Winterbach 200 Flüchtlinge ziehen ins Best Western Hotel

Das Best Western Hotel in Winterbach: Derzeit heißt das Schild davor noch Übernachtungsgäste des Hotels willkommen, bald werden die Zimmer von Flüchtlingen bewohnt sein. Foto: Büttner / ZVW

Winterbach. Einen Betreiberwechsel der etwas anderen Art gibt es Ende des Jahres in Winterbach: Das Best Western Hotel gibt aus wirtschaftlichen Gründen auf, stattdessen verpachtet der bisherige Betreiber, die Arcadia GmbH, das Haus an den Landkreis. Der will dort ab Januar Flüchtlinge unterbringen. Die Mitarbeiter wurden von der Nachricht offenbar kalt erwischt.

Am vergangenen Sonntag teilte die Geschäftsführung der Arcadia GmbH, die das Best Western in Winterbach betreibt, den 20 Mitarbeitern des Hauses bei einer Betriebsversammlung mit: Am 30. November ist Schluss. Sie erfuhren das, was am Donnerstag Geschäftsführer Rainer Werdel auch auf Nachfrage unserer Zeitung öffentlich gemacht hat. Aus seiner Pressemitteilung geht zum einen zwischen den Zeilen hervor, dass das Hotel schon bessere Zeiten gesehen hat. In der Summe, so wird Werdel am Telefon deutlicher, seien die Gästezahlen zu niedrig gewesen. Das Hotel hätte zwar keine roten Zahlen geschrieben, aber auch keinen Gewinn abgeworfen.

Dazu kam nun ein zweiter Umstand: Den Namen Best Western darf das Hotel tragen, weil die in Winterbach ansässige Arcadia GmbH eine Kooperation mit der Hotelkette eingegangen ist, eine Art Franchise-Vertrag. Dieser hätte jetzt erfordert, dass das Hotel renoviert und umgebaut wird, um es an die aktuellen Standards anzupassen, die Best Western vorgibt. Das Haus mit seinen 62 Zimmern sei Baujahr 1993 und in die Jahre gekommen, sagt Rainer Werdel.

Wegen fehlendem Investor ging der Betreiber auf den Landkreis zu

Es gab dann Planungen für einen groß angelegten Umbau oder sogar Neubau des Hotels. Damit hatte sich bereits vor einem Jahr auch der Technische Ausschuss des Gemeinderats beschäftigt. Doch wie Rainer Werdel jetzt mitteilt, fiel einer der Investoren für das Projekt krankheitsbedingt aus. Bis heute fand sich dafür kein Ersatz. Und Fakt ist laut Werdel: „Ohne einen Kooperationspartner kann man ein Hotel in der Größenordnung an diesem Standort nicht wirtschaftlich betreiben.“ Sprich: Ohne den Namen Best Western, ohne die Marketing-Instrumente des Konzerns, ohne die Anbindung an Reservierungssysteme, geht nichts. Die Gäste kamen laut Werdel vor allem aus dem Unternehmensbereich, auch Veranstaltungen von Firmen fanden im Hotel statt.

In dieser Situation – ungewisse Zukunft, fehlender Investor – ging Rainer Werdel auf den Landkreis zu. Die Verpachtung läuft laut Rainer Werdel für fünf Jahre. Für diese Zeit kann er mit einer sicheren Einnahme durch die Pachtzahlungen des Rems-Murr-Kreises rechnen. Wie hoch diese sind, dazu wollten beide Seiten auf Nachfrage nichts sagen. Man habe Vertraulichkeit vereinbart, heißt es von Werdel.

Für beide Seiten, die Arcadia GmbH, sowie den Landkreis ist das Ganze eine gelungene Vereinbarung, die den Interessen beider hilft. Für die Mitarbeiter des Hotels, die am Sonntag erfuhren, dass sie sich einen neuen Arbeitsplatz suchen müssen, ist es dagegen ein Schock. Manche arbeiten viele Jahre im Haus, andere sind mitten in der Ausbildung. Dem Vernehmen nach gab es für sie vorher keine Anzeichen, dass eine Schließung des Hotels bevorstehen könnte. Im Gegenteil hätten die Umbaupläne Hoffnung für die Zukunft gemacht.

Mehr als ungut kam bei einigen zudem der Zusammenhang an, dass Flüchtlinge in das Hotel einziehen sollen. Haben sie ihre Jobs verloren, damit Platz für Flüchtlinge ist? Nein, sagen Rainer Werdel und das Landratsamt übereinstimmend. Den Zusammenhang dürfe man nicht herstellen. Auch ohne die jetzt gefundene Lösung hätte man sich in den kommenden sechs Monaten Gedanken über eine Schließung machen müssen, sagt Werdel. „Sogar mit einer großen Renovierung hätten wir sechs bis acht Monate zumachen müssen“, so der Geschäftsführer. „Da hätten wir auch Alternativen für die Mitarbeiter finden müssen.“

Das habe er jetzt auch allen Mitarbeitern zugesichert: dass die Firma sich um sie kümmere. „Wir sind aktiv dabei, für jeden eine Alternative zu finden. Wir setzen sie nicht auf die Straße“, sagt Rainer Werdel. Für mehr als die Hälfte der 20 Mitarbeiter hätte man bereits Vorstellungsgespräche für neue Jobs organisiert. Die möglichen neuen Arbeitstellen seien in der Region. Einer der Mitarbeiter komme auf eigenen Wunsch in einem anderen von Arcadia betriebenen Hotel in München unter. Die Gesellschaft betreibt in Deutschland und Österreich insgesamt vier Hotels.

Er habe Verständnis für manche emotionale Reaktion, sagt Geschäftsführer Werdel: „Die Mitarbeiter können nichts für die Situation.“ Was nach den fünf Jahren Nutzung als Flüchtlingsunterkunft sein wird, das steht für ihn noch nicht fest. Gibt es vielleicht wieder ein Hotel? „Das hängt dann von der Situation ab, aber es ist immer noch ein Projekt, dass hier vielleicht wieder was entsteht“, sagt er.

Das sind die Pläne des Landratsamts

Die Pressesprecherin des Landkreises, Marie-Christine Scholze, spricht von 180 bis 200 Flüchtlingen, die nach derzeitigem Stand der Planungen im Gebäude des Best Western Hotels Platz finden könnten – „vielleicht mehr“. Sie sollen aller Voraussicht nach im Januar einziehen.

„Wir sind dankbar, dass wir so eine gut erhaltene Immobilie bekommen“, sagt Scholze. Es seien nur kleinere Umbaumaßnahmen nötig. So müsse man eventuell Küchenzeilen für die neuen Bewohner einbauen. Die Detailplanung sei allerdings noch in Arbeit.

Die anderen drei Standorte für Gemeinschaftsunterkünfte des Landkreises, die im Gespräch waren und bei einer Infoveranstaltung Ende September vorgestellt wurden, sind derzeit nach Angaben des Landratsamts nicht mehr auf der Liste der aktuellen Planungen für die nächsten paar Wochen. Die ehemalige Druckerei in der Neuen Gasse und die Tennishalle bei Sport Schwab sind laut Pressesprecherin Scholze „derzeit zurückgestellt“. Geprüft werde noch die Möglichkeit des Gewerbegrundstücks in der Fabrikstraße, wo Container aufgestellt werden könnten.

Mehr Informationen zum aktuellen Stand, vor allem was das Gebäude des Best Western angeht, soll eine Infoveranstaltung am 10. Dezember liefern. Ort und Uhrzeit werden noch bekanntgegeben.
Bürgermeister Albrecht Ulrich begrüßt die Entwicklung, dass es in Winterbach mit dem Hotel eine andere Lösung als die bisher angedachten gibt. „Den Standort halte ich für geeigneter als zum Beispiel die Neue Gasse“, sagte er unserer Zeitung. Gerade der Standort sei umstritten.

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