Coronavirus im Rems-Murr-Kreis Kommentar: Alle mal locker machen

Aus dieser Krise kommen wir nur gemeinsam wieder raus, findet ZVW-Redakteur Reinhold Manz. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Winterbach.
Hetzer, Ignoranten, das Allerletzte, widerlich, erbärmlich, ekelhaft, ungebildetes Volk, widerliches Pack, dummes Gesindel ... das ist eine Auswahl aus der Lawine von Beschimpfungen, die der Artikel unserer Zeitung über den Fall einer Coronavirus-Infizierten aus Winterbach lostrat, als er auf Facebook veröffentlicht wurde. Viele zeigten sich erschüttert und traurig darüber, was die Frau an Ausgrenzung und Mobbing erleben musste.

Traurig stimmt aber auch die Wut- und Hasswelle, die jetzt zurückschwappt und über diejenigen hereinbricht, die zuvor gemobbt und ausgegrenzt haben.

Ja, wie sich manche Mitmenschen gegenüber der Frau verhalten haben, war indiskutabel, es war verwerflich, und ja: Viele dürfen sich zu Recht in Grund und Boden schämen. Bedenklich ist aber, dass nun viele meinen, das kritikwürdige Verhalten anderer mit der gleichen Niedertracht beantworten zu müssen. Die ihrerseits beleidigen, herabwürdigen und ohne Rücksicht auf Verluste anprangern. Manche gehen sogar so weit, alle Winterbacher über einen Kamm zu scheren und in Kollektivhaftung zu nehmen. Alles Gesindel.

Vereinzelte Stimmen der Vernunft gibt es dabei auch. „Nichts verstanden“, meint eine Kommentatorin des Artikels auf Facebook. Ein anderer verweist auf „Hochspannung“ in der Ausnahmesituation und Informationen aus dem „Buschfunk“, die zu der Überreaktion geführt hätten. Er schließt: „Wenn ich die Kommentare hier lese, sind die am Ende auch nicht besser. Tolles Gefühl, den Moralapostel rauszukehren.“ Seine Empfehlung: „Alle mal locker machen wieder.“

Dem gibt es eigentlich wenig hinzuzufügen. Vielleicht noch, dass sich der Verfasser dieser Zeilen keineswegs selbst über alle zum Moralapostel erheben will. Auch die nicht immer ganz präzise Berichterstattung in unserer Zeitung hat wahrscheinlich zur Eskalation beigetragen. Aber wir berichten mit den Informationen, die uns zur Verfügung stehen. Und auch wir und die Behörden, von denen viele Informationen stammen, arbeiten in einer Ausnahmesituation.

Am Ende gilt für alle: ruhig bleiben, lieber noch einmal durchatmen und in sich gehen, bevor man schreibt, kommentiert und ohne Sinn und Verstand Menschen verletzt. Wir sind derzeit alle mehr oder weniger hilflos, ängstlich und angespannt. Wir sitzen alle im gleichen Boot, auch wenn es sich durch die derzeitige Isolation, in die wir uns begeben mussten, nicht so anfühlt. Aus dieser Krise kommen wir nur gemeinsam wieder raus.



 

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