Winterbach Bilanz des Winterbacher Zeltspektakels

Das Winterbacher Publikum freut sich auf das Zeltspektakel. Foto: Büttner / ZVW

Winterbach. Fast 18 000 Besucher, allein im Zelt. Mit dem Biergarten-Publikum, das ja extra Bands vorgesetzt bekam, sind es noch viel mehr. Das Winterbacher Zeltspektakel übertrifft sich mal wieder selbst, und das drückt sich nicht nur in Zahlen aus.

Steffen Clauss, der Obermacher, an dem so vieles hängt, zu dem so vieles drängt, ist platt. Wie so viele Helfer jetzt am Tag danach. Aber es arbeitet weiter in ihm. Er ist kein Mann des großen oder gar übertriebenen Worts. Ihn freut einfach, dass sich verstärkt junge Leute zu Diensten einteilen lassen. „Da wächst was nach“, beobachtet er und schielt dabei auch auf die Vereinsarbeit ansonsten. Im nächsten Jahr stehen 25 Jahre Kulturinitiative Rock Winterbach an, was dem Verein die Ruhepause verkürzt. Clauss weiß, „wir werden alle älter“. Viele gehen auf die 50 und auf die 60 zu. Aber nun „die vielen jungen Helfer“, das lässt ihn an die Zukunft des Vereins Idee glauben.

Wenn es nicht schon das übliche Bild wäre, man würde es nicht glauben. Ein Verein stemmt mit fast ausschließlich Ehrenamtlichen ein achttägiges Festival, das Größen der internationalen Musikwelt an die Rems bringt. Und wieder kann Clauss sagen, es ist eigentlich alles gelaufen wie geplant und erhofft. Keine Krise, nichts Schlimmes, nicht mal Leute, die in der Hitze und Schwitze des Zeltes umgefallen sind. Die Rot-Kreuzler, sagt Club-Fotograf Thilo Ortmann, waren ganz baff, dass selbst am Freitag, als Dieter-Thomas Kuhn in der totalen Schwüle sein gewissermaßen selbst schwüles Programm abzog, niemand mit letzter Kraft „Wasser“ rufen musste. Lediglich in einem Fall musste aus professioneller Helfer-Hand die Flasche gereicht werden. Das war’s.

Das Winterbacher Publikum scheint vernunftbegabt zu sein. Das ist nicht selbstverständlich. Mittlerweile kann man auf Konzerten den Eindruck haben, dass die Konzertgänger selbst nur die Sticks sind, mit denen Smartphones und Tablets in die Höhe gehalten werden. Ein Konzert gilt offenbar nur dann als erlebt und beglaubigt, wenn es zur eigenen Statuserhöhung sofort gepostet und geteilt wird. Und so ist der Konzertgänger alten Schlags meist umgeben von einem Wald von technischen Geräten, er sieht die Bäume nicht mehr. Das Management von Procol Harum und Jethro Tull bat die Winterbacher, doch eine Bitte ans Publikum zu richten. Bei den ersten drei Liedern dürfe das Smartphone gezückt werden, hernach aber soll es in der Tasche verschwinden. Eine Regelung, die für Pressefotografen schon lange gilt und jetzt erst dringliche Notwendigkeit erfährt – weil die Musiker mehr und mehr auf eine Wand an Apparaten schauen. Die Bitte wurde befolgt. Beim Abend mit Clueso & Joris beließ es das Publikum sonderbarerweise ebenfalls weitgehend bei der Wahrnehmung mit dem Sinnesapparat, den der liebe Gott oder sonst ein Weltengeist uns mitgegeben hat. Ohne Aufforderung, und dies bei deutlich jüngerem Altersschnitt. Aber vielleicht gibt es auch ein generelles Umdenken. „Ich glaub, das nervt die Leute inzwischen selber“, meint Fotograf Ortmann.

Kleiner Kult um die Person: Das sagenhafte Ehrenamt

Es ist die Gemeinschaftsleistung, die Winterbach möglich macht. Einige aber bringen Überdurchschnittliches, Außerordentliches. Da wäre zum Beispiel Gernd Juhnke, der Wirtschaftsführer. Herr über einen Biergarten mit 2000 Sitzplätzen. Dieser Job wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Er ist gelernter Mechaniker. Er hat die Schichten einzuteilen, heuer waren es 1400. Vom Platzanweiser bis zum Mundschenk. Die Getränkeausgabe führt der Verein ja in Eigenregie, nur das Essen wird vergeben. Das sichert moderate Preise. Beim Getränk selbst, drei Euro für eine Halbe oder ein Weizen. Sowie bei den Tickets, der Getränkeverkauf arbeitet dem Etat zu. Freilich, das alles ins Laufen zu bringen fordert von ihm drei Wochen Urlaub. Wer hängt sich so in einen Verein rein?

Steffen Clauss, der Vorsitzende, betont die Gemeinschaftsleistung: „Wir alle zusammen“, das sei das Geheimnis. „Das ist nicht bloß die Vereinsführung, wir tragen das alles auf viele Schultern.“

Der Werber spricht

Bernd Waldheim ist ein wichtiger Mann im Team. Er ist der Werber, der PR-Mann, der Kontaktanbahner zu den Sponsoren und zum SWR. Er ist der Vollprofi. Und er könnte es sich mit seiner Agentur gar nicht leisten, das alles ehrenamtlich zu absolvieren. Es ist längst hierfür viel zu viel geworden, man schaue sich die professionelle Präsentation ja nur mal an. Bernd Waldheim ist Werber. Die übertreiben gerne, aber der Kern der Botschaft sollte stimmen. Er sagt: „Wir arbeiten alle für Steffen Clauss.“

Das war schon früher so. Dass ihm, dem Obermacher, Steffen Clauss, das noch nicht zu Kopf gestiegen ist, erklärt wiederum, warum es immer noch geschieht. Wenn jemand Personenkult verträgt, dann ist’s er.

25 Jahre Kulti

Es wird ein Zeltfestival 2017 geben. Der Zwei-Jahres-Turnus ist längst die Regel, er gilt seit 2007. Den Abstand vergrößern will die Kulturinitiative nicht. Sonst gehe das Festival im Gedächtnis verloren, befürchtet Steffen Clauss. Nächstes Jahr muss was Besonderes her fürs Vereinsjubiläum, 25 Jahre Kulti.

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