Winterbach/Rudersberg Corona-Mobbing und Hilfsbereitschaft

Die leere Mensa des Rudersberger Schulzentrums. Wann hier wieder gegessen wird, ist wie bei anderen Bildungseinrichtungen ungewiss. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Winterbach/Rudersberg.
Am 29. Februar war die Welt für die meisten Menschen in Deutschland noch in Ordnung. Es gab da dieses Coronavirus, das in China gewütet hatte, das sich in Italien breitmachte und das weiter um sich zu greifen schien. Aber hier gingen die Dinge ihren gewohnten Gang. Giovanni Parise landete an diesem 29. Februar, Samstagabend, mit dem Flugzeug nach einem Urlaub in Neapel und Kalabrien wieder in Deutschland.

Der 44-Jährige erlangte ungewollt Berühmtheit, weil er der erste bestätigte Corona-Fall im Rems-Murr-Kreis war. Es war eine Nachricht mit großem medialem Echo. Sie hatte zur Folge, dass Anfang März – deutlich vor den anderen Schulen – das Schulzentrum Rudersberg für einige Tage geschlossen wurde. Seitdem ist viel passiert, die Welt ist eine andere geworden. Giovanni Parise hat nach einigen kritischen Tagen im Krankenhaus seine Infektion gut überstanden und ist seit einer Woche wieder zu Hause. Doch im Zusammenhang mit dem Fall einer Winterbacherin, über die unsere Zeitung berichtet hat.

Die Winterbacherin war ebenfalls einer der frühen bestätigten Infektionsfälle und wurde danach schwer angefeindet und ausgegrenzt. Mehrere Leser des Artikels über das, was sie erlebt hat, schrieben in Kommentaren auf Facebook von ähnlichen Fällen in anderen Gemeinden. (Lesen Sie dazu unseren Kommentar "Alle mal locker machen". ) Eine Frau wies darauf hin: Der Mann aus Rudersberg sei auch beschimpft, sein Haus beschmiert worden. Wir wollten wissen: Was ist da dran? Darüber konnten wir mit der Rudersberger Familie sprechen.

So scharf und krass wie die Frau in Winterbach seien sie nicht angegangen worden, sagt Giovanni Parises Frau, Francesca Prisco. Es stimmt zum Beispiel nicht, dass es Schmierereien am Haus gab. Im Großen und Ganzen hätten sie vor allem viel Solidarität erlebt: „Uns wurde tütenweise Essen vor die Tür gestellt, wir haben Karten und Blumen bekommen.“ Aber sie waren auch mit einigen unangenehmen Dingen konfrontiert.

Er fühlte sich schlapp und seine Frau beschlich eine ungute Ahnung

Nach der Rückkehr aus dem Urlaub am Samstagabend verbrachte Giovanni Parise den Sonntag mit seiner Familie zu Hause. Er fühlte sich nicht gut, er war schlapp und müde. Da beschlich seine Frau bereits eine ungute Ahnung. Neapel und Kalabrien galten zu dem Zeitpunkt noch nicht als Corona-Risikogebiete. Aber was, wenn er am Flughafen mit irgendjemand, irgendwas in Kontakt gekommen war? Trotzdem hätten sie gesagt: „Jetzt schläfst du dich aus und am Montag gehst du zur Arbeit.“ Doch Giovanni Parises Arbeitgeber hatte ähnliche Gedanken wie Francesca Prisco. Er bekam die Ansage: Bleib lieber zwei Wochen zu Hause, sicher ist sicher, bevor der ganze Betrieb lahmgelegt wird.

Tatsächlich ging es Giovanni Parise, dessen Lunge durch eine Vorerkrankung belastet ist, am nächsten Tag, am Montag, 2. März, schnell schlechter. Er hatte starke Kopfschmerzen, bekam hohes Fieber. Gleichzeitig meldete sich der Kollege, mit dem er in Italien gewesen war: Auch dem ging es schlecht. Also wandte sich Giovanni Parise an seinen Hausarzt. Doch es bedurfte am Ende, gelinde gesagt, einigen Nachdrucks von Francesca Prisco, bis der Arzt tatsächlich bereit war, den Familienvater auf das Coronavirus zu testen. Ein Anruf im Krankenhaus und beim Gesundheitsamt hatten sie zuvor nicht weitergebracht. „Es wurde von allen auf die leichte Schulter genommen“, sagt sie rückblickend.

Das positive Ergebnis des Tests erfuhren sie am nächsten Tag, Dienstag, 3. März, um die Mittagszeit. Francesca Prisco sagt, sie habe sofort reagiert und in der Schule angerufen, den Schulleiter informiert und darum gebeten, ihre Tochter, möglichst diskret, aus der Klasse zu holen. Ihr Sohn hatte da schon Schulschluss und war auf dem Heimweg. Wenig später wurde Giovanni Parise mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus nach Winnenden transportiert, wo er auf der Intensivstation versorgt wurde.

Noemi Parise: Trotz positivem Test keinerlei Symptome

Währenddessen wurde auch der Rest der Familie getestet. Bei der 14-jährigen Noemi fiel der Test positiv aus. Beim zehnjährigen Nilo und bei Francesca Prisco war das Ergebnis negativ – und ist es auch nach weiteren Tests bis heute. Wie sie das geschafft haben, wisse sie selbst nicht, sagt die 43-Jährige. Aber tatsächlich haben sie einiges unternommen, um sich innerhalb der Familie nicht anzustecken.

„Wir sind uns aus dem Weg gegangen.“ Sie seien in der privilegierten Situation, dass für die drei verbliebenen Bewohner im Haus jeweils ein eigenes Bad zur Verfügung stand. Sie aßen getrennt, putzten und desinfizierten alles ständig – und hielten sogar beim abendlichen Fernsehen im Wohnzimmer mindestens zweieinhalb Meter Abstand voneinander.

Noemi Parise merkte trotz des positiven Tests rein gar nichts von einer Infektion. Sie hatte keinerlei Corona-Symptome, keinen Husten, kein Halskratzen, gar nichts. Ihre größte Sorge galt ohnehin ihrem Vater. „Um den hatte ich Angst“, sagt sie. Sein Zustand verschlechterte sich in den ersten Tagen im Krankenhaus weiter. Zwar brauchte er keine Beatmung, bekam aber Infusionen mit fiebersenkenden Medikamenten und Flüssigkeit.

Zu Hause musste sich die Familie mit den Reaktionen ihres Umfelds beschäftigen, die nicht nur wohlmeinend waren. Noemi bekam online in sozialen Netzwerken gehässige Nachrichten. In Chatgruppen sei wild spekuliert und auch gehetzt worden. In einer öffentlichen Facebook-Gruppe ging eine Frau Francesca Prisco hart und mit Unwahrheiten an: Wie sie ihre hustende Tochter in den Unterricht habe schicken können? Doch es habe gleich andere gegeben, die Partei für sie ergriffen. Schließlich schaltete sich Thomas Smolarzcyk, Rektor des Rudersberger Schulzentrums, ein, rief bei der Frau an und brachte sie dazu, ihre Nachrichten zu löschen. Er sagt: „Die Familie hat nichts falsch gemacht.“ Sie habe sogar selbst dafür gekämpft, getestet zu werden, als das eigentlich noch niemand tun wollte, weil Süditalien noch nicht Corona-Risikogebiet gewesen sei.

Selbst ging die Familie offensiv mit allem um, sie stellten richtig, sagten, was war. Den Leuten, die ausfällig wurden oder ihnen mit Misstrauen begegneten, trägt Francesca Prisco das nicht nach. „Ich versetze mich auch in deren Lage. Ich habe gemerkt, die haben Angst“, sagt sie. „Ich habe allen geschrieben: Kommt auf uns zu, wenn ihr Fragen habt.“ Sie ging mit einer offenen Haltung auf die Leute zu. Sie dachte: „Es gibt ja auch noch ein Danach. Meine Tochter soll sich auch wieder auf die Schule freuen können.“

Das Statement der Lehenbachschule

Das Lehrerkollegium der Winterbacher Lehenbachschule hat zu unserem Artikel „Feindseligkeit gegen Corona-Infizierte“ ein Statement verfasst. Zum Hintergrund: Nachdem die Mutter eines Schülers positiv auf das Coronavirus getestet wurde, gab es Anfeindungen gegen sie, auch von Eltern anderer Schüler. Wir drucken das Statement der Lehrer hier im Wortlaut ab:

„Gemeinsam sind wir stark“ – Das war das Motto am „Tag der offenen Tür“ unserer Schule. Ein gutes Motto, das uns auch im Schulalltag weiterhin begleitet hat. Ohne zu ahnen, was auf uns zukommen und wie sehr sich die Welt innerhalb eines kurzen Zeitraums verändern würde.

Das Motto hat nun, in einer kurzen Zeit, weltweit an hoher Bedeutung gewonnen. Auch an der Lehenbachschule und in Winterbach soll dieses Motto weiterleben. Jetzt, beim Lernen von zu Hause aus, aber auch dann, wenn der Schulbetrieb wieder vor Ort aufgenommen werden kann.

Wir Erwachsenen sind hier wichtige Vorbilder für unsere Kinder. Deswegen ist es für uns Lehrerinnen und Lehrer vollkommen unverständlich, wie mit Personen unserer Schulgemeinschaft umgegangen wird. Wie Angst, Verunsicherung oder was auch immer dahintersteckt, in Hetze und Stigmatisierung einzelner Personen umschlägt.

Wir möchten uns mit den Betroffenen absolut solidarisch zeigen. Wer krank ist, soll Unterstützung, Zuspruch und Hilfe bekommen und spüren: „Gemeinsam sind wir stark“. Wir wollen mit allen in einem guten Klima weiterleben und arbeiten. Vielleicht wäre ein „Aufeinander-Zugehen“ aller Beteiligten an dieser Stelle hilfreicher als ein „Gegeneinander-Vorgehen“. Bleiben Sie alle gesund und auf ein gutes Wiedersehen!

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