Wintersonnwendfeier in Kaisersbach Knackendes Holz und Geschichten von früher

Lagerfeuer-Mythen: Die ursprünglichste Form der Wissensvermittlung. Foto: SDW Rems-Murr

Kaisersbach. Julfest, Mutternacht, geweihte Nächte – die Wintersonnwende hat viele Namen. Um die längste Nacht des Jahres ranken sich in vielen Kulturen Geschichten und Bräuche – auch in unserer. Eine Einladung, zurückzufinden zu jenen alten Geschichten, machten der Kreisverband der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und die Lebenshilfe Rems-Murr, mit einem Sonnwendfeuer mitten im Wald.

Kein elektrisches Licht, keine Stirnlampe stört die Stimmung im nächtlichen Wald auf der Häuptleswiese. Licht bringt der zurechtgelegte brennende Holzstoß. Statt weihnachtlichen Musikgedudels ist das knackende Holz zu hören, knisternd fliegen Funken davon, die Flammen führen einen unkontrollierten Tanz in der Dunkelheit auf.

Die Zuhörer bilden einen Kreis um das Feuer, haben etwas Heißes zu trinken in der Hand, die Gesichter sind vom Flammenlicht erhellt. Der vorweihnachtliche Erledigungs-Stresspegel fährt runter, es wird durchgeschnauft, umgeben von Bäumen dockt man wohlig an die Natur an und besinnt sich auf deren Schauspiel.

Zur Ruhe kommen und sich auf das Ursprüngliche besinnen

Die bevorstehende Nacht auf den 22. Dezember wird als Thomasnacht bezeichnet, die Raunächte stehen bevor. Jemand, der sich mit alten Mythen gut auskennt, ist die Wildnispädagogin Astrid Szelest von der SDW. Rund 20 Menschen lauschen ihren Geschichten über die lichtarme Zeit des Jahres. „Die Veranstaltung ist gedacht dazu, zur Ruhe zu kommen und sich auf das Ursprüngliche zu besinnen“, erklärt sie.

Die Zeit verändert etwas. Weihnachten und dass es Licht wird – ein Wendepunkt. Denn trotz kahler Bäume und vieler Tiere im Winterschlaf bahnt sich unter der gefrorenen Erde der nächste Frühling an. Wenn am kommenden Freitag die Wintersonnwende in der längsten Nacht den astronomischen Winter einläutet, geht es wieder aufwärts, der hellen Jahreszeit entgegen. Lichtwärts erwacht Zuversicht zu neuem Leben. Diesen Übergang spüren wir, unser Körper bekommt es mit, wenn sich die Lebens- und Lichtrichtung ändert. Jeder finde einen Bezug zum Übergang vom Dunkel zur Helligkeit.

Szelest legt den Zuhörern nahe, jetzt viel draußen zu sein. „Die Stille im Wald, die Lichtstimmungen sind ganz besonders.“ Das Licht ist zwar spärlich, doch die Elemente seien spürbar. „Jeder Tag hat eine eigene Atmosphäre“, sagt sie, auf die nahenden Raunächte verweisend, bei denen jede Nacht für einen Monat des nächsten Jahres stehe, Menschen früher hätten in den dunkelsten Tagen ein Orakel gesehen.

„Bis ins 18. Jahrhundert gab es im Welzheimer Wald Hexenglauben“

Szelest empfiehlt, die Wolken und die häufig wechselnde Windrichtung zu beachten. Während sie erzählt von Erdluitle und Hausschlumpern – dienstbare Geister, helle Wesen, an die unsere Vorfahren geglaubt haben –, werden lodernde Fichten- und Buchenscheite immer wieder von einem Windstoß erfasst, Funken wirbeln auf und kreisen wie Glühwürmchen über der Feuerstelle.

„So wie wir haben Menschen jahrhundertelang das Licht begrüßt“, sagt Astrid Szelest. Ihr gehe es um die Naturbetrachtung, um Waldbezug und um Wissen, das sie noch unkompliziert von ihrer Großmutter vermittelt bekam. „Bis ins 18. Jahrhundert gab es im Welzheimer Wald Hexenglauben“, sagt sie. In einer Zeit ohne soziale Medien haben sich die Menschen am Feuer Geschichten erzählt.

Viele Ältere wüssten noch, dass zwischen den Jahren – während der Raunächte – keine Wäsche gewaschen werden soll. Die Menschen waren angehalten, ausgeliehene Sachen zurückzubringen, Ordnung zu schaffen im Haus und den Stall zum Schutz vor Geistern einzuräuchern.

15 bis 17 Stunden Finsternis: Das nahende Frühjahr ist schwer greifbar

„Ich liebe es, ins Feuer zu schauen und die Geschichten von früher zu hören, sie sind schön“, sagt Silvia Bernlocher aus Welzheim. Dass das Frühjahr irgendwo hinter den eisigen Minusgraden schon Kraft schöpft, ist mit bibbernden Lippen und Eisfingern schwer vorstellbar. Derzeit herrschen rund 15 bis 17 Stunden Finsternis.

Ein näherliegendes Gefühl beschreibt ein Kaisersbacher. „Wenn es nachmittags dunkel ist, wird man schon melancholisch, aber das ist das Schöne an unserer Gegend.“


Was wird eigentlich gefeiert?

Die Wintersonnwende, der kürzeste Tag des Jahres, fällt auf den 21. Dezember. Der vorgezogene Termin für die Feier sei gewählt worden, um der Lebenshilfe organisatorisch entgegenzukommen, erklärt Astrid Szelest. Das Feuer haben die Schutzgemeinschaft Wald und die Lebenshilfe gemeinsam organisiert.

Wintersonnwende bezeichnet die tiefste Nacht des Jahres. Sie wird deswegen auch Mutternacht (althochdeutsch Modranecht) genannt.

Die Wintersonnwende wurde von den Kelten oder auch Germanen ursprünglich nicht nur in einer Nacht gefeiert. Die Feier ging eigentlich zwölf Nächte lang. Diese Nächte nannte man Raunächte. Im Allgäu und in den Alpenländern wird diesen Raunächten eine ganz besondere Bedeutung zugemessen. Sie gehören zu den heiligsten Nächten des Jahres (Quelle: Jahreskreis.info).

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