Winnender Dialyse-Patient erzählt Das Date mit der Blutwaschmaschine

Helmut Müller mit Schwester Silvia und Pfleger Wolfgang in der Dialysestation. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Winnenden. Zysten in den Nieren. Genetisch bedingt. Die Diagnose nach dem Fund von Blut im Urin war ein Schock. „Innerhalb von sechs Monaten zur Blutwäsche“ verurteilt zu sein, lässt natürlich wenig Freude aufkommen“, sagt Helmut Müller. Am Sonntag war Müllers „Dialyse-Jubiläum“: Seit 20 Jahren hat er wöchentlich drei Dates in der Dialysestation.

Diese Dates, die Verabredung mit der Blutwaschmaschine, haben allerdings nichts Romantisches: Dreimal die Woche je fünf Stunden auf der Liege, durch Schläuche im Arm fließt das Blut in den Apparat und wieder zurück, auch an Weihnachten und Ostern. „Das ist nichts Alltägliches, das merke ich an Gesprächen mit Nicht-Betroffenen“, erzählt Helmut Müller aus Birkmannsweiler. Er hat bei all der leidigen Pflicht, um die Krankheit in Schach zu halten, das Lachen nicht verlernt und sein Schicksal angenommen.

Von der lebensbedrohlichen Erbkrankheit erfuhr Müller 1987. Sie ist eine der Hauptursachen für chronisches Nierenversagen. „Durch eine Reihe von ernährungsphysiologischen und naturmedizinischen Maßnahmen ist es mir gelungen, die Dialysebehandlung noch zwölf Jahre aufzuschieben“, erklärt er, „doch die Krankheit holte mich 1999 ein.“

Statt Trübsal zu blasen, entschied sich Helmut Müller, die Krankheit anzunehmen. „Ich bin froh, dass die Möglichkeit der erfolgreichen Behandlung besteht“, erklärt er. Da seine Nieren die Blutwäsche nicht mehr im Körper erledigen können, findet sie außerhalb des Körpers statt. Im Dialysegerät, das kurioserweise so groß wie eine Waschmaschine ist. Es entfernt Stoffwechselprodukte aus dem Blut. In den zwölf bis 15 Stunden, die ein Patient wöchentlich im Dialysezentrum verbringt, übernimmt die Maschine die Wochenarbeitszeit der Nieren (168 Stunden).

Er kann noch Auto fahren, soll es aber nach der Behandlung nicht

Früher war Helmut Müllers Behandlung in Backnang, seit fünf Jahren fährt er mit dem Taxi in die Dialysestation im Ärztehaus auf dem Areal des Rems-Murr-Klinikums. Manchmal holt ihn seine Tochter - nach der Behandlung sollen die Patienten nicht mehr Auto fahren. „Ansonsten kann ich das schon noch selbst!“, sagt Müller lachend.

Das Wichtigste für einen Dialysepatienten sei Disziplin, so Müller, „dank einer konsequenten Lebensführung und der Umstellung auf weitgehend vegetarische Ernährung“ gehe es ihm heute so gut. „Im Prinzip ist alles erlaubt, aber nicht in unbegrenzter Menge“, erklärt Schwester Silvia Waldherr-Tzingos, die wir auf der Station treffen. Schlechte Ernährung oder Mangelernährung erhöhten das Risiko, dass es Komplikationen gibt. Darum werde ein Patient individuell beraten. Bei zu viel überschüssiger Flüssigkeit im Körper erhöht sich der Blutdruck, das Herz muss mehr arbeiten. Deswegen sei es wichtig, die tägliche Flüssigkeitsmenge zu beobachten.

Weitgehend vegetarische Ernährung und positives Denken sind wichtig

Und wie kommt Helmut Müller mental mit der bedrohlichen Krankheit klar? Er hält es mit einem Satz des Philosophen Immanuel Kant: „Die Schöpfung verlieh dem Menschen drei Dinge, um über die Mühseligkeiten des Lebens hinwegzukommen: die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen.“ Durch dieses Motto, positives Denken und durch die Unterstützung seiner Familie habe er die Situation in den Griff bekommen. Auch dem medizinischen Personal, das sich rührend kümmert, ist er dankbar. Helmut Müllers Bruder war ebenfalls Dialysepatient. Er lebte 22 Jahre mit der Behandlung. Als er erkrankte, gab es noch nicht so viele Dialyseplätze wie heute, er bekam nur mit Glück einen.


37 Dialysepatienten in Winnenden

Die Niere ist für die Blutreinigung und die Hormonbildung verantwortlich. Sie filtert Stoffwechselprodukte aus dem Blut und kümmert sich um den Erhalt der Knochenfestigkeit und die Blutdruckregulation.

Durch Nierenversagen sammeln sich schädliche Stoffwechselprodukte, der Blutdruck erhöht sich und es gibt Flüssigkeitseinlagerungen.

Die Wahrscheinlichkeit für Nierenversagen steigt mit dem Alter. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen.

In Deutschland gibt es 70 000 bis 80 000 Dialysepatienten, die in rund 1200 Einrichtungen behandelt werden.

In einem Krankenhaus gibt es in der Regel etwa 30 Plätze für Dialysepatienten. Weitere Plätze müssen für Notfalldialysepatienten frei sein.

Bundesweit betreut die Patientenheimversorgung (PHV) 88 Dialysezentren sowie jeweils ein Zentrum in Österreich und der Schweiz.

In Winnenden kommen 37 Dialysepatienten dreimal die Woche in die im Ärztehaus ansässige Dialyse-Station.

Im Oktober 1924 führte Georg Haas die erste Dialyse am lebenden Menschen durch, erklärt Anne Große Vorholt, Abteilungsleiterin Marketing-Kommunikation der Patientenheimversorgung. Die Behandlung dauerte 15 Minuten.

Heute stehen innovative Verfahren zur Verfügung, die eine dauerhaft zuverlässige Behandlung ermöglichen.

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