Winterbach Amy MacDonald eröffnet das Zeltspektakel

Winterbach. Jetzt macht sie auch schon Witze auf ihr Alter, auf das bisschen Alter. Amy MacDonald hebt inmitten ihres Auftritts beim Zeltspektakel die Tasse hoch. Jawoll, da sei Tee drin, früher war ihr Betriebsstoff ja eher Whiskey. Der Hauptbetriebsstoff der bald 30-Jährigen aber ist der Applaus. Und den gab’s teetassenüberbordend, auch wenn selbst das In-die-Hände-Klatschen im Zelt den Schweiß treibt.

Da steht sie vorne, die Klampfe fest im Griff, dieses Persönchen, auf Plateauschuhen erhöht und im luftigen Hemd. Die Amy hat im vorigen Jahrzehnt viele Menschen begleitet, die überhaupt erst einmal erwachsen werden mussten. Auch in Winterbach, es kann gar nicht anders sein, ist „This is the Life“ der meistumjubelte Song, er muss kommen. Es ist ihr, wie die Briten sagen, Coming-in-Age-Song, in denen sich die Zeilen einer jungen Stromerin finden: „Und wenn Du morgens aufwachst, hast Du einen dicken Kopf. Wo gehst du hin und wo wirst du heute Nacht schlafen?“

Jetzt, nach unzähligen Konzerten, nach riesigen Touren, eine halbe Generation später, hebt sie im Winterbacher Zelt die Tasse hoch. Sie sei übrigens auch am Merchandising-Stand zu haben. Aber das ist jetzt der trockene schottische Humor, und keine billige Verkaufe. Kann gar nicht anders sein.

Diese Konturen schärfende Stimme

Von Joe Cocker hat man mal gesagt, er greife zu seinen Liedern wie der Trinker zur Flasche. Amy MacDonald hat einen allemal festen Zugriff auf ihre Songs mit einer festen konturengebenden, berückenden Stimme. Sehr kompakte Dreiminüter sind das, live allemal rockiger und kantiger gespielt als auf Platte. Die ganz ruhigen Stücke, so wie das härchen-aufstellende „Never too late“ nur mit Keyboarder, sind nur Einstreusel.

Sie steht vorne, vom Lichtmann immer punktscharf ausgeleuchtet, der überhaupt ihr größter Fan sein muss, so wie er bei jedem Titel mitwogt. Die Band ist super eingespielt, aber es gibt für sie keine Ausflüge, keine Jam-Sessions im Stück, so wie ja oft Live-Auftritte ausgeweitet werden. Lieber steht sie vorne hin und erzählt noch ein bisschen was von sich. Dass das Freiburger Publikum zuvor ganz brutal abging und damit die Messlatte hochgehängt hat. Und wenn wir nicht gleich richtig abgehen, dann habe das wohl was mit ihrem strengen Schotten-Akzent zu tun. Wobei: das Winterbacher Publikum steigerte sich. Möglicherweise haben wir am Ende die Badener geschlagen.

Im Salon des 19. Jahrhunderts

Ja, ein harter Zugriff aufs Songmaterial. Aber der Romantik-Faktor stellt sich trotzdem ein, allein durch den Blick auf die Bühne. Im Hintergrund, formatfüllend, der Faltenwurf eines roten Samtvorhangs. Ein Blick wie ins Boudoir aus dem 19. Jahrhundert? Dort, wo sich die Dame des Hauses zwischen Esszimmer und Schlafgemach niederlässt. Riesige Lampen im Vintage-Look mit warmem Licht strahlen ins Publikum, und haben für die armen Performer auf der Bühne die Temperatur womöglich nochmals angeheizt.

Die Lampen wirken freilich auch wie riesige Augen Richtung Zeltdach und raus ins All. Denn das Mädchen Amy MacDonald ist längst gereift zur kompletten Künstlerin, die Verantwortung nicht länger nur für sich übernehmen will. In „Don’t tell me that it’s over“, noch so ein Amy-Hit, heißt es: „Erklär mir, warum diese Welt so chaotisch ist.“ Oder: „ich will erkennen, worum es geht. Ich will leben, will etwas zurückgeben.“

So viel dazu: Ihrem Publikum gibt sie viel.


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