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Winnenden „Winnenden liest“: Ein erfrischender Abend

314 Besucher sind in den Schlosspark gekommen zur 13. Auflage von „Winnenden liest“. Sie waren warm eingepackt und hörten bis 21.30 Uhr fünf Lesungen und fünf Musikstücken zu. Foto: Schneider / ZVW

Winnenden. An Hans-Georg Hümmelchen ist ein Schauspieler verloren gegangen. Als Kommissar Kluftinger schnarrt und schnoddert er im Allgäuer Dialekt mit rollendem R. Elegant wechselt er in die anderen Rollen, auch die der Schwiegertochter in spe, mit astreinem Hochdeutsch. Auch alle anderen Auftritte bei „Winnenden liest“ sind erfrischend – nicht nur, weil die Temperaturen im Park auf 13 Grad sinken.

Video: Impressionen von „Winnenden liest".

Richtig toll, wie Sozialpädagoge Hümmelchen, seit 25 Jahren im Klinikum Schloss Winnenden tätig, sein „Heimspiel“ gestaltet. Und dabei den 314 Zuhörern auf sympathische Weise nicht nur den eigenbrötlerischen „Klufti“ näherbringt, der witzig grantelt und in Fettnäpfchen tappt, sondern auch die pointenreiche und flotte Schreibe eines erfolgreichen Autorenduos.

Martina Schrag erzählt und liest locker-flockig aus einem Kinderbuch

Am dicksten eingepackt in Winterjacke, Mütze und Stiefel ist Martina Schrag. Gut so. Die Leiterin der Stadtkämmerei im Rathaus erzählt locker-flockig statt zähneklappernd, mit klarer Stimme und gutem Sprechtempo die Geschichte des zehnjährigen Mädchens Kerstin, das sich im Koffer der Oma als blinder Passagier auf ein Kreuzfahrtschiff schmuggelt. Ihren eigenen Koffer hat Martina Schrag (31) dabei, um dem Publikum etwas fürs Auge zu bieten. „Keine Angst, da ist nicht der Haushaltsplan drin“, sagte sie. Im Koffer stecken moderne Rollschuhe, die das Mädchen in der fantasievollen, witzigen Geschichte mitnimmt. Schade, dass der Autor Christian Bienik im Alter von nur 48 Jahren gestorben ist und seine Bücher nur noch gebraucht erhältlich sind. Doch für Martina Schrag kam kein anderes Lieblingsbuch infrage, da es einen Wendepunkt in ihrem Leben markierte: In der Schule hatte sie ab der dritten Klasse mit ihrer Legasthenie umgehen gelernt und startete durch, das Buch bekam sie zur Belohnung geschenkt. „Leihen Sie es sich in der Stadtbücherei aus“, empfahl sie.

Faszinierendes Sachbuch über Bäume passt zum Schlosspark

Mit der Wirkung von Zirbenholz befasst sich Matthias Klingler seit einigen Jahren nebenberuflich. Für die Bergkiefer hat er mit seiner Frau Jasmin den Laden „Zirbenwald“ eingerichtet. Im Buch des Försters Peter Wohlleben, das der 51-Jährige mit Filzhut im Stil der Bergbauern vorstellt, geht es verständlich und unterhaltsam um mehr als entspannenden Duft: um Bäume als Lebewesen, die untereinander übers Wurzelwerk kommunizieren, einander vor Fraßfeinden warnen oder alte und kranke Nachbarn pflegen. Klingler liest die erstaunliche Information mit angenehmer Stimme und in gut dosiertem Tempo vor. „Pflanzen kommunizieren mit Schallwellen“, erfährt man. Theoretisch sei es möglich, dass Mensch sich mit Bäumen und Sträuchern unterhalten. „Wenn Sie bei Ihrem nächsten Waldspaziergang ein leises Knacken hören, war es nicht nur der Wind“, schließt die Lesung mit einer schönen Formulierung ... was wohl die alten Bäume ringsum dazu gesagt haben?

„Girl from Ipanema“: Lasziv und doch spannungsreich gesungen

Die poetischste Sprache des Abends präsentiert die Künstlerin Wolfhild Hänsch. Der französische Schriftsteller und Filmemacher Marcel Pagnol (1895-1974) erzählt in dem autobiografischen Roman von seiner Kindheit. Die aus Meißen stammende Malerin lässt in ihrer warmen Stimme eine Spur von Sächsisch mitklingen, die ausgewählte Szene ist vordergründig lustig: Der elf Jahre alte Marcel spielt mit einem Mädchen, in das er vernarrt ist, macht alles, was sie verlangt. Als jedoch seine Freunde im Beisein seiner Eltern berichten, dass sie ihn beobachtet haben, wie er auf allen vieren lief, bellte und schließlich sogar auf eine lebende Heuschrecke biss, treten die Unterschiede zwischen der Welt der Kinder und der Erwachsenen zutage, die Wolfhild Hänsch an diesem Buch so fasziniert. Der Vater fragt streng nach, die Mutter kommentiert das Geschehen mit einer düsteren Prognose, dem Jungen wird’s oberpeinlich – bis ihn ein Kumpel aus der misslichen Lage befreit.

Meditativ und fließend liest Waltraud Kischel vor 

„Lesen stärkt die Seele“, sagt Waltraud Kischel am Ende ihrer fließenden, fast meditativen Lesung aus Margot Käßmanns Buch. Die Theologin und Luther-Botschafterin hat sich die Lebensmitte vorgenommen und mehr als einen Ratgeber für 50Plus verfasst. Käßmann macht sich etwa über Alleinsein und Einsamkeit Gedanken – und dass diese Umstände nicht immer und überall negativ besetzt waren wie heute, nicht in der Kunst, nicht in der Religion. „Aus Einsamkeit kann Kraft entstehen, durch die Konzentration auf mich selbst bin ich sicherer geworden“, spricht Kischel, die sich als Vizedirektorin des Hauses im Schelmenholz bald in den Ruhestand verabschiedet, Käßmanns mutmachende Worte.

Für angenehm kurze Moderationen sorgt Willi Halder, erstmals assistiert ihm das Winnender Mädle Leonie König, überreicht den Vorlesern Geschenkkörbe. Die Musiker haben sich dieses Jahr eigens für den Abend zusammengefunden und mit leicht federndem und elegant groovendem Swing die Kühle der Nacht vergessen lassen. Das „Girl from Ipanema“ gelingt Sängerin Sonja Eisenreich so spannungsreich und doch lasziv, dass man an Südamerika denkt und beinahe eine wärmende Schicht ablegt. Aber eben nur beinahe, bei diesem frischesten „Winnenden liest“ der Geschichte.


Die Bücher des Abends:

„Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben; „Kerstin im Koffer“ von Christian Bieniek; Allgäu-Krim, Band 3, „Seegrund“, vom Autorenduo Volker Klüpfel und Michael Kobr; „In der Mitte des Lebens“ von Margot Käßmann und „Kindheit in der Provence“ von Marcel Pagnol.

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