Winterbach Bilder: Beth Hart und JJ Grey & Mofro

Winterbach. Das sympathischste Festival zwischen Mississippi und Jangtsekiang ist zu Ende, das Winterbacher Zeltspektakel vorbei. Einen würdigen Kehraus spielten Beth Hart und JJ Grey & Mofro.

Die Steelgitarre seufzt, die Mundharmonika sehnsüchtelt, das Schlagzeug stippt, die Bläser malen Töne lang wie Flugzeugkondensstreifen an den Zelthimmel – angenehm melancholisch fühlst du dich, während JJ Grey & Mofro spielen, es hört sich an, als gehe grade etwas zu Ende, und wie immer, wenn etwas Schönes ausklingt, befällt dich diese Wehmut, bevor es überhaupt richtig vorbei ist: All die Nächte, durch die sich übermüdete Helfer gekämpft haben, bis sie Augenringe bekamen, die aussehen wie die dunkle Seite des Monds – gleich vorbei. Das gelassene Treiben zwischen Ständen, Grills und Strohballen, die Tanzenden, Klatschenden, Mitsingenden, Knutschenden im Zelt – gleich vorbei. Die Leute hinten auf der Sitzplatztribüne, die sich in den ersten heißen Tagen mit den Programmheften Luft zufächelten wie eine Schar Gläubige in einer schwitzigen Südstaaten-Gospelmesse – gleich vorbei.

Die Bläser tupfen ihre Farben jetzt auf den Off-Beat, der Schlagzeuger baut mit einem langen Wirbel dem Gitarristen eine Abflugrampe: ein loderndes Solo. Und du fragst dich wieder mal, wie schon oft bei Winterbacher Konzerten: Wie kommt es bloß, dass das Publikum hier so anders ist? Egal, wer spielt, es ist aufnahmebereit und begeisterungsfähig, achtet und feiert jede Vorband, gibt Szenenapplaus an den richtigen Stellen, quatscht bei leisen Passagen nicht dazwischen, reckt nicht penetrant die Smartphones, als sei ein Ereignis bloß wirklich, wenn man es am anderen Tag posten kann, sondern huldigt dem Moment. Vielleicht ist es ein Akt der Ansteckung, vielleicht haben sich die Leute infiziert an der Leidenschaft, dem Gemeinschaftsgefühl, der unersättlichen Musikliebe dieses sagenhaften Ehrenamtsvölkchens von der Kulturinitiative Rock; am Winterbacher Geist.

Während auf der Bühne der Südstaaten-Eintopf mit Schweinefüßen und Okra-Schoten, Bluespfeffer und Soulsalz köchelt und blubbert, flirren Anekdoten vorbei, die du aufgeschnappt hast: die zwei netten Alten von Status Quo, die schon einen Tag früher angereist waren – am Vorabend ihres Auftritts nuckelten sie im Spektakelgarten bescheiden ein Bier; Clueso – nach dem Konzert habe er drei Mädchen abgeschleppt!, sagen die einen, ach nein, berichten andere, er habe sich bloß mit ihnen unterhalten; Patti Smith, hinter der Bühne – New York sitzt in Winterbach auf einer Bierbank.

JJ Grey & Mofro haben sich mittlerweile in einen Funkgroove reingeschafft, das Clavinett stichelt, ein Trompetensolo schraubt sich hinauf Richtung Schurwald. Schön, dass die von der Ini auch so was ins Programm packen, neben all den Berühmtheiten: eine Band, die vorher keiner gekannt hat und danach keiner vergisst.

Wenn sie singt, wagst du keinen Widerspruch

Beth Harts Stimme ist ein Naturwunder. Ihre rauchige Präsenz in den tiefen Lagen: beeindruckend – aber wenn sie sich hochschwingt, klingt sie wie glitzernder Stahl, so dermaßen da, als habe jemand das Licht angeknipst. In keinen hohen Ton mogelt und schleift sich Beth Hart von unten her rein, zu keinem quält sie sich rauf, die Gipfel erklimmt sie mit einer Mischung aus wuchtiger Autorität und schmetterlingshafter Mühelosigkeit. Wenn die Frau ihre Stimme erhebt, wagst du keinen Widerspruch.

Die Band spielt geraden amerikanischen Herzlandrock mit hier und da etwas Melodrama, das Beth Hart am Flügel anschlägt, ab und zu souligen Sechs-Achtel-Takt-Arpeggien auf der Tremolo-Gitarre, da und dort Dramaturgien aus Stopp, Mitsingspielchen, Wiedereinsatz und donnernder Gitarrencoda. Und irgendwann, mitten im Konzert: eine Szene, typisch für Winterbach. Ein Lied endet, langer Beifall brandet und scheint endlich abzuebben, die Band will den nächsten Song einzählen – aber das Publikum kriegt den zweiten Wind, das Klatschen und Schreien schwillt neu auf, als sei der Auftritt vorbei und der Kampf um die Zugaben eröffnet. Wen feiern die Leute? Die Sängerin und ihre Band? Sich selber? Das Festival? Die wahnsinnigen Schaffer, die all das möglich gemacht haben? Den Augenblick? Alles zugleich.

Draußen nieselt es jetzt, das Ende ist nah. Patti Smith? War beeindruckend. Dieter Thomas Kuhn? Eine Party. Status Quo? Wer könnte ihnen böse sein. Aber der Höhepunkt dieser acht Tage war nichts von alledem. Der Star war acht Tage lang das Zeltspektakel selbst.

  • Bewertung
    4
 

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!