickel aber auch nicht. Sie wurde zum Ehrenmitglied des Verwaltungsrats der Firmengruppe Eger ernannt, und in dieser Funktion kann sie, ohne verpflichtet zu sein, immer noch ein Wörtchen mitreden in ihrer Firma, die sie am 1. Januar in die Eigenständigkeit entlassen hat.

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