Winterbach Bilder: Clueso auf dem Zeltspektakel

Winterbach. Was der Deutsch-Pop alles transportieren kann, welche Gegenstände des Gefühlshaushalts, das zeigte das vorletzte Konzert beim Winterbacher Zeltspektakel. Viele, vor allem auch Frauen, folgen Clueso und Joris beim Gang zu den Speisekammern der seelischen Labsal.

Vor dem Zugabenblock drehen Clueso und Band auf. Irrlichternd tapst das grelle Weißlicht im Publikum umher. Wen der Strahl trifft, der ist geblendet. Auch von der Schönheit der Musik, wenn zuvor eigentlich unvereinbare Elemente in Cluesos Kosmos zu einer Supernova explodieren. Zwei Stunden lang hat er ja alles zusammengezwungen, was eigentlich nicht auf eine Bühne passt. Die warme Posaune der Verkündigung, die Lagerfeuergitarre, den spacigen Sound des Synthie, das Gequetsche und Geschlurfe des DJs am Plattenteller. Den Rap, mit dem ja eigentlich immer was Hartes assoziiert wird. Sowie die Klampfe des Romantikers. Hier aber nun, in den letzten Minuten, ereignet sich eine neue Heftigkeit bei Clueso, der selbst ein ganz Zarter ist. Manche sagen auch: ein Langweiler.

Hier zeigt er kurz, dass er, der Mann aus Erfurt, das auch kann: Überwältigungshypnose à la Rammstein samt Anfangsverdacht auf Riefenstahl-Ästhetik. Ist aber sicherlich erlaubt: so viel herrliche Prügelei auf jedwedes tongebendes Material, so viel Taumel der Seligen und selig Abtanzenden unten. Das muss erlaubt sein. Ist ja fein dosiert. Und wird sofort wieder konterkariert mit dem ersten Zugabenlied. Da steht er im Scheinwerferkegel erneut mit nichts als der Lagerfeuergitarre und zeigt: Ja, er, der zwar unrasierte, aber doch so nette junge Mann von nebenan kann einem die Härchen aufstellen. Es reichen ihm sechs effektvoll angeschlagene Saiten. Dazu seine Allerweltsstimme. Aber man übersehe dabei eines nicht: den Texter im Songschreiber.

Langweiler oder herrlich herrschaftsfreier Vorbeter?

Den Schlüssel zum Aufschließen des Clueso-Reiches liegt in dem, wie er die Saiten des Inneren anschlägt. Im ewigen Brausen der Stimmungen und Befindlichkeiten ist er nicht der, der behauptet, nur er könne einem aus der Seele sprechen. Clueso bietet sich an als Stichwortgeber zum Selberdenken und Selberfühlen. Er ist nicht der Macker. Er ist auch eine Fehlbesetzung für jede Talkshow. Zu oft gibt er dem Vorredner recht.

Aber wenn die Generation der Selbstoptimierer wider Erwarten nicht mehr weiter weiß, dann hilft Cluesos Bauchladen voll mit bunten Assoziationsbausteinen. Samt Aufforderung: Hier, bedien dich. Im bejubelten Song „Freidrehen“ heißt es: „Wir wollen, dass unsere schlechtesten Tage so wie heute sind. Festplatte formatieren. Neustart.“ Freidrehen heißt für ihn: „Die Dinge nicht benennen“. Sonst jagt man die Dinge nur in den Winkel, wo man nicht mehr hinkommt.

In „Du bleibst“ geht es um das Abschiednehmen, es ist unter all den schlechten SMS an die Verflossene sicherlich die bessere: „Ich nehme dich noch mal in den Arm und lass es zu. Ganz egal, wohin du gehst und was du tust. Du bleibst. Nimm mich noch mal in den Arm und lass es zu.“

Draußen vor dem Zelt sitzen die ganze Zeit über zwei Frauen auf einem Strohballen. Sie haben sich keine Karten gekauft. Aber sie wollten Joris nahe sein, dem Mann aus dem Vorprogramm, der selbst für viele ein großer Act ist. Sie wollen ihn hören, wie gedämpft und verzerrt auch immer.

Wie heißt es bei ihm, dem Dichter von „Herz über Kopf“: „Immer wenn es Zeit wird zu gehen, verpasse ich den Moment und bleibe stehen.“

Das darf man sich zusammendenken und hat dann einen komplett runden Konzertabend. Samt Material für den Nachhauseweg. Das ist nicht wenig.

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