Winterbach Kulturinitiative Rock: Seit 25 Jahren holen sie die Stars ins Remstal

Winterbach. Vor 25 Jahren begann eine Erfolgsgeschichte, die im Zeltspektakel 2013 mit dem Auftritt von Joe Cocker ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Welche Höhepunkte können noch kommen, während die alten Rockgrößen unaufhaltsam das Greisenalter erreichen oder gar das Zeitliche segnen? Nachwuchs bei den Musikern gäb’s genug, meint Kulti-Chef Steffen Clauss, es hapere aber am Nachwuchs beim Publikum.

Bluesparade 2001 in Winterbach

Bluesparade zum 10-jährigen Vereinsjubiläum der Kulturinitiative Rock e.V. am 22. Juli 2001

Posted by Kulturinitiative Rock Winterbach e.V. on Samstag, 30. Januar 2016

Sie klingt jedes Jahr aufs Neue unwahrscheinlich, die Geschichte von dem Haufen ehrenamtlicher Vereinsschaffer, die ein Musikfestival mit – Zelt und Biergarten zusammengenommen – mehreren Zehntausend Besuchern stemmen und internationale Top-Musiker in die Provinz nach Winterbach holen. Ein Spektakel, organisiert, aufgebaut und betreut von einem familiären Kreis aus Musik-Enthusiasten und ihren vielen, vielen Helfern. „Die Verrückten von Winterbach“, so nenne sie ein Stuttgarter Großveranstalter noch heute, sagt Steffen Clauss, und so wie der Vorsitzende der Kulturinitiative das sagt, ist klar, er versteht es als Kompliment.

Clauss war einer der elf Verrückten, mit denen vor 25 Jahren alles begann. Sie waren damals in ihren Zwanzigern, junge Musikfreaks, die sich in verschiedenen Cliquen in einer Winterbacher Kneipe trafen. Einige hatten zuvor in Remshalden bei einem ähnlichen Verein, genannt „Music Live“, mitgemacht. Doch die Zuschauerresonanz sei damals nicht so gewesen, dass sich das Ganze finanziell getragen hätte, erinnert sich Clauss. Dennoch sagten sie in Winterbach: Wir versuchen das bei uns auch.

Energie und Euphorie: Wie der Rock nach Winterbach kam

200 Euro Einlage gab jeder, der am Anfang dabei war, als Risikokapital. Im April 1991 war es so weit: das erste Konzert mit dem Briten Steve Gibbons in der Lehenbachhalle, damals noch Schulturnhalle genannt. Es kamen auf Anhieb 430 zahlende Zuschauer. „Ein Hammerkonzert!“, schwärmt Steffen Clauss. Und der Lohn von viel Einsatz: „Wir haben Flyer verteilt wie verrückt. Da war richtig Energie dahinter.“ Diese Energie ist ihnen bis heute nicht abhandengekommen. Die reine Freude an der Musik und die Euphorie darüber, die bewunderten Rockhelden auf eine Bühne in ihren Ort holen zu können. Und das alles in einer fröhlich-familiären Vereins-Gemeinschaft.

Seit dem ersten Konzert ist das Winterbacher Rockprojekt kontinuierlich gewachsen. 1995 fand das erste Zeltspektakel statt. Es dauerte drei Tage. Mit dabei waren unter anderem Mother’s Finest, die Moody Marsden Band und Die Kleine Tierschau. Steffen Clauss nennt es heute ein „großes Abenteuer“. Termin war im Mai, es war bitterkalt und regnete. Der Sattelzug, der das 36-Meter-Zirkuszelt lieferte, blieb auf der Festwiese im Matsch stecken.

2001 feierte die Kulturinitiative groß das zehnjährige Jubiläum mit einer Bluesparade durch den Ort zur Festival-Wiese. Der ganze Ort und noch mehr Menschen waren auf den Beinen, als die Musikwagen, auf denen Bands spielten, vorbeizogen. „Da waren bestimmt 20 000 Leute am Straßenrand“, sagt Steffen Clauss.

Die Akzeptanz stieg in Winterbach in dem Maße, in dem die Veranstaltungen größer und professioneller wurden und das Zeltspektakel zu einem Aushängeschild, das den Ort überregional bekannt machte. „Am Anfang wurden wir schon belächelt“, sagt Steffen Clauss. „Wir waren ja auch junge Buba.“ Doch ein gewisser Zusammenhalt, die Unterstützung aus dem Ort war von Anfang an da. Ein Nachbar, erinnert sich Clauss, hätte sie nach dem ersten Zeltspektakel zusammengefaltet: Wenn es noch mal so laut wird, dann schneidet er die Kabel durch. Hart, aber herzlich: Gleich als nächste Handlung half der Winterbächer, mit seinem Traktor im Matsch steckengebliebene Fahrzeuge aus der Wiese zu ziehen. Heute ist das Zeltspektakel praktisch ein Teil der örtlichen Folklore. „Die Winterbacher fiebern mit“, sagt Steffen Clauss.

Mit dem Wachstum ist der Verein jetzt an einer Grenze angelangt. Die Festwiese gibt nicht mehr Platz her für ein noch größeres Zelt. Und: „Wir werden älter.“ Christoph Goldschmidt, seit 2007 dabei, spricht einen Umstand an, der Naturgesetz ist. Steffen Clauss fügt hinzu: „Das schlaucht einen schon, so ein Zeltspektakel.“ Genug davon haben sie aber noch nicht. Höchstens vielleicht kurz nach dem Festival, sagt Clauss, wenn man völlig platt sei, komme der Gedanke: Tu’ ich mir das noch mal an? Aber spätestens ein halbes Jahr danach spürt er schon wieder ein gewisses Kribbeln.

Grenzen des Alters: Im Verein, bei den Musikern und beim Publikum

Aber die Tatsache bleibt, dass seit den wilden Anfangszeiten 25 Jahre vergangen und die meisten Kulti-Mitglieder in gesetztem Alter sind. 520 Mitglieder hat der Verein, Tendenz immer noch leicht steigend. Doch mit dem Nachwuchs ist das so eine Sache. Sowohl im Verein als auch beim Publikum. Zwar gibt es viele junge Helfer beim Zeltspektakel. Aber im Kreis der Organisatoren, bei denen, die Verantwortung übernehmen, mache sich die Jugend bisher rar, sagt Steffen Clauss. Und für die Musik, die den harten Kern der Kulti immer antrieb, den Blues Rock, und die alten Rockheroen, brennen nur noch wenige von den Jungen.

Gleichzeitig sind die alten Haudegen des Rock natürlich in die Jahre gekommen. „Unsere Helden gehen stark auf die 70 zu oder sind drüber“, sagt Steffen Clauss. Eine ganze Reihe von Künstlern, die beim Zeltfestival gespielt haben, leben nicht mehr, Joe Cocker ist nur das prominenteste Beispiel, Steffen Clauss zählt ein paar andere auf: Rory Gallagher, Gary Moore, Jack Bruce, Johnny Winter. Das heißt nicht, dass mit ihnen die Musik stirbt: „Im Blues Rock gibt es jede Menge Nachwuchs“, sagt Clauss. „Aber das Publikum wächst halt nicht mit.“

Seit Jahren gibt es bei den Konzerten des Zeltspektakels und unter dem Jahr eines, das für ein breiteres, jüngeres Publikum gedacht ist. In Zukunft, überlegt Steffen Clauss, werden wohl zwangsläufig mehr jüngere Künstler ins Programm kommen.

Gibt es die Kulti und das Zeltspektakel also auch noch in 25 Jahren? Steffen Clauss denkt nicht so weit. Ihn interessiert vor allem das nächste Spektakel 2017. Schon lange „pfupfert“ es, die Künstler dafür zu organisieren. Aber Peter Hahn will sich vor dem Sommer nicht festlegen, ob die Kulti die Festwiese noch mal haben kann. Vorher können sie keine Verträge mit Künstlern abschließen. Es wird knapp werden. Aber die Verrückten von Winterbach werden es mit Leidenschaft und guter Organisation sicher wieder hinbekommen.

Jubiläumsprogramm im Frühjahr

Samstag, 13. Februar, Lee Ritenour, Lehenbachhalle.

Samstag, 20. Februar, Hamburg Blues Band, Strandbar 51.

Freitag, 4. März, Mitch Ryder und Band, Strandbar 51.

Samstag, 12. März, Mother’s Finest, Lehenbachhalle.

Samstag, 23. April, Hans Söllner, Lehenbachhalle.

Samstag, 7. Mai, Southside Johnny and the Ashbury Jukes, Lehenbachhalle.

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