Winnenden Winnenden kehrt auf schreckliche Weise wieder

Winnenden/München. Der Amoklauf in München ruft gerade in Winnenden schreckliche Bilder wieder hervor. Sie lassen die Eltern der erschossenen Kinder eh nie mehr schlafen. Die Bluttat des 18-jährigen Schülers lässt einen erneut fragen, ob unsere Gesellschaft alles tut, um gefährliche Waffen erst gar nicht in den Umlauf zu bringen. Munition inklusive.

Katrin Altpeter, die Waiblinger Politikerin, saß im Anschluss nach dem Amoklauf von Tim K. nicht einfach im Sonderausschuss des Landtags. Sie, die Vertreterin der SPD, sie wollte die Arbeit dieses Gremiums nicht beendet haben ohne eine Stimme, die über den Konsens im Ausschuss hinausgeht. In ihrem Minderheitenvotum forderte sie drastischere Maßnahmen und mehr Prävention. Es läuft hinaus auf ein restriktiveres Waffengesetz und mehr Schulsozialarbeit. Letzteres sieht sie dann auch in ihrer Regierungszeit zusammen mit den Grünen umgesetzt. Und dann gibt es da noch den Komplex der Killerspiele. Bekannt ist längst, dass auch der Attentäter von München sich eine neuere Version von „Counterstrike“ heruntergeladen hatte. Dem Ballerspiel, bei dem der Gamer die Perspektive dessen einnimmt, der über andere wahllos brutal richtet. Das stumpft ab, sagt manche Studie zur Schaffung von Gewaltbereitschaft am heimischen Schirm.

Und dann, wie raffiniert, besorgte sich der Schütze eine Glock 17, die beliebt ist gerade bei Gelegenheitsschützen. Der Abzug sei ungewöhnlich leicht zu drücken, ist jetzt in einschlägigen Foren zu lesen. Dass sie zur Deko-Waffe umgebaut wurde, half nichts, das lässt sich offenbar auch wieder rückgängig machen.

Das Verbot von großkalibrigen Waffen für den Schießsport ist das eine, sagt Katrin Altpeter. Aber auch die getrennte Aufbewahrung von Waffe und Munition ließ sich nicht durchsetzen. Der 18-jährige Schüler bekam eine Theater-Glock wieder scharf, musste aber auch an Munition rankommen – wie kann das sein?

Katrin Altpeter kann sich ungefähr einfühlen, wie es jetzt den Eltern in Winnenden gehen muss. In München kam es auch noch zur medialen Steigerung, weil es Live-Bilder von der Verfolgung gibt. Wer das sieht, für „den ist alles wieder zurückgekehrt. Man kann einfach nicht sagen, dass das irgendwie vorbei ist.“ Und die Sozialministerin des Landes, die sie vor kurzem noch war, fragt, „was das bei den Eltern auslösen muss?“ So viel weiß sie durch den Kontakt: Sie können bis heute nicht richtig schlafen.

„Ich kann keine einzige Nacht durchschlafen“

Just um das nicht-Vergangenheit-werden- Wollende ging es auch in einer Einblendung einer Sondersendung von „Hart aber fair“ am Sonntagabend. Moderator Frank Plasberg befragte kurz Barbara Nalepa. Sie hat in der Albertville-Realschule ihre Tochter verloren, sie ist diejenige, die sich längst noch nicht geschlagen geben will im Kampf um schärfere Gesetze. Sie ließ kurz mal einblicken: „Die Familien der Opfer von München, ich wünsche ihnen von ganzem Herzen, dass sie lernen, damit umzugehen. Ich hätte ihnen so gerne heute etwas Gutes sagen wollen, aber leider ist das nicht so. Ich kann keine einzige Nacht durchschlafen. Ich wache auf mit schlimmen Gedanken, ich gehe schlafen mit Trauer und voller Wut. Ich habe es wirklich sehr schwer im Leben. Aber ich will nicht, dass irgendjemand sagt: Oh, die arme Frau der Opferfamilie aus Winnenden.“ Dieses Mitleid will sie nicht haben.

Aber ihre Wut will sie sprechen lassen: „Ich will, dass die Politik endlich nicht die Worte in die Luft bläst, sondern sie einfach nimmt und ausspuckt, die Worte, und irgendwann die Blase zerplatzt und die Wörter fallen herunter.“

Es reicht ihr nicht, dass jetzt der bayrische Innenminister sich hinstellt und sagt, es habe eine Debatte nach Winnenden gegeben. „Es war aber nur ein Debatte“, hält sie dagegen. „Ich fordere von der Politik, dass sie endlich anfängt, etwas zu machen. Dass die Politiker nicht nur sprechen, sondern diese Versprechungen auch halten.“

Auch wenn es sich in München um eine angeblich unschädlich gemachte Glock 17 handelte, die Winnender Mutter zählt nun mal eins und eins zusammen: „Nicht nur Sportschützen, es gibt auch Menschen, die legale Waffen besitzen. Und die wissen nicht, was das wirklich bedeutet und was wir den anderen antun. Wenn wir uns in Deutschland mit dem Waffenrecht richtig auseinandersetzen, dass solche gefährlichen Mordgeräte nicht in den Händen von privaten Menschen sind, dann hat die Polizei, die Eltern und die Politik mehr Zeit, sich auf die anderen Dinge zu konzentrieren: auf illegale Waffen.“

Mehr Sicherheiten einbauen. Das ist das, was sich Katrin Altpeter damals vorgestellt hat. Was sie gefordert hat in ihrem Minderheitenvotum. Auch werden von Kritikern die Kontrollen der Waffenbesitzer als viel zu lasch gesehen. Vielleicht hätte das ja geholfen: allein den Zugang zur Munition zu erschweren.

Waffenlobby

Deutsche Politiker können sich mittlerweile zurücklehnen. Das Waffenrecht ist EU-Sache. So sah es jedenfalls aus. Nach den Pariser Anschlägen vom November 2015 sollten innerhalb der Staatengemeinschaft halbautomatische Gewehre verboten werden. „Doch selbst von den minimalen Veränderungsplänen ist nach dem propagandistischen Dauerfeuer der Waffenlobbyisten nicht viel übriggeblieben“, schreibt der Buchautor und Filmemacher Roman Grafe jetzt in der FAZ.

Alle vier zentralen Forderungen der EU-Kommission in Bezug auf tödliche Privatwaffen drohen zu kippen, heißt es da weiter. Die EU-Innenminister sind dagegen. Halbautomatische Sturmgewehre sollen für Sportschützen weiter erlaubt sein. Ebenso Magazine mit höherer Kapazität. Sportschützen, die damit hantieren, sollen auf ihre psychologische und medizinische Eignung geprüft werden. Aber zuerst war gedacht, dass das für alle Antragsteller auf einen Waffenschein gelten soll, mit regelmäßigen Prüfungen danach.

Auch ist der EU-Binnenmarkt-Ausschuss gegen eine Regelung, wonach die Waffenbesitz-Erlaubnis alle fünf Jahre erneuert werden müsste.

Der Waffenscheinbesitzer kann sich eine Glock 17, die Tatwaffe, aus dem Internet bestellen. Macht 689 Euro zuzüglich Versand.

  • Bewertung
    15
 

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!