Winterbach Die Mitfahrbänkle: Trampen mit System

Erst mit herausgestrecktem Daumen bietet sich eine Mitfahrgelegenheit nach Manolzweiler an. Foto: ZVW/Alexandra Palmizi

Winterbach. Von Winterbach den steilen Hang hoch zum Teilort Engelberg oder gar ganz nach oben nach Manolzweiler – nicht jeder mag oder kann diese Strecke zu Fuß bewältigen. Eine regelmäßige Busverbindung rentiert sich offenbar nicht, stattdessen stehen in den drei Orten jetzt Mitfahrbänkle. Ob man damit wirklich schnell und sicher von A nach B kommt, haben wir ausprobiert.

Gerade mal viermal fährt werktags die Buslinie 106 den Engelberg hoch: der erste Bus um kurz vor acht Uhr, der letzte um kurz vor vier Uhr am Nachmittag. Die Zeiten sind so gewählt, dass sie sich mit dem Schulbeginn und -ende an der Engelberger Waldorfschule decken. Ohne die beförderungsbedürftige Schülerschar würden sich die Fahrten nämlich kaum lohnen.

Seit Anfang 2018 hat die Winterbacher Verwaltung deshalb vier „Mitfahrbänkle“ aufgestellt, die die Teilorte Engelberg und Manolzweiler besser an die Gemeinde anbinden sollen. Die Theorie dahinter ist denkbar einfach: Die Bänkle sind durch ein gut sichtbares, gelbes Schild mit einem ausgestreckten Daumen darauf gekennzeichnet; wer dort sitzt, signalisiert den vorbeifahrenden Autofahrern damit: „Ich will mit.“

Gemeinde sammelt keine Nutzungsdaten für die Bänkle

Bis jetzt gab es bei der Gemeinde keine negativen Rückmeldungen zu diesem Angebot. „Wir bieten den Bürgern einfach diese Möglichkeit an“, so Katharina Klafs, stellvertretende Hauptamtsleiterin der Gemeinde Winterbach. Ob und wie die Mitfahrbänkle funktionieren, darüber sammelt man bei der Gemeinde keine Daten.

Etwas mehr kann der Engelberger Gemeinderat Jürgen Nachtrieb dazu sagen: Immerhin wohnt er direkt gegenüber von einem der beiden Engelberger Bänkle und hat auch selbst schon Leute mitgenommen. „Es sind nicht viele, aber die, die sitzen, werden mitgenommen“, so sein Eindruck. Er habe es auch schon erlebt, dass er angehalten habe und die Leute auf der Bank ganz erschrocken seien: Die wollten sich auf der Bank einfach nur ausruhen und gar nirgends hinfahren. „Bis jetzt gab’s keine Probleme mit den Bänken – nur, dass manche ab und zu mal zu lang sitzen, bis sie jemand mitnimmt“, so Nachtrieb.

Auf den Engelberg oder gleich nach Manolzweiler – ein Selbstversuch

Wie lang es wirklich braucht, bis jemand an einem der Bänkle anhält, will ich jetzt herausfinden. An einem Dienstagnachmittag setzte ich mich deshalb auf das Mitfahrbänkle in der Winterbacher Bahnunterführung. Ich möchte auf den Engelberg oder sogar gleich nach Manolzweiler, mal sehen, wie weit ich komme.

Ein paar Bedenken habe ich bei der Aktion schon. Immerhin wohne ich hier nicht, ich kenne die Autofahrer nicht, diese mich auch nicht. Nicht zuletzt hallt mir die besorgte Warnung meiner Mutter in den Ohren, die mir immer gesagt hat, wie gefährlich es sei, als junge Frau zu Fremden ins Auto zu steigen. Andererseits hat mich das in der Vergangenheit auch nicht immer vom Trampen abgehalten, gerade hier den Engelberg hoch. Außerdem: Ein Mitfahrbänkle zu benutzen ist ja eigentlich nicht Trampen – oder etwa doch?

Wenn hier ein Bus steht, hält natürlich keiner an

Allerdings bin ich natürlich so gut wie nur möglich abgesichert: Unsere Fotografin sieht ja, in welches Auto ich steige, auf einem Parkplatz in der Nähe sitzt mein Freund in unserem Auto, um mich dann von meiner Endstation abzuholen und nach Hause zu bringen, somit jederzeit erreichbar. Also, weshalb mache ich mir eigentlich überhaupt Gedanken?

Das Timing für meinen Selbstversuch ist leider nicht ganz ideal. Gerade als ich mich setze, hält ein Bus in der Haltebucht und der Fahrer macht erst mal ein Viertelstündchen Pause. Wenn hier ein Bus steht, hält natürlich keiner an. Nach einer Weile fährt der Bus jedoch weiter und ich frage mich jetzt: Daumen raus, oder nicht?

Eigentlich übernimmt das ja die Bank für mich. Aber ich sehe die leicht irritierten Blicke der Autofahrer, die langsam aus dem Kreisverkehr heraus an mir vorbeifahren, ohne zu wissen, ob ich mitfahren will, oder ob ich hier einfach nur so zum Spaß sitze. Nach einigen Minuten vergeblichen Wartens, ohne dass ein Auto hält, ändere ich meine Strategie: Nach bester Tramper-Manier halte ich den Daumen raus – und siehe da, schon wenige Autos später hält jemand an. Ich frage den Fahrer, ob er auf den Engelberg oder vielleicht sogar nach Manolzweiler fährt, ihm ist beides recht. Los geht’s also.

Meistens von „unten“ nach „oben“: „Ich nehme öfters jemanden mit.“

Mein Fahrer ist Murat Sevsay aus Ebersbach. Er arbeitet in Geradstetten und fährt die Strecke somit jeden Werktag hin und zurück. „Ich nehme öfters jemanden mit, morgens auch oft vom Engelberg nach Winterbach“, erzählt er. Die meisten Leute stehen seiner Erfahrung nach aber tatsächlich unten und wollen nach oben. Für Murat Sevsay ist es selbstverständlich, dass er auf seiner Fahrt Leute mitnimmt. Er macht sowieso auf der Weiterfahrt noch einen Abstecher nach Plochingen, dort holt er immer seine Frau von der S-Bahn ab.

Die Manolzweiler Bank hat er jedoch noch nie angefahren, diese steht ja auch etwas abseits von der stark befahrenen Strecke, eben am Ortseingang des Dorfes. Ich verabschiede mich dort von meinem sympathischen Fahrer. Jetzt, gut zehn Minuten, nachdem ich in Winterbach den Daumen rausgehalten habe, stehe ich zwischen schwäbischen Vorgärten und einer verwaisten Pferdekoppel, mit bester Aussicht aufs Remstal.

Der Standpunkt des Manolzweiler Bänkles ist etwas ungünstig

Ich bin allerdings froh, dass ich mich hier abholen lassen kann. Die meisten durchfahrenden Autos haben nämlich Göppinger oder Esslinger Kennzeichen, hier ist es mit der richtigen Richtung nicht mehr so einfach wie in Winterbach.

Während ich warte, kommt außerdem oft minutenlang kein einziges Auto vorbei. Dazu kommt der etwas ungünstige Standpunkt des Manolzweiler Bänkles: einige Meter hinter dem Ortsschild, genau da, wo die Autofahrer so richtig schön aufs Gas drücken.

Andererseits: Wenn hier eine alte Dame oder ein alter Herr säße oder die Witterung dementsprechend unzumutbar wäre, würde hier bestimmt trotzdem jemand halten, da bin ich mir sicher.


Das Fazit des Tests:

Schnell von A nach B gekommen bin ich mit dem Mitfahrbänkle definitiv – wirklich anders als das herkömmliche Trampen auf dieser Strecke ist das Ganze jedoch nicht: derselbe Ablauf, dasselbe Risiko sicherlich auch. Nur eben gesellschaftlich besser anerkannt.

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